Triest: Wandern und Genießen mit Rainer Maria Rilke

Wandern und sich dabei wie ein Dichter fühlen: Das geht nirgendwo besser als am märchenhaft schönen Schloss Duino und auf dem sich daran anschließenden Rilke-Weg am Golf von Triest.

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Imposant: In den steilen Karstklippen am Golf von Triest haben etliche Pilgerfalken ihre Höhlen. Im Zweiten Weltkrieg baute man hier Flak-Stellungen auf.
© Alexa Christ

Text & Fotos: Alexa Christ

Vielleicht ahnte jener Fürst, der im 15. Jahrhundert den Grundstein des Schlosses legte, bereits, dass Duino knapp 500 Jahre später einem der größten Lyriker seiner Zeit Obdach und Inspiration schenken würde. Jedenfalls muss der Edelmann das Auge eines Künstlers gehabt haben, als er den letzten Felsvorsprung der rauen Karstklippen am Golf von Triest wählte, um genau dort sein imposantes Schloss zu errichten. Zimmer mit Aussicht ist bei dieser Immobilie nun wirklich kein billiger Verkaufstrick, denke ich hingerissen, während ich zusehe, wie die Sonne langsam als feuerroter Ball in der Adria versinkt und die Türme des Schlosses in goldenes Licht taucht. Kein Wunder, dass der österreichische Dichter Rainer Maria Rilke einst die Einladung der Prinzessin Marie von Thurn und Taxis annahm, den Winter 1911/12 auf ihrem Schloss Duino zu verbringen. Während der kalte Bora-Wind um die Mauern pfiff, schrieb er: „Ich bin bei meinen Freunden in diesem immens ans Meer hingetürmten Schloss, das wie ein Vorgebirg menschlichen Daseins mit manchem seiner Fenster, darunter mit meinem, in den offenen Meerraum hinaussieht.“

Malerische Inspiration

Der Blick muss für den leidgeplagten Poeten so inspirierend gewesen sein, dass er hier seine Schaffenskrise überwand und die erste der zehn Duineser Elegien schrieb, die nicht nur zu seinem Hauptwerk gehören, sondern zum Kanon der Weltliteratur. Es heißt, der Wind habe Rilke bei einem Spaziergang entlang der Klippen die Anfangs-Verse der ersten Elegie zugetragen: „Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“, entreißt es sich der Dichterbrust. Rilke schreibt rein assoziativ – über die Liebe und das Leben, Leid und Tod. Dort, wo er vor hundert Jahren spazieren ging, wandle ich heute auf seinen Spuren. Gleich neben dem Schloss Duino beginnt nämlich der „Sentiero Rilke“ – der Rilke-Weg –, ein knapp zwei Kilometer langer Pfad, der durch Karst und Wald, immer die Klippen entlang, bis zum Badeort Sistiana führt. Neben dem literarischen Genuss bietet der Weg eine atemberaubende Landschaft und mehr als genug Möglichkeiten, sich poetischer Weltentrückung hinzugeben. Vorausgesetzt, man geht den Weg nicht am Wochenende, wenn sich gar zu viele Ausflügler darauf tummeln.

Ein stiller Nachmittag ist der wohl beste Zeitpunkt, um dem Pfad zu folgen, der sich bis zum Hafen des Fischerortes Sistiana schlängelt. Rechterhand stürzen die gut 90 Meter hohen Steilklippen senkrecht in die azurblaue Adria. Pilgerfalken haben dort ihre Höhlen, in denen sie die Jungen ausbrüten. Der Duft von Lavendel und Meeresfenchel liegt betäubend schwer in der Luft, während Blaumerlen und Sandkopfgrasmücken gemeinsam mit Möwen und Dohlen für pittoreske Postkartenmotive am strahlenden Himmel sorgen. Wer ein bisschen genauer hinschaut, erkennt ganz deutlich, wie unterschiedlich sich die Vegetation hier präsentiert. Da, wo genug Erde vorhanden ist, sprießt üppige Mittelmeerflora, immergrüne Steineichen zum Beispiel. Der Karst dagegen mit seinen bizarr gezackten, wild hingewürfelten Felsbrocken und der hauchdünnen Erdschicht ist nur etwas für die Schwarzkiefer mit ihren flachen, breiten Wurzeln. Oder für die himmelblaue Glockenblume, die hier und da vorwitzig zwischen den Gesteinsformationen hervorlugt und sich der Sonne entgegenreckt. Besonders schön ist der Weg im Herbst, wenn die Macchia mit ihrem flammend roten Laub einen reizvollen Kontrast zu den kreideweißen Felsen bildet und die italienische Tourismuszentrale mit einem europäischen „Indian Summer“ werben kann. Im Zweiten Weltkrieg wurden auf dem Karst von Duino zahlreiche Flak-Stellungen errichtet, die heute zu Aussichtspunkten umgebaut sind. Auf einem solchen genieße ich den Blick auf die Bucht von Sistiana mit ihren sanft in den Wellen wogenden, schneeweißen Segelbooten und die glitzernden Lichter von Triest etwas weiter in der Ferne. Der Anblick ist so schön, dass es eines Dichters bedarf, dem Ausdruck zu verleihen: „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören“, schreibt Rilke in seinen Elegien.

Nach einer guten Stunde endet der Rilke-Weg in Sistiana. Bei einem kühlen Glas Weißwein aus dem Friaul lasse ich meinen Blick über den Golf von Triest schweifen, atme tief ein – und bin beinahe versucht, selbst zur Feder zu greifen und mit dem Dichten zu beginnen.

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Pittoresk: Der Rilke-Weg endet im ­Fischerhafen von Sistiana, wo etliche ­schneeweiße Boote im glitzernden Wasser schaukeln.
© Alexa Christ

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 04 / 2013

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