Berch, Bier & Brezeln

Erlangens fünfte Jahreszeit ist die Bergkirchweih. Am Donnerstag vor Pfingsten wird sie bei den Felsenkellern am Burgberg für zwölf Tage eröffnet.

neuer_name
Leckere Tradition: Die goldbraunen Brezeln schmecken am Besten, wenn sie frisch aus dem Ofen kommen.
© Thomas Dettweiler/Erlanger Tourismus und Marketing Verein

Text: Edda Neitz

"Der Berg ruft“, heißt es in der Pfingstwoche für alle Erlanger. Dann brechen die Franken natürlich nicht zu hohen Gipfeln und Alpenglühen auf. Im Gegenteil. Sie suchen sich unter dem Laubdach von alten Kastanienbäumen, Linden und Eichen einen lauschigen Platz und lassen sich ein wohltemperiertes Bier servieren. „Wenn Bergkirchweih ist, kommen sie alle“, sagt Jochen Buchelt, „sogar die Universität schließt dann für eine Woche ihre Pforten“. Die landesweiten Pfingstferien lässt der Brauereiexperte und Mitautor des Buches „...ein Erlanger bitte“ dabei außer Acht. Jochen Buchelt lässt von Anfang an keinen Zweifel aufkommen: Die „Berchkärwa“ – fränkischer O-Ton – ist Erlangens fünfte Jahreszeit. Und nebenbei bemerkt: die „Kärwa“ ist das älteste Bierfest der Welt. Ganze 55 Jahre bevor die Münchener das Oktoberfest aus der Wiege hoben, beschlossen bereits die Erlanger Stadträte, den Pfingstmarkt von der Innenstadt an den Ortsrand und Südhang des Burgbergs zu legen. Damit war 1755 die Bergkirchweih geboren. „Auf dem Burgberg stand nie eine Burg, vielmehr schützt der 300 Meter hohe Bergrücken vor dem kalten Nordwind“, ­erzählt Jochen Buchelt. Wie ein grünes Band umschließt der ­Hügel das mittelfränkische Städtchen, das bis ins 17. Jahrhundert hinein ein bedeutungsloser Ort war. Der Aufschwung kam als der Markgraf von Brandenburg-Bayreuth für Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, die Hugenotten, eine barocke Planstadt errichten ließ und damit auch die wirtschaftliche Entwicklung förderte. Jetzt kommt der Berghang aus Sandstein ins Spiel. Riesige Gewölbekeller mit kirchenschiffartig hohen Decken und einem Labyrinth von Gängen wurden in den besagten Berghang gehauen, um dort im Winter Bier bis in den Sommer hinein zu lagern. „Das war nur in Franken möglich“, betont Brauereiexperte Buchelt. Um 1876, als Carl von Linde die Kältemaschine erfand, kam die Wende. Die Erlanger Brauer verloren ihren markanten Standortvorteil. Von den 18 Brauereien, die es hier um 1880 gab, brauen jetzt nur noch zwei. Geblieben sind aber die Keller mit Schankbetrieb. Zur „Berchkärwa“ kommt man nicht wie in München, um im Bierzelt zu sitzen. Über den Gewölben, wo früher das Bier in schweren Holzfässern lagerte, wurden schon immer einfache Holzbänke und Tische aufgestellt. Daraus entstand auch die hier typische Redewendung „Auf den Keller Bier trinken gehen“. 14 Kellerschankwirtschaften reihen sich hier wie Perlen aneinander. Manchen Kellereingang ziert ein Türmchen. Ansonsten steht nur ein einfacher Tisch davor, auf dem die steinernen Krüge mit Bier ausgegeben werden.

US-Soldat besteht auf XL-Brezel

Dazu gibt es Bratwürste oder „Schäuferle mit Kloß“ und seit 50 Jahren die „Berchbrezel“. Eigentlich müsste sie „Gulden-Brezel“ heißen, denn es war Bäcker Georg Gulden, der zuerst nur aus Jux in den 1960ern eine größere Brezel buk. Weil ein US- Soldat der damaligen Militär-Besatzung in der Region von der XL-Brezel aus Hefeteig aber hellauf begeistert war, gab es von nun an keine „Kärwa“ ohne „Berchbrezel“. Döner und Pizzabuden sucht man hier übrigens vergebens. Als ich Jochen Buchelt treffe, sind Bänke und Tische noch menschenleer. Aber still ist es nicht. Von der Bundesstraße, die noch im 19. Jahrhundert ein bedeutsamer Handelsweg zwischen Nürnberg und Leipzig war, hören wir Autoverkehr. Lauter ist das Hämmern und Sägen, denn es wird eifrig für die Eröffnung gewerkelt. Dieses Jahr wird 500 Jahre Reinheitsgebot für Biere gefeiert. Für Friedrich Engelhardt von „Entla`s ­Keller“ wird es ein Jahr wie jedes andere sein. Schon seit 300 Jahren bewirtschaftet die Familie ihren Keller am Burgberg. „Ich will ein guter Wirt sein“, sagt Friedrich Engelhardt, „drum setz ich mich auch zu den Leuten und hör ihnen zu“. Über den Sinn der Welt und Lauf der Dinge nachzudenken ist sowieso sein Thema. Dann spricht er über die „bewusstseinserweiternde Maß“ Bier oder die entspannte Atmosphäre der Bergkirchweih, bei der man zu sich kommen kann und harmonisch beisammensitzt. Wer will da nicht zur „Berchkärwa“ kommen?

neuer_name
Verwinkelt: In den Gewölbekellern wurde früher das Bier gelagert.
© Thomas Dettweiler/Erlanger Tourismus und Marketing Verein

„Den Ladykiller mögen sie alle“

Für Steinbach Bräu, eine der letzten beiden Privatbrauereien, ist Bierbrauen noch dazu eine Ehrensache. Vor zehn Jahren haben sie das einzige private Biermuseum Frankens eröffnet, direkt über ihrem Sudhaus. „Wir brauen seit 400 Jahren, da sammelt sich so einiges an“, erklärt Seniorchef Dieter Gewalt. Getreidesäcke, Würzkühler, Reagenzgläser Hobelbank, Pferdegespann – all diese Utensilien sind liebevoll platziert und informieren fachmännisch detailliert über das Bierbrauen. Brauerei und Mälzerei führen bereits die Söhne Christoph und Jörg, aber bei Sonderprojekten ist Dieter Gewalt immer dabei. Bei Steinbach Bräu gibt es nur zwei Biersorten vom Zapfhahn. Das helle Storchenbier – ­untergärig und ganzjährig, dazu monatlich ein Spezialbier. „Den ­Ladykiller, ein helles Weizenbock, mögen sie alle“, erzählt der Senior schmunzelnd, der bei der Namensgebung der Biere seine Söhne gerne unterstützt. Wenn nach zehn Tagen die Lichter der roten Lampions in den ­Bäumen erlöschen, erklingt „Lilli Marleen“. Mit dem berühmten, alten Schlager wird der Abschied vom letzten Fass Bergkirchweih-Bier zelebriert. Zu einem stillen Platz am Burgberg wird das Fass gebracht, doch irgendwann in der Nacht zapfen es Berg-Fans an. „Das gehört einfach dazu“, meint Jochen ­Buchelt grinsend.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 04 / 2016

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat

Events

22.01 – 26.01.2020
Schöneck im Vogtland - Deutscher Winterwandertag