Auf Bierentdeckungsreise im Eisacktal

Bei Südtirol denkt man erst einmal an Wein und Traubensaft. Dass es hier ­einmal jede Menge Höfe und Gasthäuser gab, die ihr eigenes Bier brauten, dass früher überall in Südtirol Gerste und Hopfen angebaut wurden: Man mag es kaum glauben. Aber langsam gibt es sie wieder, Hof- und Gasthofbrauereien, die an die alte Tradition anknüpfen, und die Biere sind einfach lecker.

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Norbert Andergassen, Wirt des Gasslbräu, testet eines seiner Spezialbiere.
© Ralf Scholze

Text: Ralf Scholze

Der denkmalgeschützte Ansitz „Hubenbauer“ in Vahrn in der Nähe von Brixen im Eisacktal hat eine stolze Geschichte, wurde erstmals im Jahre 1197 erwähnt. Die ­Familie Stolz hat das uralte Gemäuer vor ein paar ­Jahren mit viel Rücksicht auf historische Elemente und viel Liebe zum Detail renoviert und eine Hofschänke eröffnet. Als eine Besonderheit in Südtirol bietet der Hof zu den ­leckeren Speisen auch die passenden selbstgebrauten Biere an.

Über die Musik haben sie sich kennengelernt, der Hubenbauer Alexander Stolz und sein bester Spezi Gregor Wohlgemuth. Der eine spielt die Trompete und der andere die Bassposaune, der eine ist begeisterter Biertrinker, der andere hatte mit Südtiroler Gerstensaft recht wenig am Hut. Irgendwann hockte man abends auf dem Hubenbauernhof beieinander und diskutierte darüber, wie ein Bier aussehen müsste, das beiden schmeckt.

Der Anfang war beschwerlich

Zwei Wochen später stellte Gregor auf der Autofahrt zu einem Konzert die entscheidende Frage: „Brauen wir jetzt unser eigenes Bier, oder lassen wir es sein?“ Damit war die Entscheidung gefallen. Bergeweise wurden Fachbücher herangeschafft und studiert, über das Internet erste Kontakte mit Braumeistern in Bayern und Franken geknüpft, Brauereien besichtigt, Bier probiert, jede Menge Fragen gestellt, bis sich langsam herauskristallisierte, wie das eigene Bier aussehen und schmecken sollte. Der alte Stall wurde umgebaut, einige Wände herausgerissen, andere verschwanden hinter leicht zu reinigenden Fliesen. Es starteten die ersten Experimente, und 2010 war es dann so weit.

Seither wird das eigene Bier ausgeschenkt, und die beiden Freunde sind die „Hubenbrauer“. Vier Sorten umfasst das Angebot ihrer eigenen Hofbrauerei: Ein Helles, ein Kellerbier, ein Weizen, und im Frühjahr, ein paar Wochen nach Ostern, kommt noch ein Bockbier dazu.

Das hefetrübe, honigfarbene Weißbier zeichnet sich durch seinen frischen, würzigen und fruchtigen Geschmack aus. ­Aromen wie Zuckermelone, Honig und Banane folgt im Abgang die Bitternote des Hopfens, eine Geschmacksrichtung, die Lust auf den nächsten Schluck macht.

Das Geheimnis des Kellerbiers, einer für Franken typischen Biersorte, sind die vier verschiedenen Malzsorten, die in einem ganz bestimmten, geheimen Verhältnis gemischt werden. Na ja, so geheim auch wieder nicht, denn ein erfahrener Braumeister wird sofort herausschmecken, dass da helles und dunkles Malz ­sowie Röstmalze verwendet wurden.

Wasser, Malz, Hopfen und Hefe sind die Grundstoffe eines Bieres. Laut dem berühmten Reinheitsgebot von 1516 ist das alles, was in ein Bier an Zutaten hineindarf. So halten es auch die beiden Hubenbauer Alexander und Gregor.

Etwas anders sieht das Norbert Andergassen, der Wirt des Gasslbräu, für seine Spezialbiere. Das Gasslbräu ist eine richtige Wirtshausbrauerei inmitten der historischen Altstadt von Klausen fast direkt unter dem berühmten Kloster Säben gelegen. Wirtshausbrauereien waren in vergangener Zeit recht verbreitet. Heute sind sie eher eine Rarität: Wirtshäuser mit eigener Brauerei, Orte, wo man lecker essen, viele, nette Leut’ treffen und dazu noch ein frischgezapftes, hausgebrautes Bier trinken kann. Was will Mensch mehr?

Keschtenbier

Norbert Andergassen wollte mehr, liegt doch seine Wirtshausbrauerei wie auch der Hubenbauer direkt am berühmten Eisacktaler Keschtenweg und steht doch die ganze Region jeden Herbst für einige Wochen unter dem Motto der Edelkastanien. Ein paar Monate vorher füllt er den Maischebottich nicht nur mit geschrote­tem Malz und Wasser, um die Mischung dann zu erhitzen, damit sich Zucker und andere Inhaltsstoffe lösen, quasi die Basis für ein gutes Bier. Er fügt das Mehl von getrockneten Edelkastanien hinzu und braut daraus ein Kastanienbier. Das muss dann nach dem Brauen im Keller noch ein paar Monate ruhen und reifen, bevor es aus­geschenkt werden kann. Ist das dann ausgetrunken, müssen sich die Gäste bis zur Keschtensaison im nächsten Jahr gedulden, denn Norbert Andergassen braucht sein Bierlager dann schon für sein Weihnachtsbier, ein kräftiges Doppelbock, wo zum Bier eine Portion Zimt dazukommt, ein Gewürz, dem eine aphrodisierende und anregende Wirkung nachgesagt wird.

Und wenn das ausgetrunken ist, dann ist der Reifekeller schon wieder voller Fässer mit der nächsten Bierspezialität, einem erfrischenden Basilikumbier. Wie das schmeckt? Treffen wir uns doch nach ­Ostern, wenn die Obstbäume blühen, im Biergarten des Gasslbräu.

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Hubenbauer Alexander Stolz (r.) und sein Kollege Gregor Wohlgemuth in der eigenen Gaststube.
© Ralf Scholze

Bier im Kloster:

Da normales Wasser im Mittelalter ungenießbar war, waren auch die Klöster in der Bierherstellung sehr aktiv. Für die Fastenzeit suchten die Mönche etwas Genussvolles, um trotz des Fastens Nahrhaftes zu sich nehmen zu können. Das war das Bockbier, ein schweres, alkoholreiches Bier. Um die Zustimmung des Papstes zu bekommen, schickte man ihm ein paar Probefässer, lud sie auf einen Pferdewagen und kutschierte diesen im Sommer quer über die Alpen und durch die italienische Hitze nach Rom. Der Papst probierte das inzwischen saure Bier und fand es ganz fürchterlich: „Wenn die Mönche so büßen wollen, meinen Segen haben sie.“

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 03 / 2016

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