Auf der Suche nach dem funkelnden Schatz

Im Zillertal können Wanderer die Ruhe der unberührten Hochgebirgslandschaft genießen. Doch viele Gäste suchen dort etwas ganz Spezielles: die kostbare Zillertaler Granate. Unsere ­Autorin ist mit einem Mineralien-Experten aus der Region zu einer verborgenen Fundstelle gewandert.

Text: Astrid Schlüchter

Als Schatzkammer der ­Alpen wird das hintere Zillertal in Österreich gerne bezeichnet. Bereits Ende des 17. Jahrhunderts ­fanden Einheimische dort Kristalle, mit deren Verkauf an die Händler sie mehr Geld verdienten, als in der Landwirtschaft je möglich gewesen wäre. Ein lukratives Nebengeschäft, das damals auch Naturforscher und Mineralogen als erste Sommergäste in die Region führte. 1991 wurde die bezaubernde Berglandschaft der Zillertaler Alpen unter Naturschutz gestellt, im Jahr 2001 erhielt sie sogar das Prädikat „Naturpark“. Das Gebiet erstreckt sich von circa 1.000 bis 3.509 Meter über alle Höhenstufen der Zentralalpen, von der Reichenspitze (3.303 m) im Osten bis zum Olperer (3.476 m) im Westen, von Mayr­hofen im Norden bis in den Süden zum Alpen­hauptkamm. Auf 379 Quadratkilometern erleben Besucher die vielfältige Tier- und Pflanzenwelt des Hochgebirges. Denn das Zusammentreffen von Kalken und Gneisen bringt eine bemerkenswerte Artenvielfalt hervor. Vielleicht sind es aber auch die tiefen, geheimnisvollen Schluchten, die saftigen Weidegebiete, wertvollen Kulturlandschaften und das schroffe Hochgebirge mit seinen vergletscherten Felsriesen, die so viele Gäste in dieser Region begeistert.

Naturparadies & Schatzkammer

Viele Besucher zieht es ins Zillertal, weil sie dort einen ganz besonderen Bodenschatz suchen, den man bereits im 18. und 19. Jahrhundert abgebaut hat. Damals suchten die Bauern und Einheimischen oft nach Gold, Silber, Kupfer und Wolfram, aber auch nach wunderschönen Kristallen zahlreicher Mineralien. 250 Jahre später ist der berühmteste davon, der Zillertaler Granat, immer noch Objekt der Begierde vieler Hobbymineralogen und -sammler. Aber auch die einzigartigen Amethyste, Diopside, Rauchquarze, Apatite und Eisenrosen sind geschätzte Kostbarkeiten in den Sammlungen von Museen und Liebhabern. Walter Ungerank ist ein solcher Liebhaber der wertvollen Kristalle. Der 67-­Jährige ist hier oben groß geworden und hat schon im zarten Alter von zehn Jahren mit dem „Stoansuacha“, dem Steinesuchen, angefangen. Aus dem anfänglichen Hobby ist eine Leidenschaft geworden – Ungerank zählt heute zu den erfahrensten Mineralienforschern und Edelsteinsuchern der Region. Er kennt die Landschaft rund um das Stilluptal, einem Seitental des hinteren Zillertals, so gut wie seine Westentasche. Penibel führt er Tagebuch über jede Bergtour und jeden Begleiter. In 48 dicken Ordnern ist ­vermerkt, wo wer wann und wie einen Stein entdeckt hat. Um die 3.000 Fundstücke hat Ungerank bisher gesammelt. Wenn er sich im Frühjahr auf den Weg macht, geht es auch bei ihm in erster Linie um die berühmten Granate. „Im Laufe ­meiner hobbymäßigen Forschungstätigkeit konnte ich inzwischen 39 verschiedene Granatfundstellen dokumentieren“, erläutert der sympathische Zillertaler. Seine Augen funkeln beinah wie die ­Mineralien, wenn er von seinen zahlreichen Funden berichtet.

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Der Weg zu den Granat-Fundstellen im Stilluptal führt durch die spektakuläre Gebirgslandschaft der Zillertaler Alpen.
© Zillertaltourismus/Marco Rossi

Auf Schatzsuche im Stilluptal

Ungeranks Begeisterung steckt an und weckt auch unsere Neugierde. Mit Hammer, Meißel und speziellen Schutzhandschuhen wollen wir uns am frühen Morgen aufmachen, um selbst eine dieser zahlreichen Fundstellen aufzusuchen, wo man heute noch Granate finden kann. Startpunkt ist an der Grüne-Wand-Hütte, die auf 1.438 Meter Höhe im Stilluptal südlich von Mayrhofen liegt. Am Abend unserer Ankunft erleben wir noch einen herrlichen Sonnenuntergang. Serviert werden Zillertaler Spezialitäten, wie die berühmten Kas- und Spinatpressknödel. Nach einem ausgedehnten Frühstück am nächsten Morgen geht es über eine Passtraße in Richtung Stillupgrund. Hier wanderten schon die Steinzeitmenschen Richtung Italien. Heute ist das verkehrsberuhigte Stilluptal, auch Stilluppe genannt, ein landschaftlich reizvoller Talgrund, der sich von Mayrhofen aus erschließt. Laut Aufzeichnungen wurden die Almen und Asten (deren Flächen vor allem nach der Almbewirtschaftung beweidet und im Sommer gemäht werden) bereits vor dem 17. Jahrhundert landwirtschaftlich genutzt. Die heute wohl bekannteste Fundstelle der Granate ist die Stapfenalm, wo es auch eine „Granatmühle“ gab. Erste Gasthäuser gab es im Stilluptal erst Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Stilluppe verfügt über ein intaktes Ökosystem – eine sehr große Artenvielfalt und eine geringe Häufigkeit der auftretenden Arten zeugen vom urlandschaftlichen Charakter. Urkräfte wie Lawinen, Felsstürze und die Dynamik des Wassers schufen und schaffen immer wieder neue Lebensbedingungen. Auf den Besucher warten unzählige bunte Alpenblumen, Gämsen, Murmeltiere und Greifvögel – aber auch mehr als 500 Schmetterlingsarten. Nachdem wir eine Weile am Löfflerkarbach entlanggeschlendert sind, wird’s zum ersten Mal ­etwas ungemütlicher. Schließlich geht es über einen reißenden Bergbach in Richtung Stapfenalm – oder besser gesagt, was davon übrig geblieben ist. „Hier stand vor 200 Jahren eine Granatmühle, in der die gefundenen Steine in den von Wasserrädern angetriebenen Mühlen vom weichen Schiefergestein getrennt wurden. Im Fachjargon nennt man diese Aktion das Trommeln – das heißt, sie wurden aus dem weichen Schiefer herausgeschlagen“, erklärt uns Ungerank. „Das Resultat sind dunkelrote Granate, die schließlich zur Weiterverarbeitung in verschiedene Edelsteinschleifereien gebracht wurden.“ Der damals entstandene Granat­schmuck ist noch heute typisch für die Trachten des Zillertals. Ganz früher dienten die Granate oft als Feuersteine. Zur Blütezeit des Granatbergbaus Mitte des 19. Jahrhunderts wurden hier immerhin fast 20 feste Mitarbeiter beschäftigt. Neben diesen Profis gab es auch immer frei herumstrolchende Sammler, im Volksmund auch „Granatler“ oder „Steinklauber“ genannt. Anders als die Mineure im Bergwerk am Roßrücken waren sie weder ortsgebunden, noch gruben oder sprengten sie sich in Tiefen. Ihr Metier war das „Klauben“ an der Oberfläche. Bis heute sind diese „Steinklauber“ unterwegs. An schönen Tagen kann man sie an den grauen Felshängen des Naturparks Zillertal beobachten: Wie bunte Spechte hüpfen sie klopfend von Stein zu Stein.

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Die kostbaren Zillertaler Mineralkristalle müssen mit Hammer und Meißel aus dem Fels gehauen werden.
© Zillertaltourismus/Marco Rossi

Wir werden fündig

Ab hier geht unsere bis dato noch recht geruhsame Wanderung in anstrengende Kletterei über. Ein Weg lässt sich nicht mehr erkennen, wir hangeln uns an dichtem Gestrüpp den Hang hinauf und versuchen, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Oben angekommen, erklimmen wir noch kurz die schroffen Abhänge eines Wasserfalls und gelangen schließlich ans Ziel. Vor uns erstreckt sich eine kleine, feuchte Höhle, die auf den ersten Blick nichts anderes erkennen lässt als vermoostes Gestein – unser ungeschultes Auge erkennt hier noch keinen Schatz. Doch Ungerank lächelt: „Das ist eine der ersten Abbaustätten für Granate im Zillertal.“ Und schon holt er Hammer, Meißel und Handschuhe aus dem Rucksack, um einen ersten Brocken des feuchten Gesteins aus dem Boden zu schlagen. Noch schnell die Oberfläche freischrubben – und tatsächlich: Plötzlich erscheinen zwei dunkelrot schimmernde Steine. Kaum zwei Sekunden später beginnen wir selbst, kleine Brocken aus dem Fels zu hauen, teilweise finden sich abgeschlagene Steine im Wasser am Boden. Mit etwas Fingerspitzengefühl halten wir alle schon bald selbst das „rote Gold des Zillertals“ in unseren Händen. Der recht beschwerliche Aufstieg zur Fundstelle hat sich mehr als gelohnt. Nur, wie viele der funkelnden Kostbarkeiten lassen sich im Rucksack zurück in die Hütte tragen? „Das Maximum, das ich bisher den Berg hinuntergeschleppt habe, waren 40 Kilogramm. Da weiß man dann abends schon, was man getan hat“, berichtet unser erfahrener Steinsuch-Führer. Da wir nach unserer Schatzsuche auf die Kasseler Hütte in knapp 2.200 Metern Höhe weiterwandern werden, belasse ich es bei zwei wunderschönen Exemplaren, die ich als Andenken aus der "Schatzkammer der Alpen" mit nach Hause nehmen werde.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 05 / 2016

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