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Wandern mit Weinblick

„Net Hetze, dich einfach mool setze“ lautet das Mosel-Motto. Gewagte Flusskurven und die steilsten Weinberge Europas – aber die Mosel ist vor allem eines: eine Genuss-Landschaft mit unglaublicher Weinvielfalt.

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Garantiert schwindelfrei: Die Mosel ist ein Kurvenstar. Fast eine ganze Runde dreht sie um den Ort Trittenheim.

Text & Fotos: Karin Kura

Noch herrscht Ruhe. Es ist die Ruhe vor der Weinlese. Nur ein paar Krähen kreisen mit lautem Ra-ra-ra über den Rebhängen, von Früchten angelockt. Prall hängen die Trauben an den Stämmen. Sie leuchten golden. Die typische Rieslingfarbe. Im Kontrast dazu schimmert die Mosel dunkel. Ruhig fließt sie dahin. Jetzt ist die schönste Zeit an der Mosel. Zum Genießen und zum Wandern. Überall in den unzähligen Weindörfern entlang der Ufer wird Riesling ausgeschenkt – nun ja, fast überall. Eine Ausnahme macht Nittel. Ein kleiner Ort am Oberlauf des Flusses. Gegenüber, am anderen Ufer, liegt Luxemburg. In Nittel wird freilich auch Riesling ausgeschenkt, aber hier baut man Elbling an, die älteste Rebsorte. Sie wächst auf Muschelkalkböden, nicht auf Schiefer. An der Hauptstraße reiht sich Weingut an Weingut, davor stehen alte Pressen zur Deko. Von manchen Höfen weht verführerisch der Schwenkgrill-Duft, mit Rebholz befeuert. Am Anfang scheint es, als wäre die Mosel ein gänzlich unaufgeregter Fluss. Dabei nimmt er bloß Anlauf. Um dann ein Stück hinter Trier zum Kurvenstar zu werden – die Mosel bekommt an ihrem Mittellauf dramatische Wendungen: Sie dreht ­Schleifen zum ­Schwindeligwerden, flankiert von Steilhängen, die im Sommer senkrecht von der Sonne beschienen werden und wo der Riesling geradewegs in den Himmel wächst. Wer vor solch einer steilen Flanke steht, der meint, sie würde ihm direkt entgegenstürzen. Oder man glaubt, zu tief ins Glas geschaut zu haben. Gut möglich, schließlich ist die Mosel vor allem eines: Genuss-Landschaft. Mit zweitausend Jahre alter Tradition im Wein­anbau. Und mit Deutschlands ältester Stadt Trier, einst Mittelpunkt des römischen Westreichs.

In der Straußwirtschaft

Bereits in der Antike war die Mosel ein wichtiger Handelsweg. So fand man in Neumagen-Dhron, dem ältesten Weinort Deutschlands, ein römisches Weinschiff, das als Grabstätte eines Händlers aus den Jahren um 220 nach ­Christus diente. Im Ortskern steht ein Nachbau des Grabmals. Dahinter liegt die kleine Peterskapelle, eingerahmt von Jahrhunderte alten Platanen. Vor dem schmiedeeisernen Tor steht noch ein altes Steinbänkchen, früher sicher zum Verschnaufen gedacht. Der Platz atmet Geschichte, er hält den Zauber vergangener Zeiten fest. Einen schönen Blick auf die Kapelle gewährt die Straußwirtschaft gleich nebenan. Dort sitzt man auf der Terrasse, umgeben von Mauern aus Naturschiefer und alten Holzbalken. Die Abendsonne schenkt mildes Licht, golden wie die Weintrauben. Genuss-Landschaft ist die Mosel gleich im doppelten Sinne, sie erfreut die Weintrinker, und zugleich bietet sie reichlich Wandergenuss: Spektakuläre Ausblicke von Schieferhängen, am steilsten sind diese an der Mittelmosel – mal abgesehen vom Bremmer Calmont, der eigentlich zum unteren Flusslauf zählt und Europas steilster Weinberg ist, ausgestattet mit eigenem Klettersteig.

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Beilstein zählt zu den Perlen an der Mosel.

Viel Liebe zur Tradition

Moseltouristen besuchen auch gerne das hübsche Beilstein mit Karmeliterkloster und Zehnthaus, überragt von der Burg­ruine Metternich. Oder sie flanieren zwischen den Jugendstilvillen in Traben-Trabach, das einst zu den bedeutendsten Weinhandelsstädten zählte. An der Mosel gibt es heute über 4.000 Winzerbetriebe. In den Straußwirtschaften wird hauseigener Riesling eingeschenkt, dazu Flammkuchen oder Spundekäs serviert. Längst schon ist der süße Wein von früher passé, die Qualität deutlich gestiegen. Aber insbesondere die Steillagen, an denen gute Tropfen gedeihen, haben ihren Preis. Sie sind nur per Handarbeit zu bewirtschaften. Eine solche Handarbeitslage, nämlich den Ungsberg, bestellt Hotelier und Hobby-Winzer Olaf Schneider aus Traben-Trarbach. „­Steillagen, die ohne Maschinen bearbeitet werden müssen, machen an der Mosel noch etwa 30 Prozent aus“, sagt er. Tendenz abnehmend. „Wer will solch ­harte Arbeit heutzutage noch leis­ten?“, fragt Schneider. So gibt es nicht wenige gefährdete Weinberge, und ein engagiertes Winzerteam aus der ­Gegend um Traben-Trarbach hat sich zusammengefunden, um Steillagen zu retten – ­Bergrettung heißt der gemeinschaftlich produzierte Riesling.

Ein Riesling auf dem Fluss

Steilhänge und Moselkurven. Die ganze Dramatik der Landschaft, sie wirkt besonders gut vom Fluss aus. Einige Wanderetappen lassen sich mit Schiffsfahrten kombinieren, das sollte man auf jeden Fall einplanen! So kann man etwa von Zeltingen-Rachtig nach Traben-Trarbach fahren, statt zu Fuß unterwegs zu sein. Auf der Mosel schippert erwartungsgemäß ein älteres Publikum. Doch zu den an Bord geparkten Rollatoren gesellen sich immer öfter auch Wanderstöcke und Fahrräder, die Rad- und Wanderwege ziehen seit ein paar Jahren auch jüngere Moseltouristen an. Ein kühler Riesling kommt einfach gut nach einem Wandertag. Während der Kapitän von der Mosel erzählt, etwa dass zehn Schleusen zwischen Koblenz und Trier liegen. Eigentlich, wenn man es ­genau ­betrachtet, sind die Schiffe auf der ­Mosel auch heute noch Wein-Schiffe. Wie zur Römerzeit. An Bord werden die Gläser bis zum Rand gefüllt, dazu scheppert die Stimme des Kapitäns aus den Lautsprechern: „Mosel­weine ­können bis zu 15 Prozent Alkohol enthalten“. War da nicht eben auch ein leicht warnender Unterton in der Stimme zu hören?

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 06 / 2016

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