Karneval zu Wasser

Am Nationalfeiertag der Stadt Ulm ­treffen sich Zehntausende an und auf der Donau, um gemeinsam zu feiern. Neben einer ­romantischen Lichterschau und der Schwörrede des Bürgermeisters zählt das „Nabada“, ein ­feucht-fröhlicher Wasserumzug, zu den ­Highlights der Feierlichkeiten.

Text: Inga Dora Meyer, Fotos: Malte Schwarzer

Die Donau in Ulm ist kaum noch als Fluss zu ­erkennen. Wie ein riesiger bunter Teppich breiten sich farbige Schlauchboote, selbst gebaute Flöße, aufblasbare Badeinseln und Gummitiere auf dem Wasser aus. Vereinzelt sind größere Fahrgeräte zu erkennen, darunter ein braunes Wikingerschiff mit einem rot-weiß gestreiften Segel. Daneben ein Kanu voll leicht bekleideter Badenixen in hellblauen und hellgrünen Kleidern. Am Horizont erscheint Bundeskanzlerin Angela Merkel als Pappfigur, vor ihr fährt eine rosafarbene, dreistöckige Geburtstags-Torte, hinter ihr ein blau-weißes Automobil in Form eines Smarts. Dazwischen eine Vielzahl von Schwimmern in Bade- und Neoprenanzügen. Sie alle gleiten eine sieben Kilometer lange Strecke vom Neu-Ulmer Ufer unterhalb der Eisenbahnbrücke stromabwärts bis zur Friedrichsau. „Nabada“ nennen die Ulmer ihren Wasserumzug, der auf Schwäbisch so viel wie „Hinunterbaden“ bedeutet und den großen Karnevalsumzügen in Köln und Düsseldorf ähnelt. Mehr als 30 große offizielle „Nabada“-Fähren, die von ansässigen Vereinen und anderen Gruppen fantasievoll und aufwendig gestaltet sind, nehmen aktuelle Politik und kommunale Geschehnisse auf die Schippe.

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Beim "Nabada" gibt es viel zu entdecken.

„Ulmer Spatza, Wasserratza, hoi, hoi, hoi!“

Die Stadtprominenz braucht eine gute Portion Humor. Den einen oder anderen Seitenhieb können sich die „Nabader“ nämlich nicht verkneifen. Neben den offiziellen Themenbooten stürzen sich jede Menge wilder Wasserratten und Hobby-Kapitäne mit den abenteuerlichsten Eigenkonstruktionen aus Holzlatten, Nägeln, Draht und Pappmaché ins kühle Nass. Musikkapellen, die auf waghalsig schwankenden Zillen spielen, wetteifern um die Gunst der Zuschauer, die zu Zehntausenden die Uferhänge der Donau säumen. Immer wieder ist der Schlachtruf „Ulmer Spatza, Wasserratza, hoi, hoi, hoi!“ zu hören. Damit werden die Teilnehmer des Wasserfestzugs angefeuert, sich gegenseitig nasszuspritzen, was zur ausgelassenen Stimmung beiträgt.

Oberbürgermeister legt Rechenschaft ab

Das feucht-fröhliche Spektakel am südöstlichsten Rand der Schwäbischen Alb findet jedes Jahr am vorletzten Montag im Juli statt. Der sogenannte „Schwörmontag“ ist der Nationalfeiertag der Stadt Ulm. Dieser beginnt mit der Schwörrede des Stadtoberhauptes. Vor Bürgern und Gästen muss der Oberbürgermeister in einer etwa einstündigen Rede Rechenschaft über das vergangene Jahr ablegen und den rund 120.000 Ulmerinnen und Ulmern die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Pläne für das kommende Jahr erläutern. Pünktlich um 11 Uhr tritt er dafür auf den Balkon des Schwörhauses am Weinhof, ein zu Beginn des 17. Jahrhunderts errichteter Repräsentationsbau, der explizit nur für diese feierliche Zeremonie gedacht ist. Der Platz ist mit Bedacht gewählt, denn der Weinhof galt schon lange vor dem Bau des Schwörhauses als ein Ort, an dem Verträge unter Mitspracherecht der Bürger geschlossen wurden. In der Tradition des „großen Schwörbriefs“ aus dem Jahre 1397, der besagt, dass sich Bürgerschaft und Stadtrat für den Frieden gegenseitig die Treue schwören müssen, leistet er am Ende seiner Ansprache den Eid auf die städtische Verfassung. Mit den Worten „Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein in allen gleichen, gemeinsamen und redlichen Dingen ohne Vorbehalte“ schwört er, für das Wohl der Bürger zu sorgen.

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Die Lichterserenade gehört traditionell dazu.

Lichtermeer und Pappboote

Dabei dürfen zwei Utensilien nicht fehlen: zum einen eine zwei Meter lange goldene Kette, die als Zeichen der Oberbürgermeister-Würde gilt, zum anderen die Schwörglocke aus dem 14. Jahrhundert. In früheren Zeiten zeigte sie den Bürgern an, wann sie sich zur Rede aufmachen mussten. Heute ist ihr Klang eigentlich überflüssig, dennoch ertönt sie am Ende über den Dächern der schwäbischen Metropole. Diese Tradition lässt sich übrigens nur in Ulm erleben. In keiner anderen deutschen Stadt legt heute noch ein Stadtoberhaupt Rechenschaft ab. Der Schwörrede folgt dann am Nachmittag das „Nabada“. Bereits um das Jahr 1800 wurde erwähnt, dass die Jugend die Donau zu den Ausflugsgaststätten hinunter badete und dabei ihre Kleidung in Zubern mitführte. Die Vorläufer der heutigen Veranstaltung führten zum ersten offiziellen Wasserumzug im Jahr 1927. Im Anschluss an das „Nabada“ geht es zum gemütlichen Teil des Abends über – der „Hockete“ (zu Deutsch: gemütliches Beisammensitzen). Der Tagesausklang der Feierlichkeiten findet unter freiem Himmel in der Ulmer Friedrichsau statt. Auf nahezu allen Plätzen in der Innenstadt sowie der historischen Altstadt lässt es sich bei Live-Musik, Party und allerlei kulinarischer Verköstigungen bis spät in die Nacht hinein aushalten. Ein beliebtes Ziel für Familien und Gruppen ist die Diana-Wiese. Lohnenswert ist nicht nur die Schwörrede und das „Nabada“, sondern auch die Lichterserenade, die bereits am Samstag zuvor das Schwörwochenende einleitet. Bei Anbruch der Dunkelheit werden von den „Ulmer Schachteln“ (ein Einweg-Bootstyp, der seit dem Mittelalter auf der Donau der Waren-, Passagier- und Truppenbeförderung diente) mehrere tausend schwimmende Windlichter in Höhe des Fischerplätzles auf die Wasseroberfläche gesetzt. Von dort treiben sie als kilometerlanges buntes Lichtermeer von Musik begleitet flussabwärts. Zeitgleich werden von einem Floß aus Feuerwerkskörper in den Himmel geschossen, erleuchten prachtvoll angestrahlte Wasserfontänen und bunte Lichtfarben die Brücken in der Nacht. Ein stimmungsvolles Erlebnis, das Romantik pur bietet.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 05 / 2016

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