Weserbergland: Wandern, wo der Wein wächst

Auf dem ersten ökumenischen Weinpfad in Nordrhein-Westfalen wandeln Natur- und Kulturliebhaber auf den Spuren der Weingeschichte von Schloss Corvey. Besonders der „Weg der Stille“ führt in der kalten Jahreszeit zu einiger Besinnlichkeit.

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Natürlich schön: Die ehemalige Reichsabtei Corvey trumpft mit Naturbelassenheit und 1.200-jähriger Geschichte auf.
© Schloss Corvey

Text: Roxy Wanders

Der Blick ist traumhaft. Das Auge wandert über die Dächer der ostwestfälischen Stadt Höxter, weit über das idyllische Tal der Oberweser, über eine sanft hügelige Landschaft, von der Else Lasker-Schüler schwärmte, sie sei wie ein „Mantel, den man achtlos hat fallen lassen“. Von hier oben, dem Räuschenberg über der Weser, schweift der Blick unwillkürlich nach Nordosten und bleibt an den hoch aufragenden Türmen des Corveyer Westwerkes haften. Die ehemalige Reichsabtei mit ihrer 1.200-jährigen Geschichte, die als aussichtsreicher UNESCO-Welterbe-Kandidat für 2014 gilt, hat zum Räuschenberg eine ganz besondere Beziehung: Vor Jahrhunderten wurde der Hang von in Corvey regierenden Fürstäbten zum Weinberg erkoren. Leider nur mit mäßigem Erfolg, denn die barocken Herrscher bewiesen kein glückliches Händchen beim Weinbau. Die Wetterkapriolen einer kleinen Eiszeit, der kalkige Boden und die überaus empfindlichen Reben machten ihnen einen Strich durch die Rechnung. Als zu schlecht, zu sauer und zu berauschend galt der Corveyer Wein, um mit den Mitbewerbern aus dem Süden des Reiches mitzuhalten.

Neuer Wein am alten Hang

Doch genau dort, wo die Sonne ein wenig mehr wärmt und der Wind etwas sanfter weht als anderswo im Weserbergland, ist 300 Jahre später ein idealer Platz, um die Weinträume von einst zu erfüllen. Denn der Corveyer Wein ist nicht in Vergessenheit geraten, er erlebt seit einiger Zeit eine Renaissance. Unter Federführung des Weinfachmanns Michael Rindermann von der Corveyer Domäne ist es engagierten Bürgern aus Höxter gelungen, mit 100 Rebstöcken sowie robusten Phönix- und Regenttrauben ein neues und erfolgreiches Kapitel in der Corveyer Weingeschichte aufzuschlagen.

Die ersten Jahrgänge des „Corveyer Hexenstiegs“ machen von der Qualität her Mut. „Die neuen Reben stimmen absolut zuversichtlich“, freut sich Hobbywinzer Rindermann, der vor vielen Jahren in den Archiven der Fürstlichen Bibliothek Corvey auf die spannende Weinhistorie stieß.

Natur und Spirituelles

Nun haben sich Bürger aus Höxter vorgenommen, das Wein-Projekt zu erweitern. Ab Oktober wird es auf dem neuen/alten Weinberg ­einen ökumenischen Weinpfad geben. Übrigens der erste außerhalb der ­bekannten Weinanbaugebiete Deutschlands. Für Gäste und Wanderer ergibt sich so die Möglichkeit, auf den Spuren der Weingeschichte ­Corveys zu wandeln. Kulturhistorie und Natur lassen sich mit einem ­Besuch an historischer Stätte – dem ehemaligen Benediktinerkloster – sowie dem Weinberg auf einzigartige Weise verbinden. „Der Weinpfad ist eine echte Bereicherung für unsere Region und macht die Menschen mit der Landschaft und dem reizvollen Thema Wein bekannt“, betont Ideengeber Michael Rindermann.

Der rund drei Kilometer lange Rundwanderweg beginnt bei einem barocken Schatz, nämlich der Weinbergkapelle, dem letzten steinernen Denkmal der Weinbauperiode aus dem 17. Jahrhundert. Das Kleinod wird heute für überkonfessionelle Veranstaltungen genutzt. Von dort aus verläuft der Weg durch dichte Wälder, Wiesen und Obstplantagen. Immer wieder eröffnen sich reizvolle Perspektiven auf das heutige Schloss Corvey. Sieben biblische Stationen bieten auf dem Weg spirituelle Erlebnisse. Diese Ankerpunkte regen dazu an innezuhalten, sich eine Auszeit zu gönnen, den Alltag hinter sich zu lassen und sich dabei zu informieren. „Der Pfad ist neben dem Jakobsweg ein weiteres Angebot für Pilger, eine wunderschöne Region und sich selbst zu entdecken“, betont Pfarrdechant Ludger Eilebrecht aus Höxter, der mit seinem evangelischen Kollegen Reinhard Schreiner die Initiative auf geistlicher Seite unterstützt.

Auf Eichenstelen ist jeweils ein aufgeschlagenes Buch befestigt, in dem der Wanderer auf einer Seite über die Bedeutung der Reichsabtei Corvey im Mittelalter und seine Weingeschichte informiert wird, auf der anderen Seite stehen Bibeltexte. „Das Thema Wein zieht sich wie ein roter Faden durch die Heilige Schrift“, sagt Eilebrecht, der die Stationen mit passenden Bibelzitaten ausgestattet hat. An mehr als 400 Stellen wird das Getränk in der Bibel erwähnt. „Das ist nichts Ungewöhnliches“, meint Eilebrecht, „schließlich galt Wein in biblischen ­Gegenden nicht als Genussmittel, sondern als Lebensgrundlage. Ein Zeichen dafür, dass Gott gut für die Menschen sorgt.“ Die Benediktiner zählten im Mittelalter zu den größten Besitzern von Weinbergen, wie auch die ehemalige Reichsabtei Corvey deutlich zeigt. „Der neue Weinpfad bietet Erholung für Leib und Seele, die Besucher können sich an den geistigen und schönen Dingen des Lebens ­erfreuen“, schwärmt der Pfarrdechant und hofft auf regen Besuch.

Die Traube des Mittelalters

Wer den Mittelpunkt des Rundweges, den kleinen Weinberg mit den neuen Rebstöcken, erreicht, erfährt, dass dort auch eine uralte Traube wächst: Den „Weißen Orleans“ brachte einst Karl der Große aus Frank­reich mit; er avancierte schnell zu einer der beliebtesten Rebsorten im Mittelalter. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts galt der Orleans als ausgestorben, bis findige Winzer aus dem Rheingau den Wein wiederentdeckten und auf uralten Terrassen anbauten. Auch auf dem Räuschenberg wachsen die Reben gut. „Der Orleans ist eine Traube der Warmzeit und eignet sich nun durch den Klimawandel besonders gut für unseren Weinberg“, sagt Michael Rindermann und freut sich darüber, dass das exklusive Tröpfchen bei Corveys Anerkennung als Weltkulturerbe gereicht werden könnte.

Wer die abwechslungsreiche Kulturlandschaft rund um Höxter intensiver kennenlernen möchte, kann sich auf den „Weg der Stille“ machen. Die rund 40 Kilometer lange Strecke verbindet vier außergewöhnliche Orte miteinander: die ehemalige Reichsabtei Corvey, das koptische Kloster Brenkhausen, die ehemalige Benediktinerabtei Marienmünster und das Künstlerstädtchen Schwalenberg. An jedem dieser Orte öffnen sich neue Perspektiven. Für den, der es will, auch nach innen.

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© Schloss Corvey

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2014

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