Gran Canaria: Mondlandschaft und Palmenpracht

An der Küste üppig-exotisch, in den Bergen karg und einsam: Vulkane prägen die Insel Gran Canaria, die drittgrößte der sieben Kanareninseln. Für den Wanderer ein reizvolles Wechselspiel. Entdecken kann man diese Gegensätze zum Beispiel auf dem Wanderfestival Gran Canaria 2013.

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Gegensätze im Naturpark Tamadaba: Palmen unterhalb der Felsspitzen, die bis zu 1.400 Meter hoch sind.
© Friederike Brauneck

Text und Fotos: Friederike Brauneck

Viele wunderbare Strecken führen durch die fantastische Felsenlandschaft rund um die drei markantesten Gipfel im Zentrum der Insel. Der Roque Nublo (Wolkenfels) ist ein 80 Meter hoher Basaltfelsen und Wahrzeichen der Insel. Auch der heilige Berg Bentayga und der Pico de las Nieves (Schneegipfel) – mit 1.949 Metern höchster Berg der Insel – sind bekannt. Sie sind Stein gewordene Geschichte, Forscher datieren ihr Alter auf vier bis fünf Millionen Jahre. Ständige Vulkanausbrüche gaben der Insel ihr Gesicht, der letzte vor 2.000 Jahren. Von diesen Höhen im Zentrum fällt das Relief der Insel in vielen unterschiedlichen Mikroklimazonen ab bis auf Meeresniveau. Steile Schluchten, erloschene Kraterkessel und ausgedehnte Kiefernwälder sind typisch. Landwirtschaft und Tourismus haben sich überwiegend in Küstennähe angesiedelt.

Seit 2005 zählt Gran Canaria mit seinem ungeheuren Landschaftsreichtum zu den UNESCO-Biosphärenreservaten. Bis jetzt vergab die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur dieses Siegel weltweit 610 mal in 117 Staaten. Eine Modellregion also, in der Wirtschaft und Umweltschutz, Mensch und Natur verträglich miteinander umgehen. Inselschutz ist ein wichtiges Thema in der heimischen Gesellschaft geworden.

Aber all diese Theorie vergisst man schnell angesichts der monumentalen Felszüge mit außergewöhnlichen Formen, die in den stahlblauen Himmel ragen. Da haben gewaltige Kräfte über die Jahrtausende spektakuläre Kanten geschliffen oder gewaltige Löcher in Felsrücken gesägt, die faszinierende Ausblicke in unendliche Weiten bieten. Ganz in der Ferne am Horizont ahnt man das Meer oder sieht – mit ein wenig Glück und richtigem Wetter – im Nordwesten wie eine feine Kreidezeichnung am Himmelsblau die Nachbarinsel Teneriffa mit dem Teide, den mit 3.718 Metern ­höchsten Berg Spaniens.

Überleben durch Anpassung

In den Kiefernwäldern des Naturparks Tamadaba geht es sich auf 1.000 Metern Höhe wie auf Teppich, denn die Nadeln lagern in ­dicken Schichten übereinander. Früher wurden sie als Streu für Vieh gesammelt oder als Füllmaterial für Bananentransporte verwendet – inzwischen ist das zu teuer und zu aufwendig. So werden sie bei Feuer zu gefährlichen Brandbeschleunigern. Dennoch sind es gerade diese Bäume, die solche Katastrophen überstehen; speziell die Kanarische Kiefer als Ur-Endemit der Inseln ist ein Meis-terwerk der Natur hinsichtlich Anpassung an den Lebensraum. Gegen die Feuersbrünste schützt sie sich mit dicker Rinde. Ihr Harz erträgt als „Isoliermaterial“ 45 Minuten bei 300 Grad. Zwei Jahre nach einem Brand entsteht dank dieser Kiefer ein neuer Wald zwischen schwarz verkohlten Stümpfen. Die ersten fünf Jahre wächst sie nach „unten“, das heißt, sie bildet eine Hauptwurzel als Anker. Dann erst entstehen seitliche Versorgungswurzeln und Längenwachstum. So kann sie auch heftigen Stürmen widerstehen. Gegen die Trockenheit hat sie – im Unterschied zur Mittelmeer-Kiefer – besonders lange, dreiseitige Nadeln entwickelt, an denen die Feuchtigkeit aus Nebel und Tau nach unten tropft. Das verbessert den Grundwasserspiegel und ermöglicht anderen Pflanzen das Überleben auch in großer Trockenheit. Die Kanarische Kiefer hat einen wunderbar frischen Duft, der das Atmen zum reinen Vergnügen macht. Wie frisches, klares Sprudelwasser schmeckt hier die Luft!

Wanderfreuden – nicht in Badelatschen

Dennoch sollte man sich von der Frische nicht täuschen lassen: Im Sommer ist die Hitze auch in der Höhe beträchtlich, dank des subtropisch-mediterranen Klimas. Also unbedingt Kopfbedeckung und Wasser mitnehmen! Festes Schuhwerk ist wichtig, weil viele Strecken über rutschiges Fels- und Vulkangeröll führen. So sehr die Insel an der Küste touristisch erschlossen ist: In den Naturparks besteht durchaus die Gefahr sich zu verlaufen. Daher sind geführte Touren wie beim Wanderfestival sinnvoll; sie werden inzwischen ganzjährig angeboten. Von den Führern erfährt man vieles, was man als Laie am Wegesrand übersieht. Als Wanderparadies macht sich Gran Canaria zunehmend einen Namen, jedoch geben die Schilder (noch) nicht immer zuverlässige Hinweise. Aber auf ein etwa 1.000 Kilometer langes Wanderwegenetz kann die Insel schon mit Stolz verweisen. Mit Stolz auch deshalb, weil die Landschaften extrem unterschiedlich sind. Nicht von ungefähr spricht man von Gran Canaria auch als Miniaturkontinent!

Abends ein Bad im Meer

Die Nordseite der Insel wird auch die Luftseite genannt, weil dort die Passatwinde auftreffen. Hier sind die Sommer trocken und die Winter eher feucht-kühl. Dementsprechend ändert sich das Farbenspiel auf den Wanderungen: Im Frühjahr sind die Hänge ein gelbes Meer von Ginsterbüschen, dazwischen Mandeln in Weiß und Rosa. Zistrosen blühen im Mai und Juni, selbst wenn es keinen Regen gab. Später im Jahr dann violette Farbkleckse: Salbeibüsche. Dazwischen die immergrünen Flecken der Kanarischen Kiefer. Der Süden der Insel ist insgesamt trockener und wärmer, hier liegen auch die touristischen Zentren um Maspalomas. Wer ausschließlich als Sonnenhungriger die Insel besucht, ist hier an den herrlichen Stränden perfekt bedient. Und an der Küste findet sich auch, was wir „Nordlichter“ uns unter dem Schlaraffenland vorstellen, wo einem Früchte in den Mund wachsen: Trauben, Orangen, Mango, Bananen, Avocados und die herrlichsten Blüten und Kakteen fürs Auge. Der perfekte Ausklang eines Wandertages, wie ihn auch die Organisatoren des Wanderfestivals zu inszenieren verstehen: An einem schattigen Platz, an einer schön eingedeckten Tafel mit den Mitwanderern die typischen Spezialitäten der Insel genießen. Dazu eisgekühlte Limonade aus frischen Früchten oder einen Schluck Inselwein. Naturfreunde finden 700 endemische, also Kanaren-eigene Pflanzenarten vor, die in ihrer ausgeklügelten Angepasstheit faszinieren. Für Geschichtsinteressierte gibt es prähistorische Höhlen, in denen die Altkanaren lebten und ihre Vorräte lagerten, oder die Spuren von Kolumbus, der in Las Palmas einen Zwischenstopp auf dem Weg nach Amerika einlegte. Hier, in der lebendigen Haupt- und Hafenstadt, bietet sich natürlich auch für Shopping-Fans in Fußgängerzonen und kleinen Gassen reichlich Gelegenheit zum Stöbern. Ein wenig Zeit sollte man also mitbringen, um die vielen Gesichter Gran Canarias zu entdecken!

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Schön gedeckte Tafeln erwarten den Wanderer nach einer Festival-Tour.
© Friederike Brauneck

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 03 / 2013

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