Gemüse mit Kultstatus

Wenn der Winter den ersten Frost über die Felder legt, spielen die ­Oldenburger verrückt – denn dann beginnt die Grünkohlsaison. Die offizielle „Kohltourhauptstadt“ lädt zu Kohltouren mit Grünkohl und Pinkel, Plattdeutsch und Boßeln ein.

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Auf Touren kommen: Bei den beliebten Kohltouren und Oldenburg geht es lustig zu.

Text: Franziska Peschel

In Oldenburg dreht sich in den Wintermonaten alles um Kohl. Er erobert Straßenzüge, Hörsäle und den Botanischen Garten, sprießt in den ­Tagungssälen der Politik und den Gaststuben der Hoteliers. Die niedersächsische „Kohltourhauptstadt“ macht aus dem krausen Gemüse ein Happening – Tradition, die für Außenstehende etwas aus dem Ruder zu laufen scheint. Denn die Oldenburger nehmen sich und das Leben nicht so ernst, wie sie von sich selbst behaupten. Eine sympathische Eigenschaft, die beim Thema Grünkohl sofort zum Vorschein tritt. So werden hochfeierlich Grünkohl-Majestäten geweiht, Kohlbotschafter in die Welt entsandt, und mit besonderem Herzblut führt man die ­renommierte Grünkohl-Akademie.

Kohldiplom

Die nach eigener Aussage „Bildungs- und Forschungseinrichtung höchster Güte“ hat sich ganz der Lehre des Grünkohls verschrieben. Bereits im 13. Jahr forschen und ­lehren die Dozenten der Grünkohl-Akademie in Oldenburg. Für Studieninteressierte ist auf der Internetseite der aktuelle Lehrplan samt aller „Kohloquien“ dieses Semesters veröffentlicht. Der Kursplan sieht Unterrichtseinheiten zu Geschichte und Kultur, Kulinarischem und Forschung vor –vermutlich mehr als ein Auswärtiger jemals über den Grünkohl wissen will. Nach erfolgreicher Ausbildung und Aufnahme in das Oldenburger Kohlvolk wird den Absolventen ein Diplom verliehen. Wer bei diesem Studium allerdings angestaubte Hörsäle und grauhaarige Professoren erwartet, liegt falsch. Die Akademie geht mit der Zeit – und geht online. Das Intensivstudium lässt sich ohne Numerus clausus bequem von zu Hause aus abschließen. Schnell haben die Pädagogen außerdem erkannt, dass mit trockener Theorie allein noch kein Kohlmeister geschaffen wurde. Wer sich intensiver der Wissenschaft widmen möchte, für den ist Feldforschung angesagt. In kleinen Arbeitsgruppen ziehen die wissbegierigen Studenten durch die Stadt und hinaus aufs Land – zur Kohltour. Damit greift die Akademie einen Brauch auf, der im Norden Deutschlands schon seit gut 200 Jahren gepflegt wird. Bei der Kohlfahrt oder der Kohltour, dem Pendant zu Fuß, ziehen den ganzen Winter über hungrige Gruppen los. Das Ziel ist ein Gasthof, der mit traditionellem Grünkohl samt Pinkel aufwartet. Um sich vor der winterlichen Kälte zu schützen, wird unterwegs geboßelt. Nach einigen Schnäpsen, so will es die Tradition, geht es mit dem niedersächsischen Ballsport, einer Art Outdoor-Kegeln, wie von selbst, und auch der Linguistikkurs „Plattdeutsch“ bringt nur Einserschüler hervor.

Gemüse macht Politik

Die Kohlstudien sind in Oldenburg jedoch kein reines Quatsch­event. Ernsthafte Forschung betreibt die Grünkohl-Akademie in Zusammenarbeit mit der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Im Botanischen Garten werden derzeit verschiedene Kohlarten gezüchtet und auf Inhaltsstoffe und mögliche Wirkungen untersucht. Der 26-jährige Biologe Christoph Hahn widmet seine Doktorarbeit der Züchtung der Sorte Brassica oleracea cv. Oldenburgia, der Oldenburger Palme. Und das ist noch nicht alles: Auch über die Grenzen der Wissenschaft geht der Einfluss des Grünkohls hinaus. Das ­Gemüse verhilft der 160.000-Einwohnerstadt zu ­einer Stimme auf bundespolitischer Ebene, um die andere niedersächsische Städte sie beneiden. Denn bereits zum 60. Mal bringt der Kohl die Oldenburger in die Bundeshauptstadt – auf eine scheinbar ewig währende Einladung hin, die der erste Bundespräsident einmal ausgesprochen hat. „Lassen Sie sich etwas echt Oldenburgisches einfallen und kommen Sie damit nach Bonn. Dann mache ich auch mit“, lehnte Theodor Heuss vor 60 Jahren eine Einladung nach Oldenburg ab. Das ließen sich die Oldenburger nicht zweimal sagen und luden kurzerhand zum ersten „Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten“ in die ehema­lige Hauptstadt ein. Zu Gast sind noch heute alljährlich in Berlin Vertreter aus ­Politik, Wirtschaft, Kultur und öffentlichem Leben. Sicher möchte sich niemand den ehrwürdigen Moment nehmen lassen, wenn das Oldenburger Kurfürsten-Kollegium die lang erwartete Kohlmajestät bekannt gibt. In der Dynastie tummeln sich Bundespräsidenten und Bundeskanzler, Minister und Kommissare. Namen wie Gerhard Schröder und Helmut Schmidt, Otto Schily und natürlich Helmut Kohl füllen die Liste der einstigen Thronfolger. In diesem Jahr trägt Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka den begehrten Titel.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2017

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