Update 9: Vom Pilgern und Lernen

Bekanntlich bin ich seit Anfang März 2016 wieder in Spanien zu Fuß unterwegs. Aufgrund des Winters habe ich mich dazu entschieden, den Jakobsweg von Sevilla (Andalusien) nach Santiago de Compostela, die Via de la Plata, zu pilgern.

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Kurz vor Salamanca
© Andreas Tomsche

Heute, Anfang April, bin ich nach rund 720 gelaufenen Kilometern in der schönen Stadt Astorga und lege einen Ruhetag ein. In ca. zwei Wochen werde ich Santiago erreichen und von dort nach einigen Tagen Aufenthalt noch drei Tage weiter ans Meer nach Finisterre wandern. Bei diesem Artikel werde ich mich auf drei für mich sehr wichtige Aspekte konzentrieren, die mir beim Pilgern auf der Via de la Plata ins Bewusstsein gerückt sind:

1. Meck-Pomm mitten in Spanien?

Meck-Pomm steht ja im heutigen Deutschland zwar einerseits für wunderschöne Naturlandschaften, aber als Kehrseite der Medaille, auch für den zunehmende Vergreisung und den damit verbundenen Bevölkerungsrückgang. Die jungen Menschen sind den Arbeitsplätzen vornehmlich in die Großstädte gefolgt und die zurückgebliebene ältere Bevölkerung stirbt nach und nach. Als Folge dieses Prozesses stehen ganze Dörfer leer und werden von der Natur zurückerobert.

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Pilgerherberge in Funterroble (morgendliches Aufbrechen)
© Andreas Tomsche

Kurz nachdem ich vor wenigen Tagen Salamanca (rd. 190.000 Einwohner) zu Fuß verlassen habe, dachte ich für etliche Tage, ich wandere jetzt in Meck-Pomm. Dörfer ohne Jugend, in denen es bestenfalls noch eine Bar gibt. Dort halten sich dann vornehmlich die älteren Männer des Dorfes auf. Ärzte, Tante-Emma-Läden und Schulen sucht man hier vergeblich. Denkt man einmal 10 oder 20 Jahre weiter, dann erkennt man, dass alle diese Dörfer dem Untergang geweiht sind. Geschätzt steht jedes 4. Haus heute schon leer und zum Verkauf. Doch wer kauft sich in einem „sterbenden Dorf“ ein Haus? Niemand! Und diese Dörfer habe ich in Mittel-Spanien tagelang gesehen. Auch hier werden, wie in Meck-Pomm, ganze Landstriche an die Natur zurückfallen. Das kann durchaus positiv sein. Aus Sicht eines Pilgers, der von „seinen“ Politikern und im Fernsehen immer nur hört, dass alles wachsen muss, ist dieser Anblick zumindest „ungewohnt“!

2. „Wie der eigene Wille Berge versetzen kann…“

Auf der Via de la Plata habe ich vor einigen Tagen in einer Pilgerherberge den 63-jährigen J. aus Madrid kennengelernt. Auch er ist hier einige 100 km zu Fuß unterwegs. Bis hier könnte man meinen, dass das nichts Besonderes ist, sind doch gerade auf der Via die meisten Pilger im Rentenalter. Aber J. hat Parkinson im fortgeschrittenen Stadium und kann sich gehend nur in schlurfendem Gang mit Tippelschritten fortbewegen!

Warum ich J. in meinem Artikel erwähne? Weil man aus seinem Pilgerweg etliches lernen kann. Und ich liebe es, täglich zu lernen:

J. könnte jetzt wegen seiner Erkrankung zuhause sein und sich einreden, dass er seinen Plan auf der Via zu pilgern aufgrund seines Zustandes nicht mehr realisieren kann. Aber stattdessen verfolgt er mit eisernem Willen sein Ziel. Als gesunde Menschen können wir von ihm lernen, dass mit einem starken Willen oft sehr viel mehr möglich ist, als wir uns häufig zutrauen!

Viele von uns Gesunden trauen sich oft bestimmte Dinge nicht zu, weil diese zu groß erscheinen, um sie anzupacken. Wie häufig resignieren wir vor dem Berg an Problemen, der vor uns steht? Auch J. könnte sich sagen, dass es eigentlich unmöglich ist, mehrere 100 km am Stück zu laufen, zumal sein Weg durch seine Parkinson-Erkrankung weiter erschwert wird. Aber was macht J.? Er startet einfach auf seinem Weg, wenn auch wegen seiner Erkrankung mit Mini-Schritten und er hat sein Ziel Astorga auch tatsächlich erreicht. Daran erkennt man, dass auch kleine Schritte zum (weit entfernten) Ziel führen, sofern man über das nötige Durchhaltevermögen verfügt. Die einfache Lehre aus dem Treffen mit J. lautet für mich: Wer täglich viele kleine Schritte in Richtung seines Zieles macht, der wird es sicher irgendwann erreichen…

3. Sind 20 EUR viel oder wenig Geld?

Nun, ein Jurist würde diese Frage wohl mit der für ihn typischen Formulierung „es kommt darauf an“ beantworten. Seit ich im Juni 2015 zu meiner 2-jährigen Reise aufgebrochen bin, wollte ich mit 20 EUR je Tag auskommen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich es in den ersten Monaten meiner Reise nicht allzu genau mit dem Betrag genommen habe. Die Konsequenz daraus wird für mich allerdings erst heute sichtbar! Da mir jetzt Geld in der Reisekasse fehlt, muss ich meine Reise ab Juli 2016 unterbrechen und mir früher als geplant einen Job suchen.

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Kühe auf dem Jakobsweg
© Andreas Tomsche

Seit ich Anfang März zu meiner Pilgerreise auf der Via in Spanien aufgebrochen bin, halte ich mich allerdings stringent an mein Tagesbudget von 20 EUR. Da ich im Schnitt 10 EUR für die Übernachtung in einer Pilgerherberge benötige, bleiben mir noch 10 EUR für Essen, Trinken etc. Hört sich nicht nach wirklich viel an und ist es in der Realität auch nicht. Zwar sind die Kosten für Essen und Trinken in Spanien sehr niedrig (ein Cafe und ein Bier für je 1 – 1,50 EUR), aber trotzdem sind die 10 EUR je Tag sehr schnell erreicht. In meinem 20-jährigen Arbeitsleben konnte ich mir immer leisten, was ich mir gönnen wollte. Ein zweites Stück Kuchen oder die dritte Tasse Kaffee waren nie ein Thema. Heute muss ich schon intensiver vor einer Bestellung darüber nachdenken, ob ich mir noch alles leisten kann, was ich an diesem Tag benötige, wenn ich mir noch einen Kaffee bestelle!

Diese Rechnerei ist zwar einerseits anstrengend, andererseits nimmt allerdings der Wert einer einzelnen Tasse Kaffee zu und das Leben wird dadurch intensiver! Heute weiß ich jede einzelne Tasse, die ich bestelle, zu schätzen, weil ich dafür auf irgendetwas anderes verzichte. Früher habe ich meistens die nächste Tasse in der Cafeteria einfach schnell hinuntergekippt.

Außerdem hat alles seinen individuellen Preis. Und dieses Tagesbudget ist halt der Preis für mein heutiges Leben in Freiheit und auf Reisen, so wie ich es mir ausgesucht habe. Und das macht mir verdammt viel Spaß…

Euer Andreas Tomsche

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