Berge sind für Blinde gemacht

Klettern zu können ist im extrem gebirgigen Osttirol fast schon Voraussetzung für eine hohe Lebensqualität. Für einen Blinden ein echtes Problem, sollte man meinen. Andy ­Holzer ist blind. Und er ist einer der besten Kletterer der Welt. Die Geschichte eines ­außergewöhnlichen Mannes.

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Meister der Felswände: Klettern ist die große Passion des seit Geburt blinden Andy Holzer aus Osttirol.
© Andreas Unterkreuter

Text: Monika Neiheisser

Andy Holzer. Aufgewachsen in Damlach, einem 300-­Seelen-Dorf bei Lienz, am Fuße der Lienzer Dolomiten. Schon als kleiner Junge drängt er seine Eltern, mit ihm in die Berge zu gehen. Heute, im ­Alter von 49 Jahren, hat er bereits auf den höchsten Gipfeln von sechs der sieben Kotinente gestanden. Nur der Mount Everest fehlt noch zur kompletten „Seven Summits“-Sammlung. Eine beachtliche Bergsteigerkarriere. Doch eines macht diese ganz ­besonders: Andy ist blind. Der Osttiroler wurde mit der Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa geboren. Ein Schicksal, das ihn nie davon abhielt, die Welt mit ­großer Neugier zu erkunden …

Andy und wie er die Welt sieht

Mit drei Jahren wünschte sich Andy ein Paar Ski, mit fünf ein Fahrrad. ­Während er das Skifahren im Hopp-Hopp-Rhythmus der vorausfahrenden Eltern lernte, war er beim Radfahren erstmals ganz auf sich gestellt. Mit der Ermunterung „Ich mach’ das schon“ verabschiedete er sich vor seiner ersten Mini-Tour von seinen sichtlich besorgten Eltern. Nach fünf Minuten landete er am Betonpfeiler. Doch Andy ließ sich nicht abschrecken, sagt heute mit seinem typischen Humor: „Der Betonpfeiler ist ja noch eingeschränkter als ich. Der kann nicht mal ausweichen, selbst wenn er mich sehen würde.“ Anders die Dorfbewohner: Die sprangen auf dem Fußweg zur Seite, wenn Andy mit dem Fahrrad kam. Und warfen den Eltern, die ihrem Sohn vertrauten, Verantwortungslosigkeit vor. Ein Dorf in Aufruhr wegen eines Kindes, das normal aufwachsen wollte – und nicht gut behütet und spezifisch gefördert in einem Heim für Blinde.

Schon früh nahmen die Eltern Andy mit in die Berge zum Wandern. Gesichert am Seil oder mit einer Hand am elterlichen Rucksack. Die Faszination des Bergsteigens ließ ihn nicht mehr los. Bald musste der Vater Berge mit Gipfelkreuz auswählen, damit sich Andy sicher sein konnte, ganz oben gewesen zu sein. Bereits mit neun Jahren erfolgte die erste „richtige“ Klettertour auf den 2.718 Meter hohen Spitzkofel in den Dolomiten. Jetzt wollte er immer höher hinaus. Das erste Mal fühlte sich der Blinde richtig frei, denn er konnte die Welt begreifen. In den Felswänden „sah“ er mit seinen Händen: „Jetzt habe ich zehn Augen und nicht nur zwei.“

„Sehen“ bedeutet für ihn wahrnehmen, und das geht über alle Sinne. Er ertastet den Felsen Zentimeter für Zentimeter, bevor­ er seine Füße an der richtigen Stelle in den Stein setzt, und malt sich sein Bild der ­Topografie des Berges im Kopf. Um eine 3D-Ansicht zu generieren, begann er, die Berge von verschiedenen Seiten zu erklimmen. Endlich konnte er eine Vorstellung von der Welt entwickeln, anders als im Flachland, wo die anderen Sinnesorgane weniger Reize wahrnehmen. „Immer auf dem Boden rumzutasten ist doch a bisserl mühsam“, sagt Andy lachend.

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Andy Holzer gemeinsam mit wanderlust-Autorin Monika Neiheisser.
© M.Neiheisser

Kletterpartner gefunden

Die Suche nach jemandem, der mit einem Blinden in die Berge ging, war mühsam. Hans Bruckner, Bergführer und Obmann der Bergrettung, glaubte jedoch an die Fähig­keiten des jungen Bergsteigers und wurde über Jahre sein Partner. Die Unternehmungen wurden immer höher und steiler, die Knoten machte Andy bald selbst, auch das Anseilen lag in seiner Hand. Holzer wurde zum Stammgast am Berg, mit 28 Jahren unternahm er mit Bruckner die ersten bedeutenden Klettertouren wie zur Großen Sandspitze, zum Ortler oder der Südrampe des Roten Turms. Auch an Skitouren hatte er Freude gefunden. Hoch auf den Groß­glockner oder den Großvenediger ging es in der Seilschaft, bergab auf Zuruf im ­bewährten Hopp-Hopp-Rhythmus.

Im Jahr 2005 erreichte Andy dann ein Anruf von seinem ebenfalls blinden ­Bergsteiger-Kollegen Erik Wei­henmayer aus den USA, den er während eines Filmprojekts bei den Drei Zinnen kennengelernt hatte. Es ging um eine Einladung zur Besteigung des Kilimandscharo – die der Tiroler sofort annahm. Gemeinsam mit sieben weiteren blinden und zwei durch Amputation gehandicapten Bergsteigern aus mehreren Kontinenten gelang der Aufstieg zum Gipfel. Die darauf folgende Gründung der Stiftung „Blind Trust Kilimanjaro“ zur Hilfe für blinde Kinder in Ostafrika ist die Krönung des Projekts. Und mit dem höchsten Gipfel Afrikas (5.895 Meter) ist ein Anfang für das Unternehmen „Seven Summits“, die Besteigung der höchsten Berge der sieben Kontinente, gemacht.

Im Duo auf den Aconcagua

Bis 2012 schafft Andy Holzer sechs der Seven­ Summits. Der 6.962 Meter hohe Aconcagua in Südamerika stellt die größte Herausforderung dar. Im Wettlauf gegen eine drohende Schlechtwetterfront besteigt die Gruppe mit einem Minimum an Höhen-Akklimatisierung den Bergriesen. Andy droht immer wieder vom Weg abzukommen, seine Partner haben Mühe, den Nichtsehenden durch das Labyrinth aus Sand und Stein zu führen. Am Gipfeltag packen nur noch Andy und der einarmige Peter Mair ihre Rucksäcke, die anderen müssen wegen Höhenkrankheit absteigen. So lotst Peter den blinden Andy auf den Gipfel, der wiederum seine ganze Bergerfahrung einbringt. So werden der Blinde und der Einarmige zum Erfolgsteam am Gipfel.

Seinen gelernten Beruf als Heilmasseur übt Andy, der übrigens weder einen Blindenstock besitzt noch Blindenschrift lesen kann, seit fünf Jahren nicht mehr aus. Das Bergsteigen ist nun sein Hauptberuf, dazu hält er viele Vorträge als „Blind Climber“. Er möchte die Sehenden teilhaben lassen an seinen Erfahrungen und Erkenntnissen als Blinder, der die Welt mit vier Sinnen erlebt­. Als Persönlichkeit hinterlässt er nachhaltig Eindruck: Seine Zufriedenheit strahlt aus seinem braun gebrannten Gesicht, die blonde­ Mähne ist mit einem Zopfgummi lässig gebändigt und seine Worte sind wechselweise selbstironisch, philosophisch oder ganz pragmatisch.

Äußerlich unterscheidet sich Andy nicht wesentlich von anderen Extrembergsteigern wie Reinhold Messner oder Hans Kammerlander. Doch seine Mission lautet: „Den Sehenden die Augen öffnen.“ So auch im Gemeindesaal von Ramsau am Dachstein aus Anlass des 90. Firmenjubiläums der Bergschuh-Firma Dachstein, deren Botschafter er ist und deren Schuh-Entwicklung er mit seinen ­Impulsen prägt.

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Gipfelglück: Im Dezember 2010 ­bezwangen Holzer und sein Team den Mount Vinson, den mit 4.892 ­Metern höchsten Berg der Antarktis.
© Andreas Scharnagl

Humorvoll und berührend

Andy steht mit Mikrofon am Mischpult, bedient Knöpfe und Hebel, während sich der Saal verdunkelt und die Multimedia-Show über sein Leben beginnt. Er erzählt von den Herausforderungen des Alltags: „Wie finde ich Kletterpartner, die mit einem Blinden bergsteigen gehen, wie entkomme ich den klassischen Blindenberufen als Bürstenbinder oder Telefonist, und wie finde ich ein fesches Mädel, wenn ich nichts sehe?“ Das Publikum im Saal lacht. Still wird es hingegen, als Andy von seinem Vorhaben als Jugendlicher erzählt­ beim Dolomiten-Lauf, Österreichs größtem Volkslanglauf-Rennen, teilzunehmen, vorne­ im Starterfeld zwischen den Olympia­größen. Trainiert hatte er zuvor reichlich – nachts. „Für mich ist’s eh immer dunkel, aber nachts sind weniger Leut’ unterwegs, und die Gefahr, mit anderen zusam­menzustoßen, ist geringer.“ Andy packt den 60-Kilometer-Lauf. Doch als er die Platzierung hört, ist er zunächst enttäuscht: Platz 189. 188 Menschen waren schneller als er. Erst die Erkenntnis, dass er 3.800 Läufer hinter sich gelassen hat, stimmt ihn wieder fröhlich und ändert seine Weltsicht. „Erst wenn ich meine ­Position ändere, ändert sich die ganze Welt.“

Verbundenheit als Motor

Mit diesem Selbstbewusstsein setzt er sich immer neue Ziele. Im vergangenen April wollte er seinen siebten Summit, den Mount Everest, besteigen, doch wegen des Erdbebens musste er die Expedition – wie schon 2014 – abbrechen. Kein Unglück für Andy: „Ziele ändern sich. Im Moment ist es nicht wichtig, auf den Mount Everest zu steigen. Viel notwendiger ist es, den Menschen in ­Nepal zu helfen und den Wiederaufbau zu unterstützen. Auch wenn wir in einer Zeit leben, in der die Menschen ihre Unabhängigkeit über alles schätzen, sind wir alle abhängig. Der Grashalm vom Regentropfen, der Schuh-Hersteller vom Bergsteiger, der Kletterer vom Seilpartner“, sagt der gläubige Bergsportler, der seit 1990 verheiratet ist. Abhängig zu sein ist für Andy Holzer ein Reichtum, denn dadurch entstehen Bindungen und Beziehungen von besonderer Tiefe mit Emotionen, die es sonst nicht gäbe. Und ohne Emotionen kein Leben, ohne Bauchkitzeln kein Lebensglück. Nicht der phänomenale Gipfelblick ist der Motor für seine bergsteigerischen Unternehmungen, sondern die Verbundenheit in der Seilschaft. Seine Message an die Sehenden lautet: „Sich gegenseitig zu helfen, das ist der Sinn des Lebens.“

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2016

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