Wo Bäume die Hauptrolle spielen

Im Urwald von Saarbrücken kann sich die Natur seit fast zwei Jahrzehnten ohne ­Eingriffe des Menschen entwickeln. Umgefallene moosbewachsene Bäume, farbenprächtige Pilze und ­bizarre Flechten überwuchern inzwischen die Zeichen der Zivilisation.

Text: Edda Neitz

Die mächtige Säulen stehen die silbergrauen oder von Moosen und Flechten grünlich getönten Buchenstämme nebeneinander – mal nur wenige, mal mehrere Schritte voneinander entfernt. Es sind alte Buchen. Vielleicht schon mehrere Hundert Jahre alt. Die Lebensdauer von Buchen kann bis zu 300 Jahre betragen. Im Steinbach- und Netzbachtal bei Saarbrücken geht das. Die Motorsägen schweigen, und in einem Teil des Saarkohlenwaldes führt die Natur die Regie. Seit 1997 haben hier die Saarbrücker ihren „Urwald“, ­direkt vor den Toren der Stadt. Der deutsche Normalwald mit den langen Fichtenstämmen, die an zu groß geratene Zahnstocher erinnern, ist für Pflanzen und Tiere oft ein brutal aufgeräumter Lebensraum. „Die Bäume haben dort eine viel zu kurze Lebensdauer, sie werden gefällt, und dann fehlt dem Wald ein wichtiger Lebenszyklus“, sagt Geograf Helmuth Harth. Als Projektleiter beim Naturschutzbund Deutschland (NABU) betreut er zusammen mit dem Förster den Urwald, der ein Gemeinschaftsprojekt vom Saarländischen Umweltministerium, Saarforst und NABU ist. Als vor circa 30 Jahren Vertreter des NABU und des Saarforstes sich für den „Urwald von morgen“ einsetzten, waren sie in mancher Hinsicht noch Pioniere. Die Saarbrücker wollten schon damals auf eine wirtschaftliche Nutzung des Rohstoffes Holz völlig verzichten und ganz andere Wege beschreiten. Die Natur sollte sich wieder ausbreiten können – ohne jegliches Eingreifen von Menschen. Seitdem Anfang der achtziger Jahre die Angst vor dem Waldsterben die Öffentlichkeit bewegte, rückte das Thema Waldschutz zwar in den Fokus, doch völlig unberührte ­Natur ist noch heute die Ausnahme. Nur 2,9 Prozent der gesamten Waldflächen von 41 Millionen Hektar in Deutschland werden nicht bewirtschaftet. Bis zum Jahre 2020 will die Bundesregierung den Naturwaldanteil auf fünf Prozent der gesamten Waldfläche erhöhen.

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Auf den dicken ­Stämmen umgestürzter Bäume ­wachsen um die 150 Moosarten.
© Edda Neitz

Auf in den Urwald!

Es ist ein kalter Frühlingstag, als Helmuth Harth und ich an der Scheune Neuhaus zu einer Wanderung durch den Urwald aufbrechen. In dem ehemaligen Gutshof befindet sich ein Zentrum für Waldkultur, das in diesem Jahr um ein modernes Infozentrum erweitert wird. Auf Umweltbildung legen die Projektpartner großen Wert. Wir gehen zum Wildsaugraben, wo sich Wildschweine gerne suhlen. Doch selbst in der abgeschiedenen Naturlandschaft bleiben Begegnungen mit den Waldbewohnern leider rar, und wir müssen uns mit ihren Spuren begnügen.

Grünes Mosaik

Steil fällt der Hang in das Bachtal hinab. Es riecht erdig, nach Mulm und ­Moder. Immer wieder bleibt Helmut Harth ­stehen und blickt hinauf zu den breiten Buchenkronen. Das frische Laub leuchtet ­hellgrün. Die Blätter sind noch zart und durchsichtig. „Im Sommer ist der Wald eher dunkel“, betont er. Buchen wachsen nun mal hoch, und ihr Stamm teilt sich in eine breite Krone mit dichtem Laub. Da dringt nicht mehr viel Licht nach unten durch. Dafür entwickelt sich ein ­facettenreiches grünes Mosaik aus ­Flechten, Pilzen und Moosen auf den ­dicken Stämmen alter Bäume. Um die 150 Moosarten kommen hier vor. Quer über dem Weg liegen mehrere lange Stämme. Es ist knorriges, dunkles Totholz. In einem herkömmlichen Wald schafft man es weg, hier bleiben gestürzte Bäume an der Stelle liegen, wo sie umfallen. Also müssen wir darüber klettern, um den Weg fortzusetzen. „Wenn kein Übergang möglich ist, werden Stiegen in das Holz gehauen“, erklärt der NABU-Experte und beugt sich über einen morschen Baumleichnam. Er schiebt das dichte Moos auseinander und stochert in der lockeren Borke, die Pilze bereits zersetzt haben. Was zum Vorschein kommt, schaut aus wie ein wabbeliger Vanillepudding, in dem sich allerlei Kleinstgetier – wie Larven, Käfer und Würmer – bewegt. Das ist „Biodiversität live“, ein Nebeneinander verschiedener Entwicklungsstadien vieler Käferarten. „Solche Alt- und Totholzbiozönosen ­gehören in einen Naturwald, um den Ablauf komplexer ökologischer Prozesse zu bewahren“, erklärt Harth. Ebenso ­lieben Schwarzspechte morsches Holz für ihre Höhlen.

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Helmuth Harth vom Naturschutzbund Deutschand (NABU) betreut den Urwald gemeinsam mit dem Förster.
© Edda Neitz

Dynamik der Natur

Auch das übernimmt die Natur: die Verjüngung des Waldes. Bäume wachsen dort, wo es ihnen gut geht. Zum Beispiel im Schutz der toten Stämme, weil hier keine Rehe und Hirsche hinkommen können. Oder auf einem Weg, so dass wir Wanderer wie im Slalom an den zarten Stämmchen vorbeigehen. Und im Tal der Stille verzaubert uns der Auenwald mit seinen Erlen, die aus dem Wasser ragen. Wasser kann hier ungehindert fließen. „Nach jedem Starkregen sieht es im ­Netzbachtal anders aus“, sagt Revierleiter Martin Müller. Der Bach reißt eine ­Böschung vom Ufer und schwemmt sie an anderer Stelle wieder an. Diese Art von ­Dynamik fasziniert ihn immer wieder. Dennoch bremst er aufkommende Urwaldromantik sofort aus. „Sowohl Schutzgebiete als auch naturnahe Waldbewirtschaftung sollen ihre Berechtigung haben“, stellt der Urwaldförster klar und fügt hinzu: „Holz aus anderen Ländern zu importieren wäre nicht die beste ­Lösung.“ Deutlich mehr ­Totholzbiotope im normalen Wald als bisher zuzulassen und weniger die extreme Methode – erst Kahlschlag, dann Neupflanzung – einzusetzen würde die biologische Vielfalt („Biodiversität“) unterstützen. Wildnis aber braucht Zeit. Erst langsam ­erobern dicke Eichen die ehemaligen Halden des Saarkohlenwaldes zurück. Nach fast 20 Jahren hat der Saar­brücker Urwald noch immer eine ­Einzelstellung in Deutschland. Es gibt ­hierzulande kein ­größeres Wildnisgebiet am Rande einer Großstadt als dieses. ­Außerdem ist er der einzige Urwald, der mit der Bahn zu ­erreichen ist. Also: Es gibt viele Gründe für Wander- und Naturfreunde, ihm mal einen Besuch abzustatten.

www.saar-urwald.de

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 05 / 2016

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