Norwegen: Wunderschön rau

Reißende Flüsse, karge Geröllfelder, steile Schluchten, reich bewaldete Hänge und kristallklare Seen – das Setesdal in Südnorwegen ist von fast melancholischer Schönheit. Wer die Einsamkeit liebt, wird hier glücklich.

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Genuss ohne Ende: Weite Landschaften, klare Bergseen und der Blick bis zu den schneebedeckten Bergkuppen bieten das perfekte Natur-Ensemble.
© Manfred Borsch

Text: David Vinzentz, Fotos: Manfred Borsch

Lasse Eidskrem sollte Recht behalten! Ich treffe ihn in Hovden. Die kleine Ortschaft – der Startpunkt meiner Wanderung – liegt im oberen Setesdal. Lasse, der hier Wandertouren organisiert und koordiniert, zeigt mir die Umgebung und gibt mir noch einige Tipps für die bevorstehende Reise.­ „Die Menschen kommen wegen der Natur hierher. Sie wollen nichts Künstliches, sondern die Natur so erleben, wie sie ist, mit all ihrer Schönheit und Macht“, sagt er mir noch, bevor ich starte. Seine Worte hallen nach, während ich meine ersten Schritte auf dem Wanderweg mache. Drei Tage in Norwegens rauer Natur liegen vor mir. In der Ferne zieht gerade der Nebel ab, der sich den Morgen über hartnäckig auf den Berghängen gehalten hat. Riesige Waldflächen werden freigelegt, die sich über die Hänge erstrecken. Zu meiner Rechten reißt der Himmel über dem Berg Hovdenuten auf, der direkt an Hovden grenzt. Links spannt sich ein satter Regenbogen über das Tal. Von Rot bis ­Violett sind alle Farben deutlich sichtbar. Einen kitschigeren Start hätte es nicht geben können.

Die ersten Kilometer begleitet mich der zunächst romantisch plätschernde Bach Byrtemannsbekken. Je weiter ich gehe, desto intensiver wird seine Strömung. An einem reißenden Wasserfall mit steilen Felsklippen trennen sich schließlich unsere Wege. Da es die letzten Tage viel geregnet hat, sind die Pfade, Senken und Grashänge sehr sumpfig. An das schmatzende Geräusch, das meine Schuhe beim Auftreten produzieren, habe ich mich rasch gewöhnt. Ebenso schnell lerne ich, auf einigen Streckenabschnitten jedes Grasbüschel und jeden noch so kleinen Stein zu nutzen, die mich vor einem Tritt auf den sumpfigen Boden bewahren. Den Weg weisen mir Steinmännchen, die mit roter Farbe gekennzeichnet sind. Sie heben sich schon von Weitem von der Landschaft ab. Den besten Weg zu ihnen muss ich mir zwischen Steinen und kleinen Flüssen suchen.

Im Tal der Wikinger

Die Geschichte des Tals Setesdal ist alt. Schon zur Steinzeit siedelten hier Menschen. Vor tausend Jahren zogen die Wikinger für ihre wichtigste Errungenschaft in die Hochmoore um ­Hovden: die Gewinnung von Eisen. Der Weg führt mich über breite Stein­flächen bergauf. Die grüngelben Wiesen sind mit Heidekraut­gewächsen in allen Farbvariationen übersät, die unzähligen Bergmassive am Horizont mit Schneeflächen gesprenkelt. Zu Wikinger­zeiten hat es hier vermutlich nicht viel anders ausgesehen, denke ich mir. Es würde mich auch nicht wundern, wenn im nächsten Moment ein Trupp raubeiniger Nordmänner zwischen den zahlreichen Krüppelkiefern hervorträte.

Nieselregen streift mein Gesicht. Die extreme Weite der Landschaft hat den Vorteil, dass ich die auf mich zurollenden Regenwolken früh sehe. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, stapfe ich zuversichtlich durch die Wolken, deren kalte Tropfen nach einigen Minuten auf der Haut beißen. Als ich mich schon damit abge­funden habe, dass außer mir hier draußen kein Mensch mehr ist, bemerke ich beim Blick über meine Schulter ins Tal zwei Personen, die sich forschen Schrittes über die Heidelandschaft ­nähern. Sie tragen Tarnkleidung und haben Gewehre geschultert. Es sind Jäger. Als sie mich eingeholt haben, grüßen sie freundlich und wir bleiben einen Moment stehen. „Was jagt ihr?“, frage ich mit zusammengekniffenen Augen, denn noch immer peitschen mir Wind und Regen ins Gesicht. „Rentiere“, sagt der eine und grinst. „Wir haben Lizenzen für fünf Tiere gekauft.“ „Wie bekommt ihr die denn hier weg?“, fragte ich erstaunt, denn fünf Rentiere von hier bis ins Tal zu transportieren, scheint mir ein hoffnungsloses Unterfangen. „Wir bestellen Pferde“, erzählt der etwas Korpulentere und ergänzt: „Das ist am einfachsten.“ Der Regen nimmt zu, und die zwei ziehen weiter. Hoffnungslos, ihr Tempo zu halten. Schließlich werden sie vom Nebel verschluckt.

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Natürliche Kraft: Innehalten und Norwegens Schönheit genießen, wie hier am Fluss Byrtemannsbekken.
© Manfred Borsch

Mit Jägern am Ofen

Wie die Landschaft wechselt auch das Wetter ständig. Gegen Ende der ersten Etappe grüßt dann auch mal die Sonne. Nachdem ich eine offene und windige Ebene passiert und einen Fluss überquert habe und über größere Felsen geklettert bin, geht es jetzt steil bergauf. Hinter einer Biegung höre ich Glöckchen bimmeln. Sind das Schafe? Ich gehe einige Meter weiter, und nach inzwischen sechs Stunden liegt mit einem Mal die Hütte Tjørnbrotsbu vor mir. Eingebettet in Berghänge, umgeben von drei spiegelglatten Bergseen. Eine Handvoll Schafe grast anbei, Sonnenuntergang, Perfektion. Als ich die Hütte betrete, sitzen dort die beiden Jäger um den wärmenden Ofen und freuen sich, mich wiederzusehen. Ich hänge meine nassen Klamotten über eine Leine am Ofen. Ein dritter Jäger kommt aus dem Zimmer mit den Betten. Er heißt Jan und spricht etwas langsames, aber perfektes, Deutsch. „Ich will einen Bock schießen für meine Familie“, erklärt er. „Daraus kann man sehr gute Gerichte machen“, fügt er hinzu, während die anderen beiden ihm aufmerksam zuhören. „Wo hast du so gut Deutsch gelernt?“, frage ich ihn. Jan schaut etwas verlegen zu Boden und sagt, dass er einige Zeit in Ludwigsburg gelebt habe. Er schaut zu seinen beiden Kollegen. Die schmunzeln und klopfen ihm wegen seiner Deutschkenntnisse anerkennend auf die Schulter. Jan winkt lachend ab. Mit einem kleinen Schnaps stoßen wir an. Während ich am Ofen sitze und mir langsam die Augen zufallen, haben die drei eine Karte vor sich ausgebreitet und besprechen die bevorstehende Jagd. Bruchstücke ihres Norwegisch meine ich zu verstehen, dann gewinnt die Müdigkeit die Oberhand, und ich verkrieche mich ins Bett.

Den kompletten Text inklusive aller Fotos, der Tourenbeschreibung sowie der Tourenkarte zum sammeln und nachwandern erhalten Sie in Heft 1/2016 von wanderlust. Hier können Sie das Heft nachbestellen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2016

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