Update 7: Warum weniger meistens mehr ist!

Bereits bei meinem letzten Update habe ich von meinen Zweifeln berichtet, ob das ausschließliche Reisen zu Fuß hier in Patagonien angesichts der Eintönigkeit der Landschaft wirklich das richtige für mich ist. Damals habe ich mich noch dafür entschieden, weiter zu wandern.

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Abendsonne auf dem Cabo Froward-Trail.
© Andreas Tomsche

Von Punta Arenas aus bin ich auf die 8-tägige Reise in Richtung der Stadt Puerto Natales aufgebrochen. Nach 3-tägiger Wanderung, wie immer hier an Straßen entlang, habe ich mich beim Zelten in dem kleinen Ort Villa Tehuelches dazu entschlossen, mir für den nächsten Tag, meinem Geburtstag, selbst ein Geschenk zu machen und morgens mit dem Bus nach Puerto Natales weiterzureisen.

Beim Wandern entlang von monotonen geraden Straßen in eintöniger Landschaft (weite Ebenen mit Pampagras, jeder Menge Kühe und noch viel mehr Schafen) konnte ich meine ursprünglichen Reiseziele wie das Laufen in atemberaubender Natur, die häufig in Patagonien in den Naturparks anzutreffen ist, sowie der Austausch mit anderen Langzeitreisenden nicht verwirklichen. Soviel war mir in den letzten Wochen des einsamen Wanderns klargeworden! Ab sofort würde ich Busse benutzen, um die riesigen Distanzen zwischen den Nationalparks und weiteren landschaftlichen Höhepunkte zu überbrücken. Die so gewonnene Zeit konnte ich dann nutzen, um mich auf das Wandern in unberührter Natur in den Parks zu konzentrieren. Dort ist es auch wahrscheinlicher, andere Langzeitreisende zu treffen, weil auch sie in Patagonien sind, um sich von der Landschaft berauschen zu lassen.

Nachdem ich den Heiligabend ruhig und besinnlich im Hostel in Puerto Natales verbracht habe, ging es gleich am 25.12.2015 mit dem Bus und einer Touristin aus meinem Hostel in den Nationalpark Torres del Paine. Da meine Mit-Wanderin nur einen Tag Zeit hatte, entschieden wir uns, gleich zum Aussichtspunkt für das bekannte Torres-Massiv zu gehen. Freuten wir uns anfangs noch über den pünktlich zu Weihnachten herabfallenden Schnee, war der letzte km über steile Felsen dann nicht mehr ganz so stimmungsvoll. Oben angekommen, mussten wir leider feststellen, dass aufgrund des schlechten Wetters nicht eine Spur des nahen Bergmassivs zu erkennen war. Beim Abstieg über die mittlerweile vereisten Felsen mussten wir noch vorsichtiger als beim Aufstieg sein. Während meine Mitreisende noch am selben Tag ins Tal hinab zum Bus lief, zeltete ich auf halber Höhe mitten im Wald in einem Camp mit naheliegendem Restaurant. Da mein Schlafsack vom Schnee feucht war, entschied ich mich am 26.12. einen Ruhetag im Camp einzuschieben, um gleich morgens die pole-position für meinen Schlafsack am Ofen des Restaurants zu ergattern.

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Der Schneemann und ich (am 26.12.15 im Nationalpark Torres del Paine).
© Andreas Tomsche

Am nächsten Tag bin ich dann zur mehrtägigen Wanderung, dem sog. „Circuito“ aufgebrochen. Waren die ersten Tage vom (meistens) einsamen Wandern in atemberaubender Landschaft geprägt, war auf dem zweiten Teil (das sog. „W“) deutlich mehr los. Aber auch hier war die Natur einmalig: von Gletschern, über etliche Hängebrücken bis hin zu querenden Schneefeldern und Bächen war alles geboten. Insbesondere die Hängebrücken waren für mich mit meiner Höhenangst eine ganz besonders intensive Erfahrung! Mir war gar nicht bewusst, wie langsam zwei Minuten vorübergehen können, wenn man auf solch einer Brücke etliche Meter über dem Abgrund „hängt“. Aber mangels Weg-Alternativen half nur Augen zu und (mit verschwitztem T-Shirt) durch!

Nach insgesamt acht Wandertagen war ich mit dem Rundweg „durch“. Neben den vielen Höhepunkten gab es auch mindestens einen negativen Aspekt, den ich nicht verhehlen will: verteilten sich die vielen Wanderer auf dem „W“-Abschnitt doch relativ gut, fielen mir die vielen Menschen spätestens beim abendlichen Zelten in den ausgewiesenen Camps auf. Da das wilde Campieren im Park verboten ist, muss jeder Wanderer abends einen der ausgewiesenen Zeltplätze ansteuern. Da deren Anzahl begrenzt ist, entstehen abends dort dichtgedrängte Zeltdörfer. Diese räumliche Enge lässt nicht nur mich Langzeitreisenden mit meinem ausgeprägten Freiheitsdrang mit einem unangenehmen Gefühl zurück. Mal schauen, wie die Park-Verantwortlichen diese Herausforderung lösen. Vermutlich gilt auch hier: weniger (Wanderer) bedeuten meistens mehr (ursprüngliche Naturerlebnisse)!

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Grüner Bergsee im Torres.
© Andreas Tomsche

Direkt vom Torres del Paine-Park fuhr ich dann mit dem Bus wieder zurück nach Puerto Natales in mein „altes“ Hostel. Dort ist mir beim Reden mit anderen Backpackern ein weiteres Phänomen unserer oft hektischen und stressigen Zeit bewusst geworden: häufig wird man bei solchen Gesprächen danach gefragt, wie viele Nächte man im Hostel bleibt. Wenn ich dann wahrheitsgemäß „drei oder vier“ antworte, werde ich oft mit ungläubigen Blicken konfrontiert. Während ich als langsam reisender Langzeittourist viel Zeit mitbringe, hecheln etliche andere Backpacker in drei Wochen durch Südamerika, um möglichst viele Attraktionen und Städte „zu sammeln“. Häufig kommen Sie spät abends im Hostel an, um früh am Morgen wieder in Richtung nächstem Reiseziel zu verschwinden. Zeit für Muße, um die neuen Eindrücke und Begegnungen mit anderen auch verarbeiten zu können, bleibt bei dieser Art des Reisens wohl eher nicht! Häufig wollen gerade diese Reisenden ihrem stressigen Alltag entfliehen, indem sie in Urlaub gehen. Wie sie dort aber zur Ruhe kommen wollen, wenn möglichst viele Attraktionen hektisch und einer Checkliste gleich abgearbeitet werden, bleibt wohl ihr Geheimnis. Auch hier gilt m.E., dass weniger (Reiseziele) sicherlich mehr (langanhaltende Eindrücke) bedeuten.

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Hängebrücke im Torres.
© Andreas Tomsche

Von Puerto Natales bin ich dann mit dem Bus ganz spontan nach Punta Arenas zurück gefahren. Die Ursache dafür war ganz einfach: Im Torres del Paine-Nationalpark hatte mir ein deutscher Wanderer erzählt, dass er anschließend die Trekkingtour nach Cabo Froward, dem südlichsten Punkt des amerikanischen Festlandes unternimmt. Diese Tour kannte ich zwar aus meinem Reiseführer, hatte sich aber damals verworfen, weil sie 60 km südlich von Punta Arenas beginnt und ich dort nicht hin- und zurücklaufen wollte. Da ich aber jetzt bekanntlich auch Bus fahre, war die Tour zum Cabo Froward plötzlich wieder eine Option. Kurz nochmal im Reiseführer gelesen und spontan entschieden, dass ich die Tour allein machen werde. Aber erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Als ich mich noch in Puerto Natales mit anderen deutschen Backpackern, die alle mit mir die Tour zum Torres del Paine unternommen hatten, zum Abschiedsessen beim Italiener traf, kam die Sprache auch auf Cabo Froward. Eine der Mitreisenden war sofort Feuer und Flamme für die Tour, hatte sie doch schon seit längerem genau dafür einen Wanderpartner gesucht. Noch im Restaurant entschieden wir uns, die Tour als nächstes in Angriff zu nehmen. Als wir beide dann in Punta Arenas auf den Bus warteten, der uns zum Ausgangspunkt der Wandertour zum Cabo Froward bringen sollte, gab es dann die nächste glückliche Fügung. Der deutsche Wanderer, der mich im Torres-Nationalpark auf die Idee gebracht hatte, die Tour zu unternehmen, wartete ebenfalls auf den Bus. Nach einstündiger Fahrtdauer begann das das Cabo-Froward-Abenteuer, eine Tour, die mir und meinen beiden Mitstreitern in Erinnerung bleiben wird:

Mein Reiseführer nannte die Tour relativ einfach, führte sie doch überwiegend am Strand entlang. Auch die zu querenden Flüsse sollten relativ gut zu bewältigen sein. Nun der Reihe nach: „am Strand entlang“ bedeutete konkret entweder auf großen Kieselsteinen zu gehen, eine enorme Belastung für die Knöchel, oder aber auf rutschigen Felsen direkt am Meer zu wandern. Auf jeden Fall musste man die ganze Zeit, also fünf Tage lang, hoch konzentriert gehen. Eine enorme mentale Dauerbelastung. Manchmal mussten wir auch über Waldwege oberhalb der Felsen ausweichen, weil der Durchgang am Meer zu gefährlich war. Die Waldwege waren aber auch nicht einfacher. Häufig schlecht markiert, irrten wir im Kreis herum oder kraxelten über umgefallene riesige Baumstämme. Der Höhepunkt der Tour waren aber die Flussquerungen. Wir hatten zwar einen Gezeitenplan dabei. Aber als Anfänger in Sachen Flussquerung sind wir eine Stunde zu früh und in unserer Unerfahrenheit bei zwei Flüssen auch an der falschen Stelle rüber. Das Wasser war nicht nur eisig, sondern auch tiefer als gedacht. Zumindest an den Stellen, an denen wir gequert haben. Im Ergebnis hatte ich am Ende des zweiten Tages noch eine trockene Unterhose und Hose. Ein nicht sehr angenehmes Gefühl, standen doch noch drei weitere Wandertage im oft regenreichen Patagonien auf dem Programm! Aber gerade wegen der sehr abwechslungsreichen Landschaften, der Einsamkeit, dem abendlichen gemeinsamen Campen am Meer sowie der enormen Herausforderungen für Körper und Psyche hat sich der Cabo-Froward-Trail in meine Erinnerung gebrannt. So wild und ursprünglich habe ich mir schließlich in meinen Träumen Patagonien immer vorgestellt! Wie hat ein deutscher Autohersteller vor Jahren geworben: „reduced to the max!“. Für unsere Tour gibt es kein treffenderes Motto.

Eurer Andreas Tomsche

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Flussquerung auf dem Cabo Froward-Trail.
© Andreas Tomsche

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