Frauenchiemsee: Auszeit auf der Insel der Maler

Wo einst bedeutende Landschaftsmaler ihre Staffeleien ans Ufer ­stellten, kann man auch heute noch kreativ sein. Aber auch ohne Pinsel und ­Palette ist die Fraueninsel im Chiemsee stets einen Besuch wert.

Text: Michaela Roemkens

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„Bootssteg auf der Herreninsel im Chiem­­see“ benannte Wilhelm ­Trübner (1851–1917) sein ­Meisterwerk schlicht.
© pa/dpa

Wenn abends das letzte Schiff in Richtung Festland ablegt, wird es still auf der Fraueninsel. Kein Touristentrubel, kein Verkehrslärm. Nur der Wind rauscht leise durch die alten Baum­riesen, und die Wellen des Chiemsees ­plätschern sanft ­gegen die Bootsstege. Wer jetzt einen Spaziergang auf dem ­Uferpfad des kleinen, ­autofreien ­Eilands macht, ahnt schnell, ­warum es einst so viele ­Maler anzog: Die Beschau­lichkeit dieses Natur­idylls ruft förmlich danach, auf Leinwand festgehalten zu werden. Und so ist es kaum verwunderlich, dass gerade hier, inmitten der Einsamkeit von Bayerns größtem See, um 1828 herum eine der ältesten Künstlerkolonien Europas entstand und wirkte.

Die Fraueninsel, auch Frauenchiemsee oder – nach ihrem gleichnamigen Kloster – Frauenwörth genannt, ist eine von insgesamt drei Inseln im 84 Quadratkilometer großen „bayerischen Meer“. Obwohl mit gerade mal 300 Metern Breite und 600 Metern Länge wesentlich kleiner als das benachbarte Herrenchiemsee, war dieses Kleinod schon immer dichter besiedelt. Bereits im 8. Jahrhundert wurde hier eine Benediktinerinnenabtei gegründet, die bis heute das geis­tige und kulturelle Zentrum der Insel bildet. Den Nonnen folgten Fischer, Handwerker – und im 19. Jahrhundert schließlich ein Strom junger Maler.

Nonnen und Maler

Angelockt von der Schönheit des Chiemsees und dem länd­­lich-archaischen Leben der Inselbewohner, verbrach­­ten die Maler zunächst die Sommermonate auf der Fraueninsel, bevor sie sich ganz in ­dessen Fischerdorf niederließen. Die Künstlerkolonie Frauenchiemsee, zu der auch ­Bildhauer und Schriftsteller ­zählten, war geboren.

Als einer der ersten Inselentdecker und als Vater der sogenannten Chiemseemalerei gilt der Münchener Landschaftsmaler ­Maximilian Haushofer (1811–1866). Das Besondere an seinen Arbeiten: Sie entstanden nicht – wie damals eigentlich üblich – im Atelier, sondern erstmals unter freiem Himmel. Andere Künstler – darunter ­bedeutende Namen wie Karl Raupp (1837–1918) und Josef Wopfner (1843–1927) – taten es ihm nach. Sie zogen mit ihren Staffeleien raus ins Inselidyll und machten Frauenchiemsee mit seinen romantischen ­Fischerhäusern und blumenreichen Gärten zu einem der beliebtesten Motive der Landschaftsmalerei.

Eine eigene Welt

Als vor rund 150 Jahren die ersten Erholungs­suchenden per Schiff anreisten und begannen, die Stille dieses Refugiums zu stören, ­zogen sich die scheuen Maler zurück. Eine Quelle der Inspiration ist das Eiland aber bis heute. Im Kloster Frauenwörth, noch immer von rund 20 Benediktinerinnen ­bewohnt, können kreative Naturen zum Bei­spiel ­allerlei Seminare und Workshops buchen, ­da­r­unter auch ein- oder mehrtägige Malkurse (siehe Kasten links).

Wer lediglich für ein paar Stunden mit einem der täglich verkehrenden Schiffe anreist, bringt seine Malutensilien einfach mit und sucht sich irgendwo ein schönes Motiv fürs künstlerische Schaffen. Davon gibt es auf Frauenchiemsee immerhin zahlreiche.

Kaum eine Stunde dauert es, um die kleine ­Inselwelt inmitten der malerischen Seelandschaft gemütlich zu Fuß zu erkunden. Der Streifzug führt zunächst durch das rund 250 Einwohner zählende alte ­Fischerdörfchen, dessen blumenprächtig geschmückten Häuser noch immer ­bewundernde Blicke auf sich ziehen. Ebenfalls traditionsreich: die Inseltöpferei Klampfleuthner. Seit 1723 wird sie von Generation zu Generation fortgeführt. Handgeformte ­Kacheln für Badezimmer und Kachelöfen gelten als Spezialität der Familie. Bis heute werden alle Stücke in reiner Handarbeit gefertigt. Alteingesessen sind aber auch die Gasthäuser der Fraueninsel, bekannt für ihre Räucherfischspezialitäten. Überwiegend Renken, aber auch Barsche, Zander und Aale zappeln in den Stellnetzen und Reusen der heimischen Fischer. Wer Stärkung auf seinem Inselstreifzug braucht, sollte unbedingt eine der berühmten „Chiemsee-Renken“ probieren.

Romantisches Blumenmeer

Auf dem Weg zur Klosteranlage wartet ein weiteres würdiges Bildmotiv auf malfreudige Besucher: der Kräutergarten der ­Nonnen. Sein buntes, wildromatisches Blumenmeer aus Heilpflanzen ist für den Hausgebrauch des Klosters bestimmt. Kräutersäckchen und Liköre aus dem klostereigenen Laden gelten bei den bis zu 10.000 ­Tagestouristen als beliebte Mitbringsel.

Wer ein klares Zeugnis von der einst blühenden Künstlerkolonie sucht, findet dies übrigens spätestens auf den Inschriften des kleinen Inselfriedhofs: Hier liegt neben dem „Inselpionier“ Maximilian Haushofer etwa der Schriftsteller Wilhelm Jensen (1837–1911) begraben. Sehenswert ist natürlich auch die geschichtsträchtige ­Klosterkirche. Ihr freistehender Glockenturm mit barocker Zwiebelhaube gilt als Wahrzeichen des Chiemgaus. In der ­karolingischen Torhalle aus der Frühzeit des Klosters sind alte Wandmalereien zu ­bewundern – und auch eine Galerie mit Gemälden der Chiemseemaler.

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Ein Kleinod inmitten der bayerischen Voralpen: die Fraueninsel, benannt nach ihrem Nonnenkloster.
© pa/dpa

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 06 / 2013

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