Frische in der Flasche

Herb oder fruchtig? Aufputschend oder chillig? Mit oder ohne Alkohol? Egal, der Trend bei den Newcomer-Mixturen am Getränkehimmel geht auf jeden Fall zu hochwertigen, manchmal überraschenden Zutaten. wanderlust gibt eine Übersicht.

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Alternative zur Apfelschorle: die Gurkenlimo "Cucumis"
© Beate Wand

Text: Beate Wand

Schon mal von „Perschings“ ­gehört? Nein, nicht die Mittelstreckenrakete aus den Nachrichten der 1980er Jahren. Wer schon mal auf den „Hiwweltouren“ oder dem „Rheinterrassenweg“ unterwegs war (www.rheinhessen.de), dem ist die Schorle aus Roséwein und Orangenlimo möglicherweise schon begegnet. In der Lautmalerei eines Rheinhessen wird sie eher „Pöaschings“ gesprochen und ist dem französischen „pèche“ für Pfirsich entlehnt. Mit Pfirsich hat das rheinhessische Kultgetränk allerdings nur den Farbstich gemein. Durch ein Missgeschick spendierte einst die Winzerfrau Lotte ihrem Winzer Henry diese Rezeptur. 200 Jahre später inspiriert sie Patrick Lohmann aus Mainz zu „Sechzisch-Vierzisch“. Für sein im guten Viertelliter flaschenfertig gemixtes Ge­tränk vereint er 60 Prozent rheinhessischen Rosé (Qualitätswein Q.b.A.) mit 40 Prozent selbstgemachter Orangenlimo. Zum Dank widmet er die Etiketten dem Konterfei von Lotte und Henry: Zwei Glasflaschen bilden ein Paar. Auf www.sechzisch-vierzisch.de steht die ganze ­Geschichte in feinstem Rheinhessisch.

Verjüngungskur?

Ebenso frech, wie Winzer Henry seiner Lotte heimlich Hasenohren verpasst, kommt der angenehm prickelnde Drink daher. Hinterlässt ein frisches, leicht süßliches Aroma im Mund. Fein abgestimmt. Kein Wunder, Lohmanns Opa und viele seiner Freunde sind Winzer. Sie leisteten „sensorischen Beistand“, bis „Sechzisch-Vierzisch“ richtig mundete. Seit zwei Jahren am Markt, steht der Rheinhessen-Schlager nun deutschlandweit in Feinkost- und Supermarkt-Regalen großer Städte. Der Erfolg motivierte: Eine neue Kreation reicht nun klares Gebirgsquellwasser und etwas frisches Basilikum zu rheinhessischem Riesling Q.b.A. Etwas spritziger, dennoch rund. Henry wollte Lotte mit ihren Lieblingszutaten überraschen. Komisch, die beiden sind – irgendwie – jünger geworden …

Unter dem gleichen Dach in Mainz vertreibt Nils Beierlein etwas, wofür sein Herz schlägt. Lange hatte er eine Alternative zu den Durstlöschern Wasser und Apfelschorle gesucht. „Warum eigentlich kein geeister Tee?“, fragt er sich. Gar keine schlechte Idee! Mit den Jahren im festen Job reifte sie heran und manifestierte sich 2011 schließlich in „AiLaike“ (www.ailaike.de). „Handmade iced tea“ steht auf dem sommerlich verspielten Etikett. Laut Beierlein wird „AiLaike“ als einziger Eistee am Markt vom Blatt aufgebrüht und mit Eiswürfeln abgeschreckt. Damit der Tee nicht „verbittert“. Der neue Orange Ingwer zieht beispielsweise auf einem frühen Sencha. Ein selbst hergestellter Ingwer-Kaltauszug und Orangen-Direktsaft runden das Aroma ab, überlassen dem japanischen Grüntee jedoch klar die gustatorische Hauptrolle. Minzblätter und Zitronen-Direktsaft harmonieren perfekt mit dem schwarzen Ceylon – ein Klassiker. Wie aus Beierleins Kindheit, „nur ohne das Kratzen danach im Hals“. Weich und süßlich streichelt Pfirsich-Mango den Gaumen geradezu. Egal welche Sorte, der Geschmack klingt lange nach!

Agavendicksaft verleiht allen drei Eistee-Sorten leichte Süße. Mit unter 20 Kalorien rangiert „AiLaike“ zwischen Wasser und Apfelschorle. Ökotest bemängelt bei den meisten Erfrischungsgetränken zu viel Zucker, zu wenig Frucht, zu viele Zusatzstoffe und Aromen. Beierlein darf sich ein „Sehr gut“ auf die Flaschen schreiben. Neben ­Vegan-, Fairtrade- und Bio-Siegel.

Wie bei Großmuttern

Ebenfalls aus der Bio-Ecke stammt eine neue Geschmacksrichtung, die den Nerv der Zeit trifft: Freunde herb-säuerlicher Aromen könnten eine neue Herausforderung in der Stachelbeerschorle „Margret & Karl“ aus dem Hause Voelkel finden (www.voelkeljuice.de). Die beiden Gründer Margret und Karl zogen noch mit einer fahrbaren Saftpresse durch ihren kleinen Garten im Wendland. In biologisch-dynamischer Arbeitsweise entwickelte sich das Unternehmen zu einer modernen Naturkostsafterei. Enkel Stefan Voelkel glaubt, dass Säfte und Schorlen aus der den Großeltern gewidmeten Produktlinie sehr gut geschmeckt hätten. Weil sie – wie damals – frisch vom Baum oder Strauch in der Flasche landen.

Heute lagert gepresster Obstsaft nach einem ersten Erhitzen in riesigen Tanks. Das spart Platz und Flaschen. Nach dem Abfüllen müssen die Flaschen nochmals erhitzt werden. Einleuchtend, dass sich mehr Aromen erhalten, wenn die kostbare Flüssigkeit gleich in die Flasche kommt. Zuerst wandten die Voelkels dieses neue, alte Prinzip auf Apfelsaft an. Dann probierten sie die schonende Verarbeitung bei anderen Früchten aus. Mit Johannisbeere, Rhabarber und Stachelbeere wählten sie besonders herbe Sorten, um möglichst viele der feinen Nuancen auf die Zunge zu transportieren. Die Stachelbeeren pflücken die Voelkels zwar nicht mehr in Großmutters Garten. Dennoch ist die kräftige, erfrischend säuerliche Schorle eine gelungene Liebeserklärung. An Oma und Opa ebenso wie an alle Fans markigen, etwas ungezogenen Geschmacks.

Ebenso ungewöhnlich, aber deutlich milder kommt „Cucumis“ daher (www.­cucumis.hamburg.de). Vasco Emmanuel Kulke und Till Fischer-Bergst aus Hamburg kamen auf Cucumis sativus, die Salatgurke. Verlängert mit sprudelndem Mineralwasser, geküsst von einem Hauch Basilikum und gesüßt mit Fruktose mausert sich der Saft des Kürbisgewächses zu einem Drink, der – eiskalt heruntergespült – zum echten Sommerhit durchstarten könnte. Ein zartes Grün in der Flasche signalisiert schon rein äußerlich: Ich bin gesund! Aus der geöffneten Flasche strömt unverkennbar Gurkenodeur. Im feinen Abgang schmeckt „Cucumis“ sommerlich nach Gurke, untermalt von einer leichten Basilikumnote. Ein zurück­halten­der Drink, der ausgetrockne­te Kehlen angenehm erfrischt. Die Resonanz auf ihre Erfindung überrumpelt die Cucumis-Gründer geradezu. Doch sie wollen bleiben wie ihre Gurkenlimo: schlicht und bescheiden.

Einfach röstlich!

Eine ebenfalls taufrische Weltneuheit kommt aus Berlin. Steigt einem auf der Wanderung mal Müdigkeit in die Knochen, hilft vielleicht ein Schluck „Kaffeenade“. Ja, richtig kombiniert: Ist der Kaffee zu warm und die Limo zu süß, dann passt eine kühle „Kaffeenade“. Nichts mit künstlich. Nein, echtes Kaffeearoma. Der goldfarbene Sud des „Kronkorkenkaffees“ stammt aus sogenannten Silver Skins. Die feinen Hüllen lösen sich kurz vor dem Ende einer Röstung von den Kaffeebohnen. In ihrem wohlriechenden Extrakt stecken natürlicherweise so viele Wachmacher wie in Cola, dazu die Röstnoten der Bohne. Ein warmer Sommerregen im Jahr 2012 segnete Kaffeeröster Alexander Sager mit dieser Idee (nachzu­lesen auf www.kaffeenade.de). Er probierte verschiedene Fruchtsirups aus, bis ihm die Komposition mit Holunderblüten-Sirup, ein wenig Kamille und etwas Kohlensäure perfekt für seine Röstlimo erschien.

Experimentierfreude

Und last but not least: Was darf unter Wanderern nicht fehlen? Richtig: Bier. Lange blieb der Deutschen Heiligtum unangetas­tet. Doch nun entdecken auch heimische Brauer ihre Lust, mit speziell gezüchtetem Aromahopfen und verschiedenen Malzrös­tungen zu spielen. Das Verlangen nach Genuss und regionalem Touch steigt. Auf den Markt für handwerklich gebraute Craftbiere (englisch: craft beers) sprudeln unübersichtlich viele Brauer und noch mehr Sorten. Alteingesessene Großbrauerei­en ebenso wie kleine, in ihrer Heimat verankerte Start-ups. Serviert werden die handgemachten Gers­tenkaltschalen mal exklusiv im bauchigen Schwenker, mal in der schick designten Buddel. Als Wandererfrischung eignen sich die eher hellen Pale Ales. Ihr Geschmack kommt mit einem Bukett von Zitrusfrüchten, Holunderblüten oder Pfirsich unglaublich leichtfüßig daher. Erfrischend anders. so dürften endlich auch mehr Frauen für Bier zu begeistern sein!

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 05 / 2015

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