Tee: Auch im Sommer ein Genuss

Was könnte es für einen ­wahren Teeliebhaber ­Schöneres und Erquickenderes ­geben, als eine Mußestunde mit dem Genuss einer Tasse Tee zu krönen? Umso vergnüglicher der Gedanke, welch bewegte Historie das aromatische Lieblingsgetränk mit sich bringt.

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Komplex: Kenner ­unterscheiden ­zwischen Farbe, ­Aroma, Geschmack und Herkunft des Tees.
© IMAGO

Text: Carolin Müller

Drei Dinge auf dieser Welt sind höchst beklagenswert: das Verderben bester Jugend durch falsche Erziehung, das Schänden bester Bilder durch gemeines Begaffen und die Verschwendung besten Tees durch unsachgemäße Behandlung“, ermahnte einst der japanische Kunstwissenschaftler und -förderer Kakuzo Okakuro seine Zeitgenossen. Damit unterstrich er die enorme Bedeutung des Tees in der damaligen Zeit. Tatsächlich gibt es kaum eine andere Pflanze, deren Einfluss auf das gesellschaftliche Leben nachhaltiger gewesen wäre.

Nicht einmal die Türken wussten etwas

Die Geschichte seiner Entdeckung verliert sich in vielen Jahrhunderten, um bis heute als Legende von Generation zu Generation weitergetragen zu werden.

Tee, in China lange vor unserer Zeitrechnung als Heilmittel gebraucht, wandelte sich im Lauf der Zeit zum allseits geschätzten Getränk. Um Tee stilvoll genießen zu können, wurde nicht nur eine spezielle Keramik geschaffen, er befruchtete auch Dichtung und Malerei, beeinflusste die Sitten und trug zur Entstehung neuer Kulturen bei. In Japan wurde das Teezeremoniell zum religiösen Kult. In China schrieb der Sänger Lu-Yu um 780 die „Heilige Schrift vom Tee“. Zur gleichen Zeit versäumten Kaiser ihre Staatsgeschäfte, um in den Besitz neuer und noch kostbarerer Teesorten und -rezepte zu gelangen. Die schlichte Schale Tee, die ein Kaiser 1760 vor den Toren Pekings dem siegreichen Feldherren darreichte, galt als ein Ausdruck höchster Zufriedenheit und Ehrerbietung. Und ein Pestausbruch in China soll vor nicht einmal 70 Jahren mit Tee gestoppt worden sein.

In Reich der Mitte war der Tee lange Zeit so bitter, dass das Getränk nur stark gewürzt genießbar war. Das ging über einige Jahrhunderte, bis die Chinesen Mittel fanden, die Teepflanze zu kultivieren. Im 8. Jahrhundert n. Chr., als der Tee in China bereits ein Volksgetränk war, wusste die westliche Welt noch immer nichts von ihm. Nicht einmal früheste Handelspartner wie die Türken erfuhren von dem köstlichen Trank. Zwar tauchten immer wieder Gerüchte über ein fremdes Gebräu in Holland und Portugal auf. Doch die Chinesen wussten das geheimnisvolle Getränk, das sie Reisenden in ihren Gärten zur Erfrischung anboten, schließlich doch zu hüten. Auch als der Handel zwischen Ost und West sich erweiterte und viele neue Kostbarkeiten die Kontinente wechselten, suchte man den Tee unter den Frachten vergebens.

Der Weg zum Himmel führt am Tee vorbei

Erst die Übersetzung von Lu-Yus Werk Ende des 17. Jahrhunderts brachte authentisches Wissen über den Tee nach Europa. Ab sofort servierte man in Frankreich das „Kraut des Himmels“ mit Milch und Zucker, und in Londoner Kaffeehäusern, den sogenannten Penny Universities, verdrängte er den Kaffee: Einen Penny kostete der Eintritt, zwei Penny das Getränk, hinzu kamen Licht und Zeitung.

Aber wie viele gute Dinge sorgte auch der Tee für erbitterte Debatten. Lord Forbes rief nach einem Gesetz, nach welchem das Teetrinken den Armen verboten und ein Privileg für die Besser­gestellten werden sollte. Wohingegen der Konservative John Wesley von der Kanzel herunter in die johlende Menge gegen dieses „volksverderbende Getränk“ predigte. Das Bemerkenswerte daran: Wesley hinterließ eine Teekanne, so dass man über ihn sagen konnte: „Er predigte Wasser und trank heimlich Tee.“

Trotz dieser Angriffe verbreitete sich die Teesitte immer mehr. Herzog Wellington, der Sieger über Napoleon Bonaparte, schreibt seinen Erfolg dem Genuss von Tee zu. Dieser hielt ihm, wie er nicht müde wurde zu berichten, den Kopf klar und bewahrte ihn vor Fehlentscheidungen. Auch der liberale Staatsmann William Ewart Gladstone war ein Konsument erlesener Teesorten. Von ihm stammt eine nüchterne wie umfassende Hommage auf den Tee: „Ist dir kalt, wärmt dich der Tee. / Ist dir zu heiß, wird dich der Tee erfrischen. / Bist du niedergedrückt, Tee wird dich ermuntern. / Bist du erregt, Tee wird dich beruhigen.“ In dieser Erkenntnis wurde er fast so alt wie Churchill.

In jüngster Zeit gehörte auch der Kriminalist Edgar Wallace zum Club berühmter Teetrinker. Er verkündete: „Ich bin ein hartgesottener und unverschämter Teevertilger, dessen Kessel keine Zeit findet, kalt zu werden, der sich mit Tee den Abend vergnügt, sich zur Mitternacht damit erquickt und mit ihm den Morgen begrüßt.“ Wallace verbrauchte pro Roman rund hundert Kannen, und er nahm seine elegante silberne Teemaschine mit auf Reisen, um neuen „Stoff“ zu sammeln. Als ein nervöser Verleger telefonisch anfragte, wann das geplante Manuskript fertig sei, antwortete er genügsam: „Die Entlarvung, schätze ich, kommt diesmal bei der fünfzigsten Kanne; ich bin erst bei der zwölften.“

Es gibt keinen Blütentee

Als Thomas Garraway 1657 in einem der berühmten Londoner ­Kaffeehäuser den Tee als Erster anpries, war auf dem Anschlag zu lesen: „Er fördert die Verdauung, reinigt das Blut, löst den Weinstoff und hilft gegen die Gicht.“ Mit seinen Anpreisungen lag der Gastwirt durchaus richtig. Über Herkunft und Kultivierung des Tees, das heißt über die Teepflanze selbst, wusste man damals aber kaum etwas.

Der Teestrauch wird, wild gewachsen, bis zu 15 Meter hoch. Der kultivierte Teestrauch hingegen, der hauptsächlich aus der Pflanzenzucht von Assam (Thea assamica) stammt, wächst bis zu 120 Zentimeter hoch. In sorgfältiger Pflege benötigt er regelmäßigen Beschnitt. Das erleichtert das Pflücken und zwingt den Strauch, in die Breite zu wachsen und immer neue Blattknospen auszutreiben.

Wo der Teestrauch viel Sonne und viel Regen hat, kann man seine Blätter in den tief gelegenen Plantagen das ganze Jahr hindurch pflücken; die Ernte ist reich und der Tee gehaltvoll. In den Tropen wird Tee in Höhen von bis zu 2.000 Metern angepflanzt. Dort, wo leichte Nachtfröste üblich sind, wächst er langsamer und kann nur von April bis November gepflückt werden. Dafür besitzen jene Blätter einen besonders feinen Duft und gehören zu den Spitzensorten.

Das oberste noch eingerollte Teeblatt (das sogenannte Tip, irrtümlich oft als Blüte bezeichnet, denn es gibt keinen „Blütentee“) und das nachfolgende offene Blatt werden „Orange Pekoe“ genannt, das zweite offene Blatt „Pekoe“ und das dritte „Pekoe Souchong“. Diese bei uns anerkannten Namen sind keine Qualitätsbezeichnungen, sondern Größen- und Gradunterschiede der Blätter. Die Qualität des Tees hängt von der geographischen Lage sowie dem Klima und Boden ab.

Die Königsdisziplin, nämlich den Tee zur vollen Entfaltung all seiner Vorzüge und Köstlichkeiten zu bringen, liegt am Ende dann bei Ihnen – siehe Kasten links unten.

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Je höher, desto besser: Die besten Teepflanzen wachsen in den Tropen in einer Höhe von bis zu 2.000 Metern. Eine gute Pflückerin erntet am Tag bis zu 50 Pfund dieser Spitzensorten. Fotos: IMAGO/Xinhua. pa/dpa
© KNA-Bild Radtke

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 05 / 2013

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