Schlaraffenstadt Andernach

„Pflücken erwünscht!“ statt „Betreten verboten!“. Dieses Rezept macht ­Appetit auf einen Besuch in Andernach. Die „Essbare Stadt“ ist mit ihrem ökologisch, ökonomisch und sozial verträglichen Konzept fürs öffentliche Grün in aller Munde und findet viele Nachahmer.

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Vom „Angstraum“ zum „Lebensmittelpunkt“: Wo früher Bierdosen und ­anderer Unrat den Ort verschandelten, umkreist heute Salat das Bohnentipi.
© Beate Wand

Text & Fotos: Beate Wand

Elegant kräuseln sich die Blatt­ränder des Grünkohls. Etwas weiter knospen aus den versetzten Blattachseln eines hochwüchsigen, dickfleischigen Stängels zarte Röschen hervor: Rosenkohl. In bogenförmigen Reihen ziert das vitaminreiche Wintergemüse das Beet vor der mittelalterlichen Stadtmauer in Andernach. 2013 war das Jahr des Kohls in der „Essbaren Stadt“ – so können sich Kohldampf schiebende Bürger ­sogar noch im Winter aus dem öffent­lichen Grün versorgen.

Stadt zum Anbeißen

Die über 2.000 Jahre alte Stadt am Mittelrhein, nur wenige Kilometer nördlich von Koblenz, nährt seit vier Jahren ihre Einwohner auf diese äußerst gesunde Weise! Dort, wo vorher Efeu und Langeweile vor sich hin rankten, serviert der neue „Lebensmittelpunkt“ Salat, Bohnen, Kürbis, Kartoffeln, Zucchini und buntstieligen Mangold ebenso wie Obst, Küchenkräuter und Schnittblumen. Verschiedene Rebsorten wachsen am Weinberg im äußeren Burggraben. Jedes Jahr steht eine Frucht im Fokus, um deren seltene und regionale Sorten wieder aufblühen zu lassen. 2010 startete das Projekt mit dem Anbau von 100 verschiedenen Tomatensorten, 2011 bevölkerten über 30 Tipis mit 100 Bohnenvarianten die Stadt, 2012 stand im Zeichen der Zwiebel, und in der kommenden Saison dürfen sich die Andernacher die Vielfalt der Erdbeere nicht nur auf ihren Zungen zergehen lassen: Die Samen sollen möglichst auch im heimischen Garten wieder keimen. Denn die Botschaft an die 30.000 Bürger der „essbaren Stadt“ lautet: Was hier wächst, ist für alle da. Bitte ­bedient Euch! Nehmt auch die Samen und vermehrt die seltenen Sorten! Sie sollen sich wieder ausbreiten. Pflücken und ernten ist ausdrücklich erwünscht!

Gewachsen ist dieses ebenso ungewöhnliche wie effiziente Projekt auf dem Mist von Lutz Kosack, einem Mitarbeiter des Stadtplanungsamts. Anfangs stieß der Geoökologe mit seinen Plänen für die Umgestaltung der städtischen Grünflächen allerdings nicht überall auf fruchtbaren Boden: Politiker befürchteten Vandalismus, eine Fehlinvestition, Kritik seitens der Bürger und mangelnde Ästhetik der Beete. Schließlich waren die Strömungen des globalen Trends, Städte gärtnerisch zu beackern, bislang immer von einzelnen Privatpersonen ausgegangen. Sie stifteten zum „Guerilla Gardening“ an und ernteten beim „Urban Farming“ neben den Früchten auch ein Menge Aufmerksamkeit. Gärtnern war schon hip, aber dass eine Stadt ihre Grünanlagen in einen gemeinschaftlichen Gemüsegarten verwandeln will, war in der Garten­bewegung ebenso wie in der öffentlichen ­Planung revolutionäres Gedankengut.

Doch Kosacks Vision von einer „Schlaraffenstadt“ war reif. Heute bescheinigen diverse Preise und Auszeichnungen der „essbaren Stadt“ ihren Erfolg. Busse karren Reisegruppen an, damit auch Menschen aus Süddeutschland einmal ­Andernacher Kohlrabi sehen. Inzwischen kopieren rund 300 Kommunen, unter ihnen Minden, Kassel und Arnsberg, das Öko-Konzept. Andere Bürgermeister sparen eben auch gern: Wechselbeete müssen vier Mal im Jahr mit Stiefmütterchen und Co. bepflanzt werden. Heimische Stauden kommen im nächsten Jahr wieder und senken die Kosten von sechzig auf zehn Euro pro Quadratmeter. Am Andernacher Rheinufer blühen Wildblütenwiesen unter frisch gepflanzten Apfelbäumen. Über normalen Trittrasen müssten vierzehn Mal pro Saison Rasenmäher rollen.

Auch wenn Mutter Natur möglichst viele Arbeiten selbst übernehmen soll, bedarf es noch zusätzlicher Hege. Langzeitarbeitslose und städtische Angestellte säen, jäten und rechen in dem Nutzgarten. Für ihre Mühe ernten sie reichlich Lob. Das Gemüse lassen sie lieber für die Leute stehen. Auch Anpacken ist erwünscht. Jeder Bürger, der möchte, darf mitmachen. „Es sind noch nicht so viele, wie ich es mir wünsche, aber es werden mehr“, spekuliert Lutz Kosack darauf, dass die Schar freiwilliger Helfer noch anwächst. Spenden bereichern das Projekt auf eine andere Art: Ein Gartenbaubetrieb schenkte Andernach 1.000 Sträucher. Und der Dachverband inhabergeführter Gartencenter kam mit einem roten Hühnerhaus auf die Stadt zu.

Exotische Experimente

So scharren seit dem vergangenen Jahr acht Hühner und ein Hahn im Graben des Schlossgartens, picken zwischen Rhabarber-Rabatten. Den Hahn hat ein Bürger ausgesetzt. Man spreche schon von „Guerilla-Huhning“, witzelt Lutz Kosack. Das Federvieh bereichert den Alltag vor allem älterer Andernacherinnen, die ihm jeden Tag begeistert von der Brücke auf die Krallen schauen. Noch eine Attraktion, die das Umfeld vor den städtischen Haustüren lebendiger und lebenswerter macht und quasi zu einem neuen „Lebensmittelpunkt“ wird. Das gackernde Personal legt jeden Tag ein Ei. Der FaiRegio Weltladen (www.eineweltladen-andernach.de) verkauft die „Hühnerfrüchte“ zusammen mit Gemüse, Obst und Fleisch aus der Andernacher Permakultur (siehe Kasten).

Lutz Kosack will die „essbare Stadt“ behutsam ausbreiten: „Das Ganze soll organisch wachsen, jedes Jahr kommt ein bisschen dazu.“ Dabei treibt der Botaniker in ihm gar exotische Blüten vor die Stadtmauer: Nach Süden ausgerichtet, spendet der Stein gespeicherte Wärme. Die Lage im Neuwieder Becken packt noch ein bis anderthalb Grad Celsius drauf auf das für Deutschland ohnehin schon milde Weinbauklima am Mittelrhein. Und so probiert Kosack aus, ob sich demnächst auch submediterrane Früchte wie Kakis, Granat­äpfel, Feigen, Pfirsiche, Bitterorangen und Knackmandeln nördlich von Koblenz pflücken lassen. Nachtisch. Frisch und in Bioqualität!

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Ungewöhnlich für eine Stadtmauer: Hühner spazieren im inneren Schlossgraben unter großen ­Blättern umher.
© Beate Wand

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2014

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