Imprägnierung: Verjüngungs-Trick für Funktionstextilien

Es wirkt ein bisschen wie fauler Zauber – man nehme eine alte Funktionstextilie, sprühe eine Flüssigkeit auf, und sie funktioniert wie eh und je, teilweise sogar besser. Wie dieser „Zauber“ ­entsteht, lesen Sie in unserem Serviceteil.

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© istock

Text: Timo Dillenberger

Mit viel ­Optimismus steht der Frühling ja quasi schon parat – Zeit für die Einen, die Outdoor-Bekleidung wieder aus dem Schrank zu holen, und für die Anderen, sie nach einem nass-schmuddeligen Winter einer frühjährlichen Inspektion zu unterziehen. In beiden Fällen geht es nicht darum, nicht mehr perfekt regendichte Klamotten auszumustern. Funktionsbekleidung und speziell Markenware hat ähnlich wie eine Katze mehrere Leben. Aber wie können eigentlich ein Spray, eine Spülung oder eine Creme für unter 20 Euro die Materialeigenschaften einer Jacke für mehrere Hundert Euro wiederherstellen?

Ohne jetzt genauestens auf die Funktionsweise moderner Textilien einzugehen: Es ist weder der Stoff allein noch die DWR-Behandlung ab Werk, die die wasserdichten, aber gleichzeitig atmungsaktiven – sprich dampfableitenden – Eigenschaften einer Jacke oder Hose ausmachen. Es ist ihr Zusammenspiel. Dabei kann dieses „Teamwork“ aus den unterschiedlichsten Partnern bestehen, die Hauptsache ist, sie müssen zueinander passen. Und hier liegt auch schon der erste mögliche Fehler bei der Nachbehandlung durch den Nutzer. Die wenigsten Produkte funktionieren gleich gut auf unterschiedlichen Stoffen, und im Allgemeinen ist die Erstausrüstung durch den Hersteller die am besten harmonierende. Man sollte also grundsätzlich beim Kauf nach der Imprägnierart fragen und die Antwort notieren. Wenn das nicht mehr geht: Naturfasern wie Mohair oder Leinen sind sehr oft mit natürlichen Mitteln wie Wachsen behandelt, moderne Membranlaminate oder Softshells eher mit künstlichen Lösungen mit oder ohne Fluor. Imprägnieren bedeutet etymologisch übrigens „durchtränken“ und ist deshalb eigentlich falsch. Hydrophobieren wäre das angebrachtere Wort. Das bedeutet, dass die Oberfläche so verändert wird, dass Wasser statisch abgestoßen wird. Man erkennt das dadurch, dass sich auf der Oberfläche große, pralle Tropfen bilden, anstatt dass das Wasser in die an sich saugfähige Fasern eindringt! Die erwähnte Durchtränkung mit Wasser, einem Wachs oder der Imprägnierlösung würde die zweite Funktion einer Funktionstextilie nämlich empfindlich stören, die Durchlässigkeit von Dampf von innen nach außen; bis zu 60 Prozent der Dampfdurchsatzrate kostet eine nasse oder mit der Imprägnierung zugekleisterte Jacke!

Was macht Stoffe hydrophob?

Ein gut vorzustellendes Beispiel sind Öltropfen in Wasser. Die beiden Flüssigkeiten stoßen sich gegenseitig ab, wie man beim Anrühren von Salatdressing sehen kann. Das Öl bildet auf Grund der höheren Oberflächenspannung dicke Tropfen im Essig, die zunächst kleinen Tröpfchen werden sozusagen von der umgebenden Flüssigkeit zu immer größeren „zusammengetrieben“. Ähnlich auf der Jacke: Ganz gleich, ob die aufgetragene DWR-Schicht aus Fluorcarbonharzen, Wachsen oder Paraffinen, Silikonen oder Polyurethan-Dendrimeren bestehen, sie alle bilden an der Oberfläche eine sehr feinmaschige Netzstruktur mit hoch hydrophoben Eigenschaften. Sie zwingen selbst feines Wasser-Spray zu dicken Tropfen zusammen, die dann von der Textilie abperlen. Wichtig: Die Fasern des Stoffs sollen mit dem Imprägnierer umhüllt, aber nicht zugekleistert werden! Je feiner die Webdichte, desto weniger „Zaubermittel“ muss man auftragen. Deshalb funktionieren die microfeinen Membranen auch etwas zuverlässiger und mit dünnerem Auftrag als grobe Naturstoffe wie Leinen. Die Gitterstruktur erklärt übrigens auch, wie der Dampf, dessen Teilchen deutlich kleiner sind als die von flüssigem Wasser, noch Platz findet, den Stoff von innen zu durchdringen. Die hydrophobe Wirkung bei Softshells wird von meist bereits auf den Faden aufgebrachter DWR-Ausstattung ausgeübt, und kann genauso aufgefrischt werden, wie zum Beispiel nach dem Nähen gewachste Kleidungsstücke. Hier ist wieder sehr wichtig: Wachse und Ähnliches gehören eher nicht auf Membranen, sie verstopfen die feinen „Poren“ und bilden eine Dampfsperre. Die Jacke oder die Hose ist regendicht, man schwitzt aber darunter sehr! Letztendlich sind Funktionstextilien nahezu wasserdicht aufgrund der elektrostatischen Abstoßungen von DWR-Ausrüstung und Wasser. Im Unterschied zu allen übrigen sind Fluorcarbonharze zusätzlich genauso „abstoßend“ bei Ölen, Fetten und Schmutz.

Wirkung contra Verantwortung

Das Wundermittel gibt es nicht. Und im Spagat zwischen Wirkung, Haltbarkeit und Umweltbewusstsein sollte man sich stets fragen: Muss es denn das Hardcore-Zeug sein, oder reicht mir ein wasserlösliches Produkt ohne POFA2. Am beständigsten und wirksamsten sind zwar diese Fluorverbindungen. Sie sind aber nicht natürlich und zersetzen sich nicht mehr. Sollten Sie ein Produkt mit sogenannten C8- oder POFA-Wirkstoffen in die Finger bekommen, lassen Sie es bitte stehen. Sie werden über die Haut aufgenommen, reichern sich im Körper an und stehen stark im Verdacht, krebserregend zu sein. Unser Experte Till Gottbrath (3) nannte diese mitunter verbotenen Substanzen mal ein „echtes Sauzeug“! Zu Recht, wie wir finden, zumal mit den C6-Fluorverbindungen eine gut funktionierende, verträgliche, wenn auch nicht komplett umweltfreundliche Alternative bereitsteht! Wer also nicht gerade tage- oder wochenlang auf Tour ist, sollte lieber öfter den Wetterschutz auffrischen und so Natur und Material schonen. Die Chemie kann nämlich auch Materialien angreifen. Deshalb rät Lambert Hettlich von Hey Sport (1) generell zum Verträglichkeitstest an einer verdeckten Stelle oder gleich zu seinem „Leder Impra“-Spray, das sich neben Leder mit nahezu jedem anderen Material gut vertrage. Bonuspunkt: Das Spray mit Druckluft als Treibmittel kann zu 99 Prozent genutzt werden, es bleiben kaum Reste in der Flasche. Gerade bei Sprays eher auf die angegebene Ergiebigkeit als auf die reine Menge achten.

Expertentipps für Anwender

Funktionstextilien müssen gewaschen werden! Natürlich nicht so regelmäßig wie Alltagskleidung, aber Schweiß, Hautschuppen, Cremes oder Umweltschmutz beeinträchtigen mit der Zeit die Funktion. Tipp von ­Vera Gratzl von Erdal: „Nie Waschmittel und Imprägnierung gleichzeitig verwenden, eher Extraspülgang einlegen, auf gar keinen Fall aber Weichspüler.“

• Schalten Sie auf Handwäsche oder Schongang, die Tapes über den Nähten halten dann viel länger. Ein zusätzlicher Spülgang holt die letzten Reste Waschmittel aus dem Stoff, damit ist er bereit für die Nachbehandlung.

• Warten Sie mit der ersten Nachbehandlung. Lässt das Abperlen nach, stecken Sie die Kleidung für 20 Minuten bei mittlerer Temperatur in den Trockner, oft reicht das zum Auffrischen und schont die Umwelt!

• Produkte mit Lösungsmitteln sind leichter anzuwenden, aber nicht ideal für Natur und Atemwege. Wer sie nutzt, draußen sprühen und die Textilien mindestens einen halben Tag an der frischen Luft hängen lassen.

• Manche Outdoorexperten raten bei Soft-shells zu Spray statt Einwaschprodukt, da die Innenseite so hydrophil, also schweißaufsaugend, bleibe. Vera Gratzl betont, ihr „Bionicdry“ lege sich so dicht und fein auch an die Fasern des Futterstoffs, dass der Dampf das Gewebe ganz leicht passieren könne, Aufsaugen sei gar nicht nötig.

• Bei Naturfasern empfehlen wir leicht anzuwendende Wash-in-Produkte. Sie ver­teilen sich beim Waschen sehr gleichmäßig, Wärme aktiviert zudem den Wirkstoff. Danach ­auswringen und draußen trocknen lassen. Auch ein Schwammauftrag ist möglich.

• Wenn machbar, nutzen Sie ein Spray ohne Treibgase oder Zerstäuber.

• Halten Sie sich an die Dosierungsanleitung. Es gibt auch tatsächlich ein Zuviel an DWR-Behandlung. Auch Lambert Hettlich betont: „Umcoaten, nicht versiegeln, damit die Atmungsaktivität erhalten bleibt“! Praktisch beim Auftragen ist eine gute ­Beleuchtung: Man sieht, wo man schon war.

• Die Imprägnierung nutzt sich auch durch Reibung ab, also unter den Armen, zwischen den Beinen, an den Schultern und im Rücken­bereich. Hier kann nach kurzer ­lokaler Reinigung der Wirkstoff auch zwischendurch aufgetragen werden. Erdal rät dann oder bei „unwaschbarer“ Ausrüstung zum konzentrierten Schwammauftrag.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2016

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