Geologie zum Anfassen

Kristalle, Fossilien, Bernstein: Milliarden Jahre Erd- und Klima­geschichte stecken in kleinen, meist kaum beachteten Steinen. In einer Kieswerk-Exkursion im norddeutschen Zweedorf führt Diplom-­Geologin Kerstin Pfeiffer Besucher in die Welt der Steine ein und zeigt jedem, der genau hinschaut, dass diese kein lebloses Material sind.

Text: Inga Dora Meyer, Fotos: Malte Schwarzer

Fast täglich laufen wir über Kieselsteine, ohne sie eines einzigen Blickes zu würdigen. „Steine? Die sind doch grau und langweilig“, denken viele. „Dabei haben sie wirklich ein bisschen mehr Beachtung verdient“, meint Diplom-Geologin ­Kerstin Pfeiffer vom „GeoPark Nordisches Steinreich“. Sie führt Besucher in der ­Kiesgrube Zweedorf, im äußersten ­Westen Mecklenburg­-Vorpommerns, in die faszinie­rende Welt der Geologie ein. An einem großen Steinhügel hält sie an und marschiert hinauf. Zielstrebig durchsucht sie ihn und wird schnell fündig. Das Objekt der Begierde ist ein Flint, auch unter dem Namen Feuerstein bekannt. „Man erkennt ihn an seiner schwarzen bis ­milchig-grauen Farbe. Ich nenne ihn auch den Opal des Nordens. Zum einen wegen seiner faszinierenden Farbvielfalt, zum anderen, weil er sich chemisch kaum vom Edelstein unterscheidet. Beide bestehen aus Siliziumdioxid. Unsere Vorfahren ­haben daraus in der Steinzeit Werkzeuge und Waffen hergestellt. Er ist in der Kreide­zeit entstanden und mindes­tens 65 Millionen Jahre alt“, erklärt sie. Sehen Sie die kleinen Punkte darin? Die ­kleinen ­Verästelungen, die an Omas Spitzendeckchen erinnern? Das sind versteinerte Moostierchen.“

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Für Laien ist dies zunächst ein bloßer Steinhaufen, für Experten ein Zeugnis von Milliarden ­Jahren Klima- und Erdgeschichte.

Geschichten von damals

Wenig später fischt sie einen Granat aus dem Haufen. „Die dunklen, roten Kristalle sind die gleichen wie beim bekannten böhmischen Granatschmuck. Aber besonders faszinierend ist, dass der Stein erst in große Tiefen versenkt wurde und dann wieder an die Oberfläche gelangt ist.“ Auch zum unscheinbaren, hellroten Sandstein weiß sie eine Geschichte zu erzählen. Er entstand in einer Wüstenlandschaft, die dem australischen Outback ähnelt, wo es noch heute roten Sand gibt. In der ­damals sehr großen, trockenen ­Landmasse gab es keinen Regen. Dieser hätte die rote Farbe, die vom Eisenoxid stammt, ­herausgewaschen“, sagt sie. Bei einem grau-grünen Stein weist ­Kerstin Pfeiffer auf eine v-förmige ­Struktur hin. „Hier ist ein Kopffüßer, ein tintenfischartiges Fossil drin, das vor über 400 ­Millionen Jahren in der Region der schwedischen Ostseeinsel Öland lebte.“ Sie ­beträufelt den Stein mit einer Salzsäure. Er schäumt stark auf. Anhand dieses Tests kann man Kalkstein von anderen Steinen unterscheiden. So ­erfährt man etwas über die bewegte Vergangenheit des Steins. Kalk lagert sich im Meer nämlich dort ab, wo es sehr warm ist – wie etwa in der Karibik. Die Geologin schafft es, für den Laien gewöhnliche Steine zu etwas Besonderem zu machen. Sie öffnet den Blick für das, was wirklich in ihnen steckt. Ihr Motto: „Geologie ist dort am spannendsten, wo man sie anfassen und erleben kann.“ Damit begeistert sie Jung und Alt. Kinder wie Erwachsene schwärmen während ihrer Exkursion mit einer bunten Schutzbrille, einer Sprühflasche voll Wasser und einem Hammer wie Suchhunde aus. Wirkt ein Stein mit bloßem Auge grau und trist, sieht er nach dem Befeuchten mit Wasser schon viel farbenfroher und spannender aus. Schlägt man ihn mit dem Hammer auf, so verändert er sein Aussehen noch einmal. Das Innere kommt zutage. Quarz und andere Mineralien wie Feldspat, Glimmer oder Granat werden erkennbar. Nimmt man sie dann unter die Lupe, ist die Faszination noch viel größer.

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Aus solchen Feuersteinen- auch Flint genannt - werden mancherorts Schmuckstücke hergestellt.

Schätze zum Mitnehmen

Auch Hobbysammler kommen im Kieswerk ganz auf ihre Kosten. „Einmal hat eine Besucherin einen besonders ­großen ­Bernstein gefunden, der einen ­Zentimeter hoch und fast handtellergroß war“, erzählt Kerstin Pfeiffer. Den Echtheitsfaktor überprüft die Wissenschaftlerin gleich vor Ort. Sie hat immer einen kleinen Plastikbecher mit stark salzhaltigem Wasser parat. Schwimmt das Suchgut oben, handelt es sich um das ­begehrte fossile Harz. Neben Bernstein sind ­Fossilien, zum Beispiel ­versteinerte Seeigel, ­begehrt. Aber auch kleine ­versteinerte Holzstücke, Knochen, Muscheln und Schneckengehäuse lassen die Herzen ­höher schlagen. Die kleinen Schätze zum „In-die-Tasche-Stecken“ erzählen von längst vergangenen Zeiten. „Jeder Stein ­bietet einen ganz eigenen Einblick in die ­Entwicklungsgeschichte   Nordeuropas. Ganz Skandinavien liegt uns hier zu Füßen. Mehrere Milliarden Jahre Erd- und Klima­geschichte werden wieder lebendig, wie sie in dieser Form nur im norddeutschen Tiefland zu erleben sind“, so die Expertin. Verantwortlich dafür sind die Eiszeiten, in denen sich Gletscher aus dem hohen Norden in die heutige Region vorschoben und diese nachhaltig formten. Das Eis brachte ­unvorstellbar große Mengen an ­Gesteinsmaterial mit. Vor dem Eisrand breiteten sich später ausgedehnte Sanderflächen (von Isländisch „Sandur“) aus, in denen sich Sande, Kiese und Gerölle aus den Schmelzwasserrinnen der Gletscher ­ablagerten. In diesen Sanden finden sich in Zweedorf lose Muscheln, die aussehen, als wären sie noch vor Kurzem in einem Meer gewesen, doch sie sind ­älter als die älteste Eiszeit. Diese Muscheln lebten vor mehr als 23 Millionen Jahren. „Zu unserer Natur gehören daher nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern auch die Steine. Sie bilden die Grundlage für alles, was sich später entwickelte“, so die Geologin. „Das vergessen nur viele.“

Nicht wild betreten!

Der ungewöhnliche Exkursionsort zählt zu den Highlights des „GeoPark Nordisches Steinreich“, der sich von Hamburg bis Schwerin und von Lüneburg bis zur Ostsee erstreckt. Für die rund ­90-minütige Führung erteilte die CEMEX Kies & Splitt GmbH, Besitzer dieses Kieswerks, eine Genehmigung. Damit auch zukünftig Besucher das Kieswerk erleben können, weist Kerstin Pfeiffer darauf hin, es nicht wild zu betreten, sondern sich einer der Führungen anzuschließen. Und die ­bieten wirklich span­nende Entdeckungen en masse.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 05 / 2016

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