Berner Oberland: Probier’s mal mit Gemütlichkeit

Von wegen nur für Promis! Gstaad hat sie, diese glamouröse Kundschaft – keine Frage, aber ebenso willkommen sind „Normalos“, die Freude an herrlicher Landschaft, Genuss und Ent­spanntheit ­haben. Wanderer können hier ganz komfortabel die Abgeschiedenheit und Unberührtheit der Natur des Berner Oberlandes mit erstklassigen Events aus Sport und Kultur verbinden.

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Das Dorf im Berner Oberland verzaubert Gäste mit Häusern im Chaletstil und buntem Blumenschmuck.
© Friederike Brauneck

Text & Fotos: Friederike Brauneck

Ein Ruck, und es geht los. An den Panoramafenstern zieht eine Bilderbuchlandschaft vorbei – Heidi lässt grüßen. Ich dagegen warte, warte auf Beschleunigung. Aber nichts geschieht. Der Zug zuckelt gemächlich weiter, was nach der Anreise mit dem ICE und anderen Schnellzügen ein körperlich spürbarer ­Unterschied ist. Nach einem kurzen ­Moment der Überraschung entspanne ich mich, ­lehne mich zurück und genieße einfach die Landschaft, schön wie ein Gemälde.

Und genau das ist es, was der Tourismusverband Gstaad Reisenden verspricht: „Come up – slow down.“ Wer mit dem Zug anreist, erlebt dieses Motto bereits auf dem Weg zu seinem Ziel. Der Golden Panorama Express schraubt sich würdevoll direkt nach Gstaad hinein. In einem Bogen um den Ortskern herum kann man sich bereits vom Zug aus orientieren. Und wer aus dem kleinen Bahnhof heraustritt, ist mitten drin im ­Geschehen. Die im Chaletstil gehaltenen ­Hotels und Geschäftshäuser präsentieren sich im Sommer mit herrlichem Blumenschmuck und bunten Fahnen. Autos müssen draußen bleiben: Fußgänger sind im Ortskern auf der Promenade unter sich und ­können sich ganz den Verlockungen der Auslagen und Speisekarten hingeben.

Gstaad liegt in einem weiten Tal auf 1.050 Metern Höhe. Die Sonne bringt den Ort von allen Seiten zum Leuchten. Zu den Rändern des Tals steigen sanfte Hügel an, überzogen mit dem samtenen Grün von Wiesen und Tannenwäldern. Hoch hinaus geht es auf dem Gstaader Hausberg Wispile (bis auf knapp 2.000 Meter Höhe). Vom Wispile aus werden schroffe Felsformationen sichtbar, teilweise auch im Sommer schnee­bedeckt. Majestätische Gletscher auf 3.000 Metern Höhe zeigen sich jetzt erst. Hier oben startet eine von vielen herrlichen Wanderungen auf dem 300 Kilometer umfassenden Wegenetz in Richtung Lauenensee, etwa drei Stunden mit mittlerem Anspruch. Während der ersten anderthalb Stunden zum Krinnenpass hat man einen herrlichen Rundumblick, denn der Weg führt über einen Grat – aber keine Angst, er ist familientauglich und nicht schwindel­erregend schmal.

Molkereiprodukte von der Alp

Im Sommer kommt man an Alphütten vorbei, die bewirtschaftet werden. Manchmal darf man beim Melken oder beim Kasen zuschauen. Man erfährt, dass es in den ers­ten Wochen oben auf der Alp mehr Milch gibt: Die Wiesen sind besonders saftig, und die heimischen Simmenthaler Kühe haben gerade erst gekalbt. Dementsprechend fallen auch die Käselaibe größer aus. Am Ende der etwa 100 Tage, die Mensch und Tier dort oberhalb von 1.300 Metern Höhe verbringen, fallen die Laibe kleiner aus. Die Produktion des Bergkäses ist eine alte Tradition, die aus praktischen Gründen entstanden ist. Denn besser als in Form eines Käses kann man die Milch, die dort oben anfällt, nicht aufbewahren. Und die nächste Molkerei ist auch in Zeiten von Autos noch zu weit weg. So wird täglich gekast, manchmal sogar zwei Mal pro Tag, wenn die Abendmilch nicht gekühlt bis zum morgendlichen Melken ­gelagert werden kann.

Wer vom Krinnenpass weiterwandert Richtung Lauenensee, hat nun eine ­halbe Stunde steilen Abstiegs vor sich. Dafür geht es dann gemütlich weiter durch einen schattenspendenden Wald. Nach einem weiteren Anstieg schlängelt sich der Weg bis hinunter zum See. Auf diesem Weg hat man über sehr lange Strecken immer den Blick auf die faszinierende Gletschergruppe Les ­Diablerets vor sich. Unten angekommen, gibt es eine urige Gaststätte, in der man bei ortstypischer Küche wieder Kraft tanken kann. Schmackhaft ist die Käseschnitte, die sich als köstlich überbackene Hauptmahlzeit entpuppt. Wer danach noch in der Lage ist, etwas aufzunehmen, sollte unbedingt den Anblick des herrlichen Wasserfalls oder „Schuss“, wie man in der Schweiz sagt, genießen: Der sogenannte Tungelschuss stürzt sich über 150 Meter in die Tiefe, je nach Wetter mal mächtiger, mal ­schmächtiger.

Wie überall im Saanenland leben die Einheimischen – damals wie heute – im Einklang mit der Natur. Daran kann auch die hohe Promidichte im Ort nichts ­ändern. Den Menschen hier ist wichtig, dass die Region wirtschaftlich auf drei Beinen ruht: Landwirtschaft, Gewerbe (vor allem Schreinerei) und Tourismus. So ist es nicht verwunderlich, dass in Gstaad ebenso viele Einwohner wie Rinder leben, nämlich ­jeweils 7.000. Und da wird sie wieder spürbar, die Entspanntheit. Mit dieser ­Mischung fahren sie gut. Die Wintersaison ist nicht der alleinige Garant des Wohlstands im Tal. Schon lange ist der Sommer mit diversen Events wichtig. Seit 1957 gibt es das Menuhin-­Festival, benannt nach dem Weltklasse-­Geiger und -Dirigenten ­Yehudi Menuhin. Aber auch an vielen anderen Orten der ­Region werden jährlich etwa 50 solcher Veranstaltungen geboten.

Sport und Natur im Einklang

Wer es sportlich mag, kann im Sommer bei hochrangigen Tennis- oder Beach-­Volleyball-Turnieren mitfiebern. Im Winter wird aus diesen Flächen eine Eisbahn für Schlittschuhläufer. Der Wechsel zwischen buntem Treiben und unberührter Natur ist besonders reizvoll. Immer gehört jedoch ­Wandern dazu. Es geht nicht um höher, schneller, weiter, sondern um den Spaß an der ­Freude. So bietet beispielsweise der Bernerhof, der sich als Wanderhotel bezeichnet, geführte Wanderungen unter dem Motto „Mehr ­Langeweile – weniger Eile“ an, die bei ­Sauna, Dampfbad und köstlichem Essen enden. Wie immer man Gstaad ­erlebt, im 5-Sterne-Luxus-Hotel oder in der einfachen Unterkunft mit Stroh-Betten, es läuft immer auf entspannten und glückseligen Genuss hinaus. Am Ende des Urlaubs muss man achtgeben, ­seinen Zug nicht zu verpassen. Denn bei aller Entspanntheit: Die Züge in der Schweiz sind pünktlich – und zwar auf die Minute!

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Von wegen Schickimicki: Gstaad hat mehr zu bieten als Promis und punktet mit ländlichem Charme.
© Friederike Brauneck

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 05 / 2013

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