Die Südsee vor der Haustür

Schneeweißer Sandstrand, sanft schwingendes Schilfgras, funkelnd blaues Wasser: Die Rede ist nicht von der Karibik! Im ehemaligen Braunkohle-Tagebau vor den Toren von Leipzig ist in den vergangenen Jahren eine einzigartige Seenlandschaft entstanden. Ein gigantische Renaturierungs-projekt. wanderlust-Autorin Alexa Christ war da – ausnahmsweise nicht zu Fuß, sondern mit dem Rad.

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Entspannte Atmosphäre: wanderlust-­Autorin Alexa Christ am Cospudener See, den Fußgänger wie Radfahrer auf einem ­asphaltierten Weg umrunden können.
© Alexa Christ

Text: Alexa Christ

Eine wahre Mondlandschaft muss das früher gewesen sein – dreckig braun, karg, trist. Ganze Siedlungen und riesige Flächen Auenwald mussten weichen, damit die Braunkohle-Bagger sich durchs Erdreich fressen konnten. Ein schmutziges Geschäft. Und heute? Soll hier ein einmaliges, 70 Quadratkilometer großes Seen­paradies entstanden sein – künstlich zwar, ja, aber wunderschön. Ich bin skeptisch. Zumal es mit dem Rad vom Zentrum Leipzigs aus gerade mal eine halbe Stunde dauern soll, bis man einen Hauch Südsee-Feeling erhaschen kann. Mitten in Sachsen. Andreas Schmidt, der die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit seiner Heimatstadt Leipzig leitet, will es mir beweisen. Dazu hat er extra das Fahrrad seiner Frau für mich mitgebracht. Also schön, auf geht’s ins Leipziger Neuseenland.

Der Schweinefütterer

Wir radeln erst mal am verträumten Johanna-Park entlang, biegen von dort in den nicht minder schönen Clara-Zetkin-Park und folgen dem Lauf des Elsterflussbetts. Dort herrscht heute Hochkonjunktur. Weil die Sonne so schön vom Himmel lacht, nehmen viele Wanderer die Wasserroute und paddeln einfach vom Leipziger Stadthafen über Elster- und Pleißeflussbett, Floßgraben und Waldsee Lauer bis zum Cospudener See. Auch das geht. Doch egal ob im Kanu, auf dem Rad oder zu Fuß: Der Weg führt durch den südlichen Auwald, und der ist definitiv ein Erlebnis! Stopp, ich muss sofort vom Rad runter und ein Foto von diesem grünen Dschungel machen. Uralte Bäume strecken ihre Zweige bis weit über das Flussbett hinaus, spiegeln sich im milchigen Wasser. So stelle ich mir eher den Amazonas vor! Die urwald­ähnliche Szenerie ist aber nicht die einzige Überraschung, die hier wartet. „Lass uns dort vorne links abbiegen, ich will dir etwas zeigen“, ruft Andreas herüber und macht kurz darauf vor dem Wildpark Leipzig Halt. Mitten im Auwald, auf rund 46 Hektar Areal, haben 25 Tierarten eine Heimat gefunden – vom Schwarzwild über Luchs und Waschbär bis hin zum Wisent. Die Ursprünge des Wildparks gehen auf das Jahr 1904 zurück, als der Mühlenbesitzer Jacob der Stadt ein kleines Damwildgehege schenkte. Heute leben etwa 250 Tiere hier. Der Eintritt ist nach wie vor kostenlos. Viele freiwillige und ehrenamtliche Bürger helfen, dass das so bleibt. Einen von ihnen treffen wir bei den Wildschweinen an. Es ist Roland Baumann, der sich selbst den „Schweinefütterer“ nennt. Der Mittsiebziger kommt jeden Tag vorbei und bringt eine Wundertüte mit Leckerlis mit. Diesmal sind es Unmengen an Äpfeln. „Ich kenne viele Streuobstwiesen in der Gegend“, erzählt der Rentner. „Die fahr ich regelmäßig ab und sammle alles ein, was ich kriegen kann – Äpfel, Kastanien, Walnüsse. Die Kastanien haben die Wildschweine doch tatsächlich verschmäht, aber die Rehe haben sich drüber gefreut.“ Aha, wieder was gelernt – offensichtlich sind Schweine doch keine Allesfresser. Oder nur ihre wilden Artgenossen gerieren sich als Gourmets. Die Äpfel finden jedenfalls großen Anklang. Vor allem bei den putzigen Frischlingen, die sofort herbeigelaufen kommen. Klack, schon ist das nächste Fotomotiv im Kasten.

Buntes Treiben am „Cossi“

Danach geht es wieder rauf auf den ­Sattel. Der Kees’sche Park, ein Teil des ehemaligen Rittergutes Gautzsch, ist das Tor zum Cospudener See, den die Einheimischen nur „Cossi“ nennen. Wie die anderen der insgesamt 23 Seen im Leipziger Neuseenland ist er in einem ehemaligen Tagebau-Restloch entstanden – 400 Hektar groß und 54 Meter tief. Als er vor uns auftaucht, staune ich über das perfekte Postkarten-Motiv. In der Ferne azurblaues, herrlich glitzerndes Wasser und davor: feinster Sandstrand und ein Bikini, der einsam in der Sonne liegt. Kinder ­planschen im Wasser, das beste­ ­Badequalität hat.

Auf dem asphaltierten Rundweg um den See ziehen Radfahrer, Inline­skater und Spaziergänger ihre Kreise. Die meisten haben den Zöbigker Hafen am Oststrand als Ziel. Dort verströmen kunterbunte Holzhäuschen Skandinavien-Flair. Schneeweiße Boote und knallgelbe Tretbötchen schaukeln im Wasser. Auf der Terrasse des Hafenrestaurants werden kulinarische Leckerbissen aufgetischt.

Abschalten im Strandcafé

So geschäftig es hier an heißen Sommer­tagen zugeht, so einsam ist es am Süd­ufer des Cossi, wo Baden, Bootfahren und Fahrgastschifffahrt untersagt sind. Das Gebiet ist Brut- und Lebensraum für zahlreiche Vogelarten. „Einige Gewässer des Leipziger Neuseenlands sind reines Naturschutzgebiet“, erklärt Andreas. Eine kleine Wiedergutmachung für das, was der Landschaft durch den Braunkohletagebau angetan wurde. Weil das Wetter so schön ist, radeln wir kurz entschlossen noch zum Nachbarsee hinüber – den ­Markkleeberger See. Hier darf man in bestimmten Teilbereichen sogar angeln und Karpfen, Hechte, Rotfedern oder Große Maränen aus dem Wasser ziehen. Die eigentliche Attraktion aber ist der Kanupark. Hätte Leipzig die Olympischen Spiele bekommen, wären hier die Wettbewerbe im Rudern, Kanu- und Kajakfahren ausgetragen worden. Stattdessen kann sich hier nun jedermann auch ohne Vorkenntnisse in die wilden Fluten stürzen. Oder mit ein bisschen Glück der internationalen Kanu-Slalom-­Elite beim Training zuschauen. Mindestens genauso schön ist es aber, auf der Terrasse des Strandcafés zu sitzen, ein Glas Wein zu genießen und den Blick über den schimmernden See gleiten zu lassen. Wenn dann noch die Abendsonne als glutroter Ball im Wasser versinkt, ist es endgültig da, das Südsee-Feeling. Nur einen Steinwurf von Leipzig entfernt.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2016

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