Irschen: Ein Traum in bunt

Das Kräuterdorf Irschen  – Im kleinen Örtchen Irschen in Oberkärnten steht alles im Zeichen von Thymian, Minze, Kapuzinerkresse und Co. – ein Dorf voller Duft und Farbe.

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Ein Traum aus Blüten: Herrlich duftende Irschner Kräuterstationen laden zum Verweilen ein. © Alexa Christ

Text: Alexa Christ

Was in Irschen in der Luft liegt, grenzt an Reizüberflutung für die Nase. Ein betörender Mix aus lieblichem Lavendel, dem süßen Aroma von Rosen, dem würzigen Duft von Salbei, wildem Thymian, Ananasminze und Zitronenmelisse. „Wir nehmen das schon gar nicht mehr wahr“, sagt Alexandra Regenfelder lachend. „Ist das nicht eine Schande?“ Und wie! Die gelernte Köchin, die Seifen, Badekugeln und Marmeladen aus Blüten und Kräutern herstellt, spricht stellvertretend für ihre Irschner Mitbürger, von denen eigentlich jeder „irgendwas mit Kräutern macht“. Denn der kleine Ort in Kärnten, auf einem sonnigen Hang der Kreuzeckgruppe gelegen, nennt sich seit 20 Jahren „Natur- und Kräuterdorf“. Ursprünglich eine aus der Not geborene Idee. „Wenn du im eher untouristischen Teil von Kärnten liegst, ein bisschen ab von den ganzen Badeseen, dann musst du dir was überlegen“, erklärt Naturtourismus­berater Eckart Mandler. Deshalb hatte er 1992 die Idee, das alte Kräuterwissen, das in seinem Heimatort seit Jahrhunderten vorhanden war, zu nutzen. Bücher wurden gewälzt, alte Bäuerinnen befragt, eine Studie zu Heil- und Wildkräutern mit der Universität für Bodenkultur in Linz durchgeführt. Und seitdem duftet und blüht es in Irschen, was das Zeug hält.

Zehn offizielle „Kräuterfeen“ – keine Kräuterhexen wohlgemerkt – betreiben hier eine bezaubernde Form moderner Magie. Eine von ihnen ist die Bergbäuerin Rosmarie Kranabetter. Auf über 1.100 Höhenmetern liegt ihr malerischer Hof – ein beeindruckendes Bergpanorama gemütlich dahinfließender Drau inklusive. Je höher die Lage, desto intensiver das Kraut, so die goldene Regel. Rosmarie tritt auch gleich zum Beweis an und führt uns in ihren 1.000 Quadratmeter großen Kräutergarten. „Schon mal Bananenminze gekostet? Damit lassen sich Desserts und Kuchen wunderbar süßen“, verrät sie und rupft sogleich ein Blättchen besagter Pflanze aus. „Malve unterstützt Lunge, Bronchien, Magen und Darm. Zitronenmelisse ist herzstärkend, und Frauenmantel kann sogar bei Depressionen im Klimakterium helfen.“ Nicht, dass es schon so weit wäre, aber gut zu wissen.

Mit Geduld und Geschick

Bis zu 15 Frauen aus dem Dorf helfen der sympathischen Kräuterfrau bei der Ernte­ – unentgeltlich und voller Begeisterung. ­Hilde Winkler etwa ist die Expertin für die komplizierteren Pflanzen. Brennnessel- oder Marien­distelsamen erntet sie, was gleichermaßen Geduld und Geschick erfordert.

Hermine Kranabetter, von allen nur die „Schneider-Mama“ genannt, ist die älteste der fleißigen Erntehelferinnen. Mit Mitte siebzig geht sie noch jeden Tag zu Fuß den steilen Weg vom Dorf zum hoch gelegenen Bergbauernhof hinauf. Wie sie in tomatenrotem Kittel vor grasgrüner Landschaft himmelblaue Kornblumen erntet, hat schon was. Das finden auch Karin und Manfred Gebauer aus dem Allgäu. Die beiden Rentner sind in Kärnten gestrandet – auf dem Weg nach Kroatien hat eine Verletzung an Karins Bein die beiden zum Bleiben gezwungen. Nun besuchen sie Rosmaries Kräutergarten, und siehe da: Schnell stellt sich heraus, dass Karin selbst Kräuterfachfrau ist und etwa hundert Sorten in ihrem heimischen Garten zieht. Sofort beginnt sie mit Rosmarie eine Fachsimpelei, tauscht Erfahrungen aus und verrät der interessierten Kärntnerin ihr Rezept für Rosenblütengelee. Kräuterfrauen unter sich.

Schnapskenner

In die weibliche Domäne hat es aber auch ein „Quoten-Mann“ geschafft. Walter Heregger betreibt unten im Dorf einen Gasthof. Jeden Donnerstag bietet er eine Verkostung seiner selbstgebrannten Kräuterschnäpse an. 17 an der Zahl. Die Kräuter zieht er im eigenen Garten oder sammelt sie bei Wanderungen mit Gästen in der freien Natur. Sein Klassiker ist der „Zehn-Kräuter-Schnaps“ mit Koriander, Engelwurz, Alpenbeifuß, Melisse, Johanniskraut, Nelken, Himmelbrand, Steinraute, Wacholder und Kardamom. Vier Wochen ansetzen, abfiltern und dann noch mal vier bis fünf Wochen ruhen lassen. „Wichtig ist, dass man jeden Tag probiert, ob’s gut schmeckt“, verrät er mit einem Augenzwinkern. Und fügt hinzu: „Die Deutschen nehmen immer meinen ‚Anti-Stress-Schnaps‘, die Italiener den Enzian und die Holländer und Belgier alles, was süß ist.“ Apropos Enzian – hier ist Vorsicht geboten, denn der ist nur was für ganz Harte. Medizin pur.

Gerade die Heilwirkung von Kräutern und Pflanzen ist es, die die Naturheil­thera­peutin Annette Wallner interessiert. Zusammen mit ihrem Mann Edi hat sie den über 300 Jahre alten Fundahof restauriert und darin eine kleine Praxis eingerichtet. Aus den Irschner Kräutern stellt sie homöopathische Mittel, Blütenessenzen, Salben, Tinkturen und vor allem Räucherwerk her. Ähm, Räucherwerk? „Das Räuchern ist eine uralte keltische Tradition, bei der durch Verbrennen von Kräutern eine Verbindung zu den Geistern hergestellt wurde“, erzählt Annette. „Die Menschen richteten dann Bitten an die Geister – zum Beispiel um Heilung einer Krankheit.“ Aha. Der kleine Schwatz mit heidnischen Geistern ist aber heute nicht mehr ihr ­Primär-Ziel, oder? Die hübsche blonde Frau lacht. „Nein. Ich räuchere, weil es klärend, desinfizierend und entspannend wirkt. Wenn du dich zum Beispiel mit deinem Partner gestritten hast, dann ist es gut, Melisse und Johanniskraut zu räuchern. Das neutralisiert die bösen Worte.“

Tatsächlich ist es in Kärnten noch heute üblich, in den so genannten Raunächten, also Weihnachten, Silvester und Dreikönig, mit großen Räucherpfannen durch Haus und Stall zu ziehen. Bei Annette geht es aber auch eine Nummer kleiner. Rasch holt sie ein handliches Räuchergefäß, Brennkohle und getrocknete Kräuter aus dem Haus. Als sie eine Schnittlauchblume verbrennt, gibt es mal wieder eine Überraschung. „Riechst du es?“, fragt Annette erwartungsvoll. „Es duftet nach italienischer Pizza. Wenn mein Mann nicht mit mir essen gehen will, verbrenne ich eine Schnittlauchblüte, und er bekommt sofort Hunger.“ Ganz schön clever!

Lecker und gesund

Auch bei den Produkten von Andrea ­Huber kommt der Speichelfluss schnell in Gang. Die Aromapraktikerin stellt Hydrolate her – Pflanzenwässer, die weniger stark konzentriert sind als ätherische Öle. Die Hydrolate benutzt sie in der Kosmetik, als Raumduft oder in der Aromaküche. „Gestern hat meine Schwester ein Risotto mit Rosmarinhydrolat gekocht“, erzählt sie. „Und von mir gab’s hinterher Holler­nockerln mit Obstsalat und Vanillehydrolat.“ Klingt das nach einem Gedicht!

Wer Kräuterküche, Naturkosmetik-Herstellung oder Räucherwerk selbst ausprobieren will, kann in Irschen eine Vielzahl von Seminaren, Workshops und Führungen besuchen. Oder sich einfach per Rundgang durch den hübschen Ort inspirieren lassen. Etliche Kräuterstationen vermitteln Wissenswertes rund um Wirkungsweise und Anwendungsmöglichkeiten, verwöhnen das Auge mit blühender Farbenpracht und den Geruchssinn mit aromatischem Duft. Folgt man seiner Nase, landet man automatisch irgendwann im Kräuterhaus Pfarrstadl, wo es all die wunderbaren Produkte der Irschner Kräuterfeen zu kaufen gibt. Und hier beginnt dann erst die echte Qual der Wahl. Das Kräutersalz? Die Lavendel­seife? Den Gute-Laune-Kräutertee? Am besten gleich alles einpacken!

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 05 / 2012

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