Kaufberatung Kindertragen und Kinderwagen

Keine Ausreden! Kleinkinder hindern niemanden am Wandern. Ein breites Sortiment an gelände­gängigen Kinderwagen und stabilen Tragen geben Familien die notwendige Mobilität am Berg. Trotzdem ist es ein anderes Wandern. Welches Transportmittel für Kleinkinder sich beim ­Wandern am besten eignet und worauf zu achten ist, haben wir Experten gefragt.

neuer_name
Wanderlust oder Wanderfrust? Damit die ganze Familie beim Wandern gut gelaunt ist, muss auch die Kindertrage passen.
© Osprey

Text: Uli Wittmann

Ich habe Arme wie ein Orang-Utan!“, jammert ein Vater nach einem langen Abstieg von der Alm. Die ganze Zeit hatte ihn der Kinderwagen bergab gezogen – das mitgenommene Modell hatte keine Bremse. Beim Wandern mit Kleinkindern sind Tragen oder Kinderwagen unerlässlich. Sonst ist in Bergen und Mittelgebirgen schnell Schluss mit den schönen Stunden in der Natur. Sogar Details können für Wanderlust oder Wanderfrust der Eltern entscheidend sein. Vor der Wanderung sind daher einige Fragen zu beantworten. Womit lässt sich das Kind am besten transportieren: Im Kinderwagen oder in der Kindertrage? Eine grundsätzliche Überlegung, die unter Wanderern zu langen Diskussionen führt. Im flachen Gelände und bei gut präparierten Wegen ist der Kinderwagen ideal, in steileren Passagen und bei abgestuften Pfaden sind die Kinder am besten in einer Trage aufgehoben sind.

Bevor Familien die Wanderschuhe schnüren, müssen sie erst einmal in die Berge kommen. In den meisten Fällen sind sie mit dem Auto unterwegs. Hier kann sich bereits beim Einladen ein wahres „Bergdrama“ anbahnen. Denn ein Großteil der Kinderwagen lässt sich nicht auf ein kofferraumtaugliches Format zusammenfalten oder setzt dafür quasi ein Ingenieursstudium voraus. Hier zeigen sich deutlich die Qualitätsunterschiede der Modelle. Kleinkinder reisen mit großem Gepäck: Windeln, Nuckelflaschen, Feuchttücher, Wickelunterlagen, Gläschen mit Brei und vieles mehr benötigen sie beim Wandern. Damit nicht alles in die Rucksäcke der Eltern kommt, ist es gut, einen Teil davon im Bodenfach des Kinderwagens unterzubringen. Auch hier zeigt sich der Unterschied zwischen günstigen und hochwertigen Gefährten, was die Größe und den Zugriff auf den Stauraum angeht.

Ist alles verstaut, kann’s endlich los­gehen. Schlaglöcher, Unebenheiten im Boden, unter­schiedliche Bodenverhältnisse – beim Wandern kann einiges in die Quere kommen. Um den Wanderausflug trotzdem zu einem Erlebnis für die ganze Familie zu machen, muss ein Kinderwagen einige ‚Voraussetzungen erfüllen. „Der Rahmen sollte stabil gebaut sein, damit der Untergrund nicht zu einem Hindernis wird. Große, luftgefüllte Räder und vor allem eine hervorragende ­Federung sind wichtig, um den Komfort zu stabilisieren und zu erhöhen“, erklärt David Bernsteiner von der Firma Britax ­Römer, einem Hersteller einschlägiger Produkte. Wenn der Kinderwagen mit einem schwenkbaren Vorderrad ausgestattet ist, muss dieses sich unbedingt fixieren lassen, damit die ­Sicherheit – insbesondere beim Bergabfahren – gewährleistet ist.

In Elternkreisen außerdem oft diskutiert: drei oder vier Räder am Kinderwagen? Welche Variante bietet mehr Fahrkomfort für die Kleinen? Schließlich soll sich das Kind darin nicht wie bei einer Rallye fühlen und von ­jeder Wurzel durchgeschüttelt werden.

Drei oder vier? Wer bietet mehr?

Dazu meint Vera Steinbusch, Produkt­managerin beim Kinderwagen-Hersteller Bugaboo: „Die Vorzüge eines echten All-­Terrain-Kinderwagens machen sich auf unruhigem Untergrund schnell bemerkbar: Vier große Räder sorgen für wesentlich ­ruhigere Fahrt. Je größer die Räder sind, des­to reibungsloser und stoßfreier ist die Fahrt über unebenes Gelände.“ Gründliche Tourenplanung ist auch das Fundament für einen harmonischen Familienausflug. Um eine passende Tour zu finden, die auch für den Kinderwagen geeignet ist, gibt es spezielle Wanderführer. Urlaubsorte schildern auch besondere Wanderwege für Familien aus. In den meisten Fällen haben diese ein flaches Streckenprofil und keine Hindernisse. Trotzdem kommen Eltern hinter der Schiebestange ins Schwitzen. Anstrengender als den Kinderwagen bergauf zu bugsieren ist der Abstieg. Wer nicht Wladimir Klitschkos Oberarme hat, erinnert sich am nächsten Morgen mit einem kräftigen Muskelkater an die Wanderung. Eine Bremse am Kinderwagen ist kein Luxus, sondern gibt zusätzliche Sicherheit. „Besonders bei steilem Gelände ist eine Bremse, die ein kontinuierliches Verlangsamen des Kinderwagens ermöglicht, von Vorteil“, so Steinbusch.

Bei vielen Geländekinderwagen gibt es dafür eine Handbremse, die die Bremskraft entweder auf das Vorder- oder das Hinterrad ausübt. Leichtere Wanderungen und kleine Bergtouren können jedoch problemlos auch ohne Handbremse in Angriff genommen werden – eine funktionierende Feststellbremse sollte aber zur Sicherheit immer vorhanden sein“, empfiehlt Bernsteiner. Doch die besten Kinderwagen stoßen an ihre Grenzen, wenn der Weg zu steil ist. Hier gibt es kein Weiterschieben. Für solches Gelände sind Kindertragen ideal.

„Rüstet euch, bevor ihr aufbrecht, optimal aus. Auch die Kinder!“, mahnt der Extrembergsteiger und zweifache Vater ­Simone Moro. Das trifft auch auf die Kindertragen zu. Von 60 bis knapp 300 Euro kosten die verschiedenen Modelle. Dabei gibt es gewaltige Unterschiede in der Qualität. An eine zu preiswerte Kindertrage erinnern sich alle: das Kind und die Eltern. Denn auch die Eltern bekommen am eigenen Leib zu spüren, warum gute Schultergurte und ein ausgereiftes Tragesystem ihr Geld wert sind. Während bei preiswerten Kindertragen mit hohem Eigengewicht schnell die Schultern schmerzen und der Rücken nicht belüftet ist, stellen diese Modelle auch eine ­Gefahr für das Kind dar. Wie Domino­steine kippen die preiswerten Kindertragen um, wenn sie auf dem Boden stehen. Hier besteht eine erhebliche Verletzungsgefahr.

Drama, Baby!

Chris Semmel, Geschäftsstellenleiter vom Verband Deutscher Berg- und Skiführer und dreifacher Vater, weiß, worauf es beim Kauf einer Kindertrage ankommt: „Die Kindertrage sollte über ein gutes Tragesystem (Schulterträger und Beckengurt; Anm. d. Red.) verfügen, zum Be- und Entladen am Boden selbststehend sein, einen aufsteckbaren Sonnenschutz sowie eine sichere Anschnallvorrichtung für die Kinder in der Trage aufweisen.“ Besonders empfehlen könne er aus eigener Erfahrung die „Kid Comfort“-Serie von Deuter. „Mit dieser Trage habe ich meine drei Kinder selber in die Berge getragen.“ Manche Eltern wissen zudem nicht, ab welchem Alter Kinder in der Trage Platz nehmen dürfen. Als Faustregel gilt: Die Kleinen kommen erst hinein, wenn sie es schaffen, selbstständig zu sitzen, damit sie ihren Kopf und Rumpf selber halten und stabilisieren können. Semmel rät für die ersten Ausflüge: „Wichtig ist es, besonders kleinere Kinder nicht zu lange in der Trage regelrecht einzusperren.“ Beginnen könne man mit kleineren Ausflügen in einer guten Trage in der Regel bereits ab dem ersten Lebensjahr. Auf den ersten Blick sieht eine Kraxe für die Kinder wie ein Rucksack aus: Schulterriemen und Beckengurt bilden ein effektives Tragesystem. Doch mit Elan, wie bei einem ­Daypack, sollten Eltern auf keinen Fall die Kindertrage auf den Rücken schwingen. Schließlich sitzt ein kleiner Mensch in der Trage. Außerdem wiegt sie mit Passagier deutlich mehr als ein Tagesrucksack. Wer mit zu viel Schwung diese Last auf den Rücken bugsiert, kann sich dabei zerren und hat Schmerzen beim Wandern. Während Eltern bei Stabmixern, Handys und anderen technischen Geräten die Gebrauchsanweisungen eingehend lesen, vernachlässigen sie das bei Kindertragen oftmals. Deshalb gilt generell: Vor dem ersten Wandern die Bedienungsanleitung lesen.

„Ein Kind ist die wertvollste Fracht, die Eltern je auf ihrem Rücken transportieren. Um passgenauen Sitz, Komfort und Sicherheit zu gewährleisten, gilt es, die Kindertrage den physiologischen Voraussetzungen des Kindes haargenau anzupassen“, sagt auch Andreas Kübler, Osprey Countrymanager Deutschland. Als Richtwert erläutert Kübler: „In der Idealposition befindet sich das Kinn des Kindes knapp oberhalb des Rahmens. Zudem verfügt die Kindertrage über verstellbare Schultergurte, die das Kind zuverlässig vor dem ­Herausfallen bewahren.“ Doch selbst wenn das Kind angeschnallt sei, bestehe die Gefahr, dass bei einem zu hektischen Aufsetzen der Trage diese aus den Händen gleite und sich der kleine Passagier verletze. Hier gelte: Genügend Zeit vorsehen!

Noch schwerer als die Expedition als solche kann es für Eltern sein, die richtige Tour zu finden. Schließlich soll das Kind nicht zu lange in der Trage sitzen und sich langweilen. Moro, Besteiger von 8.000ern und schweren Felswänden, bringt es auf den Punkt: „Eltern planen eine Bergtour so, dass sie und die Kinder Spaß daran haben und keiner überfordert ist.“

Egal, ob das Kind im Kinderwagen oder in der Trage sitzt, die Kleinen geben klare Zeichen, wenn ihnen die Wanderung zu lange dauert: Sie beginnen zu nörgeln. Dagegen gibt es erfolgreiche und simple Mittel: ­Unterwegs lassen sich aus der Situation heraus Spiele erfinden, die der ganzen Familie Spaß machen. Wichtig ist es auch, beim Wandern genügend Pausen einzulegen. „Zeitdruck darf es beim Bergsteigen mit Kindern nicht geben. Pausen sind für alle gut“, erklärt der Profi-Alpinist Moro. Im Kindergartenalter sollte die reine Gehzeit zwischen drei und vier Stunden lang sein.

No-Go: Kindertragen im Winter

Wichtig für die Sicherheit von Kind und ­Eltern ist es, die Kraxe exakt dem Rücken des Trägers anzupassen. Bei Deuter lässt sich beispielsweise die Rückenlänge der „Kid Comfort“-Tragen durch das „Vari-Quick“-­System einfach individuell einstellen. Auch die Hüftflossen müssen alle Bewegungs­abläufe mitmachen. Bei allen technischen ­Lösungen gibt es auch Grenzen: „Im Winter ist die Verwendung von Kindertragen mitunter gefährlich. Durch die mangelnde Bewegung und die hängende Po­sition der Beine kommt es schnell zur Unterversorgung und zum Auskühlen der Füße. Es drohen Erfrierungen!“, so Semmel. Wer mit seinen Kindern Spaß beim Wandern haben will, benötigt neben einer guten Ausrüstung auch das nötige Gespür. Dann hat die ganze Familie Spaß in der Natur.

neuer_name
“Sherpa? Nö – Papa!“: wanderlust-Autor Uli Wittmann darf sich geschmeichelt fühlen.
© Uli Wittmann

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 03 / 2014

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat

Events

Zur Zeit liegen keine Events vor …