Ötztal: Keine Cola und keine Pizza

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Ofenfrisches Brot beim Ötztaler Naturcamping
© Marden Smith

Ein fabelhaftes regionales Hüttenfrühstück auf 2.000 Metern und danach mit Bergführer Peter über Hochsölden zurück ins Tal wandern – Sölden ist außerhalb der Skisaison urig, gemütlich und erholsam.

Text: Claudia Steiner

In der Nacht hat es geregnet. Die Berge sind wolkenverhangen. Als uns Bergwanderführer Peter mit dem Auto zur Gampe Thaya hochfährt, ziehen dicke Nebelschwaden an uns vorbei. Es fängt wieder an zu tröpfeln. Schnell in die warme Stube. Die Gampe Thaya ist eine 300 Jahre alte Hütte auf der Gampealm über Sölden. Im Winter fahren die Skifahrer direkt an der Hütte vorbei, im Frühjahr, Sommer und Herbst ist es hier sehr ruhig. Früher haben in dieser Gampe Mensch und Tier unter einem Dach gelebt. Heute ist die Hütte eine Almwirtschaft: urig, gemütlich, mit knarrenden Holzböden, kleinen Fenstern, niedrigen Decken und Türrahmen, bei denen man sich ducken muss, wenn man sich beim Durchgehen nicht den Kopf anschlagen will.

Mehrere Zimmer gibt es in der Hütte, manche sind so klein, dass gerade mal ein Holztisch und Stühle hineinpassen, andere bieten Platz für ein zusätzliches kleines Schränkchen. An den Wänden hängen Kuhglocken, Gemsengeweihe, alte Holzskier, ein Jagdgewehr, Schwarz-Weiß-Fotografien von Skitouren aus den 1930er und 40er Jahren. Auf einer Schiefertafel steht mit Kreide geschrieben: „Es ist kein Herr so hoch im Land, der nicht lebt vom Bauernstand.“ Im Nebenzimmer steht ein alter Küchenherd zum Einschüren. Über ­einer Tür hängt ein Schild mit der Aufschrift: „Der Gast hat sich stets so zu verhalten, dass sich der Wirt wohlfühlt.“

Grantensaft und Speckknödelsuppe

Die sympathischen Hüttenwirte Daniela und Jakob Prantl mögen es gerne ursprünglich. Selbst im Winter, wenn Skifahrer und Snowboarder in die Gampe Thaya einkehren und in Sölden aus allen Lautsprechern Popmusik dröhnt und die Wildheit der Partygänger pulsiert, geht es auf der Gampe Thaya eher ruhig und gemächlich zu.

Auf der Karte werden – anders als auf anderen Hütten – auch keine Cola oder Pizza angeboten, sondern ausschließlich regionale Produkte: Ötztaler Grantensaft (für Nicht-Österreicher: Preiselbeersaft), frische Buttermilch, österreichische Weine und Schnäpse, Tiroler Speckknödelsuppe, Röstkartoffeln und eine deftige Marende, also eine Brotzeit. Wir gehen von Zimmerchen zu Zimmerchen – fast wie in einem Museum – und schauen uns um. „Jetzt setzt euch doch mal hin – euer Frühstück wird ja kalt“, ruft Daniela. Auf einem Holztisch stehen selbstgebackenes, noch warmes Brot im Holzkistchen, rahmige Bauernbutter, deftiger Speck, getrocknetes Fleisch, Kaminwurzen, Bergkäse, cremiger Joghurt vom Bauern, Müsli, duftendes Rührei mit Speck und Kräutern, frischer Kräutertee, naturtrüber Apfelsaft, selbstgemachte Kirschmarmelade und Löwenzahnhonig. Zum Schluss bringt uns Daniela noch einen Kaiserschmarren mit reichlich Puderzucker und Ötztaler Granten. Es schmeckt köstlich – aber wir wollen ja auch noch wandern.

Inzwischen haben sich auch die Wolken verzogen, und ab und an spitzt sogar die Sonne durch. Wir laufen los in Richtung Hochsölden, vorbei an Tiroler Grauvieh, diesen hübschen Rindern mit ihren großen Augen und der frechen Ponyfrisur, die zufrieden vor sich hin grasen. Es geht immer leicht bergab, über einfache Wald- und Wanderwege, vorbei an Fichten, Tannen und Zirben, wir springen über kleine Bäche, spazieren über Holz­brücken und sattgrüne Almwiesen.

Nebelschwaden und Regentropfen

Teilweise können wir bis ins Tal schauen, teilweise laufen wir durch geradezu mystische Nebelschwaden. In den Blättern des kelchförmigen Frauenmantels haben sich Regentropfen gesammelt. Peter vom Alpengasthof Grüner zeigt uns die lilafarbenen Kohlröschen, eine Orchideenart, und lässt uns schnuppern. Die Blüten duften nach Vanille und Schokolade. Bei diesem Duft bekommen wir fast schon wieder Appetit. Nach etwa einer Stunde erreichen wir die kleine Edelweißhütte. Wir wärmen uns bei einer Tasse heißem Kakao auf und schlemmen hausgemachten Apfelkuchen. Von der Hütte aus geht es noch einmal 45 Minuten durch den Wald talwärts, bis nach Sölden. Es war keine lange, anspruchsvolle Wanderung, aber eine wunderschöne Strecke, mit einem fantastischen Hüttenfrühstück auf 2.000 Metern und einem stillen Weg zurück ins Tal. Zu hören war nur das Gebimmel der Kuhglocken, das Gezwitscher der Vögel und – wenn man ganz genau hingehört hat – das Fallen der Regentropfen von den Bäumen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2015

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