Beim Schwaben muss es schwimmen

Von der lackbraunen Soße zu köstlichen Mehlspeisen bis zu Wasseranwendungen von Pfarrer Kneipp – an der Schwäbischen Bäderstraße ist einfach alles im Fluss!

Text & Fotos: Friederike Brauneck

Verständnisvoll stellt die freundliche Bedienung im adretten Dirndl eine Sauciere mehr auf den Tisch, denn sie weiß: Der Schwabe mag reichlich Soße für seine deftigen Mahlzeiten. Hier im Hotel-Restaurant „Grüner Baum“ im hübschen Bad Waldsee, eingebettet zwischen zwei Naturseen, versteht man sich auf die traditionelle schwäbische Küche. Hinter historischen Barockfassaden serviert man dem Gast ein „Oberschwäbisches Viererloi“, komponiert aus Krautkrapfen, Kässpätzle und Maultäschle. Hinterher ein „Nonnenfürzle mit Himbeer-Zwetschgensoße“ – ein köstliches Schmalzgebäck, dessen Namen man sich am besten von einem echten Schwaben erklären lässt. Ja, deftig geht es zu im Ländle, und groß müssen die Portionen schon sein. Aber keine Sorge, auch für Bewegung sorgt man hier – klassisch nach dem Vermächtnis von Pfarrer Kneipp oder in moderner Version: Aquabiking oder Aquajumping – Radeln oder Trampolinspringen im stoff­wechsel­anregenden Wasser der Waldseetherme, die aus einer der heißesten Quellen Oberschwabens gespeist wird. Studien zu Folge hat Bewegung im Wasser einen 10-fach stärkeren Effekt auf Stoffwechsel, Herz-Kreislauf und Lymphsystem – da lohnt sich ein wenig Körpereinsatz sehr schnell und macht in der großzügigen Badelandschaft auch noch Spaß.

Was Kneipp schon wusste …

Die Schwäbische Bäderstraße erstreckt sich über 180 Kilometer und ist ein Zusammenschluss von neun Kurorten und Heilbädern von Überlingen am Bodensee bis nach Bad Wörishofen im Allgäu, wo alles im Zeichen des Heilkunde-Revoluzzers Pfarrer Kneipp steht. Zeitgenossen war er ein Dorn im Auge. Er nahm kein Blatt vor den Mund, stellte Althergebrachtes respektlos auf den Kopf und nahm vor allem den Menschen, egal welcher Herkunft, in seiner Ganzheit ernst. Ein aktueller Ansatz – damals unbequem und skandalös. Dennoch konnte er überzeugen, und schon zu Lebzeiten war er hoch angesehen. Gerade in Bad Wörishofen, wo er lange Jahre arbeitete und behandelte, finden sich seine Spuren überall. Sein ehemaliges Behandlungszimmer mit ­Originalmobiliar wird im Sebastianeum, heute ein Vier-Sterne-Hotel mit Kneipp- und Naturheilzentrum mitten im Ort, als ein Rückzugsort genutzt für Gäste, die nach seinen Regeln fasten. Für alle anderen gibt es drei Restaurants im Haus, in denen es gesund und lecker zugeht.

Hier an der Stätte von Kneipps Wirken pflegt man sein Wissen besonders ernsthaft als sein Vermächtnis. Hier steht fast alles in seinem Zeichen – bis hin zu maßangefertigten Sandalen, die seiner Lehre entsprechen. Denn das Barfußgehen ist der Einstieg in die Abhärtung und Stärkung der Selbstheilungskräfte, die Pfarrer Kneipp mit seinen kalten Güssen und Bädern erzielen wollte. Kälte, das ist inzwischen wissenschaftlich erwiesen, setzt Reize im Körper. Da sich auf der Haut zehn Mal mehr Kälte- als Wärmerezeptoren befinden, ist Kälte sehr viel effektiver. Sie regt Durchblutung und Stoffwechsel an. Toni Fenkl, Physio- oder Ganzkörper-Therapeut (wie er sagt) und überzeugter Kneippianer, verzichtet daher so oft es geht auf die „Fuß-Verkümmerungs-Geräte“, sprich Schuhe, und marschiert barfuß los. Perfekter Einstieg auch für Ungeübte ist der Barfußweg im Kurpark in Bad Wörishofen, durch den er seine Gefolgschaft unter Anfeuerungsrufen geleitet. Durch Kälte, über Sand und Kies oder Tannenzapfen und durch knietiefen Matsch – am Ende dieser kleinen Reise der neuartigen Empfindungen fühlen sich die Sohlen seidenweich, leicht prickelnd und gut durchblutet an. Mit leisem Bedauern sperrt man sie wieder in Schuh und Strümpfe – aber kalte Güsse lassen sich auch im heimischen Bad durchführen.

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Unten ohne: Mit einem Schlammbad im Bad Wörishofener Kurpark erwartet wanderlust-Redakteurin Friederike Brauneck ein ungeahnter Hautschmeichler.
© Friederike Brauneck

Urlaub mit Mehrwert

Die Lehre von Kneipp, bestehend aus fünf Säulen, bezieht den ganzen Menschen ein: Bewegung, Wasser, Ernährung, Heilkräuter und Lebensordnung. Damit hatte Kneipp bereits alles im Blick, was die moderne Gesundheitsforschung heute für wichtig erachtet: Gesundheit von Körper und Seele. Bei dem heutigen Angebot von Wellness und Gesundheitsprogrammen hatten es die Methoden von Pfarrer Kneipp in den letzten Jahren schwer, aber hier an der Schwäbischen Bäderstraße zwischen Bodensee und Allgäu versteht man es, das alte Wissen mit modernen Ansprüchen zu verbinden. Yoga im Garten, Quigong am See und Kosmetikbehandlungen werden ebenso angeboten wie bewusste Ernährung: „grün“ und dennoch köstlich.

So wie im Kneipp-Sanatorium Bad Clevers, einer Privatklinik für Naturheilverfahren mit Kassenzulassung, seit 1938 in Familienbesitz, in der man den Menschen ganzheitlich und sehr persönlich betreut. Verständliche Diagnosen, direkt im Haus erstellt von Fachärzten, die sich Zeit nehmen können, sind die Grundlage für die weiteren Schritte. Auch wenn heute kaum noch jemand zwei oder drei Wochen für eine Kur kommt, selbst in einer Woche kann man so den Menschen zumindest den Weg weisen. Sie sollen etwas mitnehmen in ihren Alltag und den eigenen Körper besser verstehen – Urlaub mit gesundheitlichem Mehrwert sozusagen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 06 / 2015

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