Update 6: Vom spanischen Pilger zum patagonischen Einzel-Gänger

Vor ca. einem Monat habe ich im argentinischen Ushuaia zum ersten Mal in meinem Leben patagonischen Boden betreten. Ushuaia liegt, als südlichste Stadt der Welt, am Südende der Insel Feuerland.

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Selfie des patagonischen Einzel-Gängers Andreas Tomsche
© Andreas Tomsche

Mein erster Eindruck, schlicht atemberaubend: das Meer mit den hin- und herwogenden Schiffen im Hafen, die hohen schneebedeckten Berge ringsherum. Surreal, als wäre ich nun Teil einer Natur-Doku.

Um mich an die hiesigen, für mich als Europäer eher ungewohnten, Bedingungen wie starker Wind, plötzliche Wetterwechsel und 4-Stunden-Zeitumstellung anzupassen, habe ich mich zunächst für drei Tage in einem Hostel eingemietet. Sehr schnell habe ich festgestellt, dass ich mich dort eher als Außenseiter fühlte, wusste zunächst aber nicht warum. Irgendwann fiel mir dann der Unterschied auf: Auf meinen vorherigen Jakobswegen waren alle Pilger, die ich traf, tagsüber auf dem gleichen Weg unterwegs wie ich und jeder hatte das große Ziel, am Ende in Santiago de Compostela anzukommen. Somit gab es auf dem Weg, aber auch abends in den Herbergen viele gemeinsame Erfahrungen, über die man reden konnte. Hier in Patagonien und in Ushuaia war das anders. Der typische Patagonien-Reisende ist entweder solventer und deshalb älterer Kreuzfahrschiff-Tourist, der i.d.R. im Hotel nächtigt, wenn er nicht auf dem Schiff ist. An diesen gutbetuchten Touristen orientiert sich in den hiesigen Städten und Attraktionen (wie z.B. Nationalparks) leider auch das hohe Preisniveau. Und dann gibt es noch die Backpacker, als weitere Gruppe, die normalerweise im Hostel schlafen. Diese reisen innerhalb von Patagonien i.d.R. per Bus oder Flugzeug von Hotspot zu Hotspot. Sie halten sich dann für einige Tage in einer Stadt auf und machen dort organisierte Busreisen z.B. zu den Pinguin-Kolonien oder in die Nationalparks. Jeder dieser Backpacker folgt aber dabei, im Gegensatz zum Pilger, seinem individuellen Programm. Da ich als ausschließlich zu Fuß-Reisender, der auch nicht die teuren und weit außerhalb der Städte liegenden Attraktionen besucht, in Patagonien ein Exot bin, gibt es abends im Hostel mit den anderen Backpackern auch nichts über gemeinsam erlebtes zu diskutieren! Das war der wesentliche Grund dafür, warum ich mich seit meiner Ankunft in Patagonien im wahrsten Wortsinn als „Einzel-Gänger“ fühlte.

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Unterwegs in idyllischer Abenstimmung.
© Andreas Tomsche

Nach diesen ersten Tagen in Ushuaia bin ich dann zu einer Testwanderung in den nahegelegenen Nationalpark aufgebrochen. Dort konnte ich meine Ausrüstung testen, um bei Bedarf nach meiner Rückkehr nach Ushuaia noch Teile tauschen oder ergänzen zu können. Leider war der längste Trail im Park wegen Schneefalls gesperrt, sodass ich nur kürzere Trails gehen konnte und einen Tag früher als geplant nach Ushuaia zurückgekehrt bin.

Am 21.11.2015 bin ich dann von Ushuaia zu Fuß zunächst Richtung argentinisch-chilenischer Grenze (bei San Sebastian) aufgebrochen. Schon bei diesen ersten Tagen meiner Wanderung konnte ich viele Herausforderungen in Patagonien kennenlernen: nur rd. alle 100 km mal ein Ort mit Infrastruktur wie Internet und Supermarkt, tagelang an vielbefahrenen Straßen entlanglaufen (weil es keine Wanderwege gibt), dann wieder Straßenabschnitte mit fast keinen Autos, tagelang starke Winde, die einem beim Wandern viel Energie kosten und rechts und links der Strecken schier unendliche monotone Grassteppen, die einem mental alles abverlangen. Die größte Herausforderung ist allerdings die Einsamkeit beim Gehen: die Autofahrer rasen grüßend vorbei, Radtouristen mit denen man sich unterhalten kann, gibt es zwar manchmal, oft radelt aber auch tagelang niemand vorbei. Die Bauernhöfe, hier Estancias genannt, liegen oft km-weit weg von meiner Strecke und Bars oder Gasthöfe, bei denen man einkehren könnte, sucht man hier vergebens. Das hat andererseits den für uns Europäer ungewohnten und positiven Nebeneffekt, dass man im Urlaub tagelang nicht einen Peso oder Euro ausgeben kann!

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Mein Schlafplatz in der „abbruchreifen“ Hütte.
© Andreas Tomsche

Kurzum: man ist also darauf angewiesen, mit sich selbst allein klar zu kommen und sich selbst die Zeit zu vertreiben, in der man täglich nicht läuft. Ich erhole mich z.B. beim Musik hören oder beim Lesen.

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Endlose straße und Pampa-Steppe.
© Andreas Tomsche

Auch beim Übernachten unterwegs darf man in Patagonien nicht wählerisch sein. Normalerweise schlafe ich im Zelt in der Nähe der Straße, an der ich entlang laufe. Oft ist es aber aufgrund des anhaltend starken Windes nicht möglich, einfach so ohne Windschutz zu zelten. Sporadisch gab es auf chilenischer Seite am Straßenrand Schutzhütten, die ich manchmal zum Übernachten genutzt habe. Dabei reicht aber das Niveau von „abbruchreif“ bis „überraschend sauber und o.k.“. Man darf also nicht zu empfindlich bei der Wahl der Übernachtungsmöglichkeit sein. Hauptsache ein windgeschütztes Dach über dem Kopf!

Am 08.12.2015 habe ich dann, nach 450 km Fußmarsch Porvenir im Westen von Feuerland erreicht. Von dort bin ich noch am gleichen Tag mit der Fähre nach Punta Arenas, einer Großstadt auf dem chilenischen Festland, übergesetzt. Von dort werde ich dann nach einigen Tagen Aufenthalt, um meine Vorräte aufzufrischen, in die nächste Stadt Puerto Natales aufbrechen. Die Stadt ist das Tor zum bekannten Nationalpark „Torres del Paine“, in dem ich einige Tage wandern werde. Das war auch die Zeit, in der ich mir ernsthaft überlegt habe, von meinem bisherigen Konzept, mich ausschließlich zu Fuß fortzubewegen, Abstand zu nehmen. Um die Tage des einsamen an den Straßen entlang Laufens zu reduzieren, könnte ich auch mit dem Bus von Stadt zu Stadt fahren, um die so gewonnene Zeit in den Nationalparks beim Wandern zu verbringen. Abends auf den Zeltplätzen gibt es dann sicherlich viele andere Wanderer, mit denen man über seine tagsüber gemachten Erfahrungen reden kann. Letztlich habe ich mich aber dazu entschlossen, meinem bisherigen Konzept des langsamen Reisens zu Fuß treu zu bleiben. Schließlich ist das Reisen zu Fuß die intensivste Art des Reisens, weil das Gehirn aufgrund der langsamen Fortbewegung Zeit hat, die Eindrücke sofort zu verarbeiten und zu speichern. Außerdem ist das Wandern in der Einsamkeit aus sehr günstig. Meine Vorräte habe ich dabei und auf der Strecke gibt es schlicht keine Gelegenheit, Geld auszugeben. Nicht ganz unwichtig, wenn man mit einem festen finanziellen Tagesbudget reist!

Bald ist ja wieder Weihnachten. Fast hätte ich das hier in Patagonien vergessen, sind doch die Geschäfte und Privathäuser nur äußerst sparsam dekoriert. Das war in den letzten Jahren in Deutschland ein Punkt, der mich an der Weihnachtszeit gestört hat: der Kommerz im TV sowie in den Schaufenstern überlagert und verschüttet immer mehr, was Weihnachten eigentlich bedeutet: sich Zeit für die Familie nehmen, auch an die Schwachen und Ärmeren denken, sowie sich einfach mal wieder der christlichen Werte erinnern, auf denen unsere Gesellschaft letztlich ruht: Nächstenliebe, Solidarität und Gerechtigkeit. Ich denke mal, dass ich mich hier in Patagonien, ohne den ganzen Kommerz, besser auf diese wesentliche Aspekte in der Weihnachtszeit konzentrieren kann. Die Weihnachtstage werde ich wohl in der chilenischen Stadt Puerto Natales im Hostel verbringen. Ich hoffe aber, dass ich zumindest Silvester in meinem Zelt in einem hiesigen Nationalpark vor einer imposanten Berg-Kulisse inmitten der Natur feiern kann! Könnte es hierfür einen geeigneteren Platz geben?

Darüber werde ich dann in meinem nächsten Artikel in rd. vier Wochen berichten.

Euer Andreas Tomsche

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Die "ordentliche" Hütte.
© Andreas Tomsche
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Patagonisch mal anders: die Postkarten-Idylle.
© Andreas Tomsche

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