Heidenheimer Brenzregion – Ostalb: Durchs Tal der Höhlen und Mammutjäger

Mitten in Süddeutschland liegt der UNESCO Geopark Schwäbische Alb mit dem Fördergebiet Brenzregion. Wander- ebenso wie E-Bike-Freunde finden hier nicht nur Täler mit markanten Jurafelsen, Wacholderheiden, Kulturgeschichte und zahlreiche regionale Spezialitäten, sondern auch beste Voraussetzungen für eine Reise ins Reich der Vergangenheit.

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Die Brenz schlängelt sich 55 Kilometer lang von Heidenheim aus in Richtung Donau.
© Stefan Loeber

Text: Astrid Schlüchter

Es hat rund 40.000 Jahre auf seinem Buckel – das kleine Eiszeit-Mammut aus Elfenbein. Forscher haben es 2006 in der Vogelherdhöhle im Lonetal entdeckt und herausgefunden, dass die kunstvoll geschnitzte Figur tatsächlich aus dem Zeitalter des Aurignacien stammt, der jüngeren Altsteinzeit (vor 31.000 bis 40.000 Jahren). Eine Sensation, insbesondere für die Heidenheimer Brenzregion, die mit Hilfe des kleinen Stars jedes Jahr jede Menge neugierige Besucher anlockt. Neben dem spektakulärsten und wahrscheinlich ältesten Zeugnis früh-menschlicher Kultur zeigen auch ein Bison, ein Bär und ein ­Höhlenlöwe, dass die Wiege der Kunst im Lonetal zu finden ist.

„Pilgerweg en miniature“

Wer sich auf eine abenteuerliche Spurensuche begeben möchte, ist im Archäopark Vogelherd in Niederstotzingen bei Heidenheim genau richtig. Spannend ist die erdhistorische Relevanz des Lonetals, dessen Entstehungsgeschichte im Jura vor mehr als 150 Millionen Jahren begann, als riesige Ichtyosaurier im Urmeer der Schwäbischen Alb lebten.

Auf dem Wohnmobilstellplatz an der Charlottenhöhle ist einiges los. Für Reise­mobilfreunde ist es der perfekte Ausgangspunkt für Tagestouren – schließlich befindet er sich in unmittelbarer Nähe des Höhlenzentrums in Hürben und ist Anlaufstelle für Gäste, Wanderer und Radfahrer, die sich über die Region informieren, rasten oder auf einer Tour rund ums Lonetal unterwegs sind. Wer jedoch einen festen Platz zum Campen sucht, ist in der „Hasenmühle“ bei Heidenheim besser aufgehoben. Hier gibt es nicht nur größere Stellplätze, sondern auch Sanitäranlagen und einen wundervollen Blick in Richtung Hahnenkammsee. Lohnenswert ist die Rast an der Charlottenhöhle trotz allem, denn nur einen Steinwurf entfernt führt seit Jahrhunderten einer der wichtigen historisch belegten Jakobswege durch Giengen. Über Ulm, Konstanz, die Schweiz und Frankreich geht’s von hier aus nach Spanien. Dabei sind noch rund 2.500 Kilometer zu bewältigen – es sei denn man wählt – wie wir – die kürzere Alternative: das „Jakobswegle“. Der „Pilgerweg en miniature“ lädt zu einem ganz besonderen Wandererlebnis ein: Anhand von Schautafeln entlang des Weges gelingt die schrittweise Annäherung an den faszinierenden großen europäischen Pilgerweg.

Da vom „Jakobswegle“ aus tolle Tagestouren bis hin zum Naturschutzgebiet Eselsburger Tal offenstehen, empfiehlt sich eine Kombination aus E-Biken und Wandern. Wer dann auch noch ebenso Wissenswertes wie Skurriles aus der Region erfahren möchte, bucht für die Tour einen ansässigen Alb-Guide. Siegfried Conrad kümmert sich in der Brenzregion um tolle Ausflüge für Fans des Wanderns, E-Bikens oder Nordic Walkings. Selbstverständlich hat er an Ort und Stelle immer die passende Geschichte parat.

Flinke Ostalblämmer

Nach dem „Jakobswegle“ geht es zu Fuß durch die malerische Umgebung rund um Steinheim am Albuch. Malerisch reihen sich vor allem die vielen Streuobstwiesen, Wacholderheiden und Kräuterhänge am Wegesrand. Nicht zu vergessen die für die Region berühmten Ostalblämmer, die friedlich auf der ein oder anderen Wiese grasen. Die sind nicht nur nett anzusehen. Da die Landschaft der östlichen Schwäbischen Alb nur durch die traditionelle Hüteschäferei ihren attraktiven Charakter erhalten konnte, werden sie hier vor allem auch artgerecht gehalten. Im Rahmen des Projekts „Ostalblamm“ wird die regionale Spezialität (zum Beispiel Ostalb Lamm-Curry oder Ostalb Lamm-Medaillons) seit 2004 unter einem eigenen Gütesiegel angeboten. So können die genügsamen Schafe unbedarft Kräuterhänge, Wiesentäler und Waldränder vor Verbuschung bewahren und die wertvollen Lebensräume seltener Tier- und Pflanzenarten erhalten. Vom Genuss dieser Spezialität kann man sich in ausgesuchten Gasthäusern und ­Restaurants überzeugen.

Idyll am Fuße der Brenz

Alb-Guide Siegfried Conrad packt schnell seine Lupe aus – die Wiesen und Heiden sind voll von Kräutern, Blumen und anderen heilenden Pflanzen. „Der Spitzwegerich ist ein wichtiges Hustenmittel und hat außerdem gute Fähigkeiten bei der Wundheilung. Wenn man kein Pflaster parat hat, können die zerkauten Blätter auf der Verletzung wahre Wunder bewirken.“ Mit etwas Glück findet man Orchideen, Silberdisteln, Sauerampfer, Knoblauchranke oder das Schöllkraut, das gerne zur Behandlung von Warzen verwendet wird. Oben auf der Burgruine Güssenburg, die auf einem nach Norden ausgerichteten Bergsporn westlich von Hermaringen liegt, gibt Conrad eine seiner zahlreichen Geschichten zum Bes­ten. Der Sage nach soll unter der Ruine ein geheimnisvoller Goldschatz schlummern. Es handelt sich wohl um Münzen, Schmuck und Edelsteine, die der berüchtigte Raubritter Hanns von Güß bei seinen Überfällen auf Kaufmannszüge aus Ulm, Giengen, Lauingen und Augsburg erbeutet hatte. Ein Abstecher zu dem vor 14,5 Millionen Jahren entstandenen Krater, der damals durch den Meteoriteneinschlag entstanden ist, ist zudem ein lohnenswertes Ausflugsziel.

Sanft schlängelt sich die Brenz durch die Landschaft bei Hermaringen, und so fühlen sich dort nicht nur die Schwäne wohl, sondern auch Kanufahrer paddeln gemütlich durch die Windungen des Flusses. Am Ufer finden sich Angler, die nach Fischen Ausschau halten. Mit etwas Rückenwind lässt sich die Ur-Brenz auch vom E-Bike aus bestaunen. Ihre Quelle liegt im Landkreis Heidenheim, ihr Wasser entfließt dem Brenztopf in Königsbrunn. Von hier aus begibt sie sich auf eine 55 Kilometer lange Reise bis hin zur Donau. Doch nicht immer bot der Fluss ein derart idyllisches Bild. Bauschilder erinnern noch daran, dass in den letzten Jahren größere Umbaumaßnahmen unternommen wurden. Die Renaturierung soll die Struktur des Gewässers verbessern, die Vielfalt im Fluss fördern und den Flusslauf neu modellieren. Im Zuge dessen wurden auch die Ufer naturnah gestaltet, um mehr Platz und Rückzugsmöglichkeiten für Jungfischbestände zu bieten. Aus dem geraden Flusslauf entstanden sanfte Bögen mit Stillwasserbereichen, es wurden neue Erlengruppen am Ufer gepflanzt und Steininseln für die Belebung des Strömungsbildes geschaffen. Und so können sich an der „neuen Brenz“ nicht nur die Menschen wohlfühlen, sondern auch zahlreiche Pflanzen und Tiere, wie der Biber, für den sogar Weidensteckhölzer als Nahrung angepflanzt wurden.

Starken Frauen auf der Spur

Weiter geht es in Richtung der 1344 erbauten Alten Mühle in Giengen-Burgberg. Zeit für eine kurze Reise in die ­Vergangenheit, denn genau hier erinnert eine Ausstellung an eine der bekanntesten Frauen der Region. Maria Gräfin von Linden war Deutschlands erste Professorin, die erste weibliche Studierende in Tübingen, die erste Naturwissenschaftlerin, die in Tübin­gen promovierte, und die erste Professorin in Bonn. Klar, dass in dieser Runde Margarete Steiff und ihre Traumwelt aus Kuscheltieren nicht fehlen darf. Eine faszinierende Frau, die trotz Handicap „ihren Mann“ stand, und das vor 130 Jahren. Wer Zeit hat, sollte dem Steiff-Museum mit der größten Ausstellung historischer Steiff-Tiere unbedingt einen Besuch abstatten. Die dritte im Bunde ist Lina Hähnle. Sie war die Gründerin und für fast 40 Jahre Vorsitzende des Bundes für Vogelschutz (BfV), was ihr den Spitznamen „deutsche Vogelmutter“ bescherte.

Die letzte Etappe führt durch das Naturschutzgebiet „Eselsburger Tal” bei Her­brechtingen. Es gehört zu den reizvollsten Landschaften der Ostalb. Bereits in der Steinzeit durchstreifte der Homo sapiens das Tal, jagte Rentiere und Bären und suchte Schutz in den Höhlen der Kalkfelsen. Später siedelten hier Kelten, dann Alemannen und schließlich Römer. So wurde diese Brenztalschleife zu einem Kleinod der Ostalb, das neben einer außerordentlichen Tier- und Pflanzenwelt prächtige Felsen und Burgenreste aufweist, um die sich natürlich auch Erzählungen und Sagen ranken. Über 640 Blütenpflanzen- und Farnarten gedeihen in dieser unberührten Idylle, und mehr als 80 Vogelarten suchen den Platz jedes Jahr zum Brüten auf. Erfahrene Kletterer besuchen die interessante Kulisse für die ein oder andere Tour oder den Ausblick in die atemberaubende Landschaft. Wer Lust hat, kann sich auf dem Burgen- und Sagenweg an sieben Stellen im Tal zwischen Anhausen und Herbrechtingen über Sehenswürdigkeiten und historische Ereignisse informieren. Wie auch über das bekannteste Merkmal des Eselsburger Tals, die „Steinernen Jungfrauen“, zwei schlanke Felsnadeln, um deren Entstehung sich eine schöne Sage rankt (s. S. 27). Oder die Sage vom Her­brechtinger Klosterschatz, der seinen Räubern den Tod und einem Armen Reichtum brachte. Das Kloster Herbrechtingen hat eine sehr bewegte Geschichte hinter sich und ist heute als Kulturzentrum wichtiger Treffpunkt für Veranstaltungen und Informationsabende. Wer will, kann im Hirschbachkeller nebenan regionale Köstlichkeiten genießen oder sich den Nachmittag im Klostergarten mit Kaffee und Kuchen versüßen. Und dann geht unsere Zeitreise zu Ende. Doch Entdecken könnte man noch einiges mehr, ein guter Grund für eine Rückkehr in die wundervolle Ostalb, die bestimmt auch im Winter ganz besonders reizvoll ist.

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© Stefan Loeber

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attachment iconGPX-Datei: E-Biken in der Schwäbischen Albregion

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 06 / 2014

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