Gymnastisch gärtnern

Norbert Nähr holte die Idee aus England und startete vor drei Jahren Deutschlands erstes GreenGym – geselliges, gesundheitsförderndes Gärtnern für die Allgemeinheit. Nun endet die Förderphase, das ­Projekt ist erwachsener geworden und muss auf eigenen Beinen stehen.

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Gemeinsam gärtnern: Zusammen pflanzen macht einfach mehr Spaß!
© Beate Wand

Text & Fotos: Beate Wand

Zehn bunte Regenjacken heben sich leuchtend vom nebelverschleierten, zarten Frühlingsgrün des Öjendorfer Parks ab. Sanfter Nieselregen besprüht die Gesichter der Gestalten darin, während sie ihre Arme kreisen lassen, Kniegelenke mobilisieren und Oberschenkel dehnen. Susanne Broos in der pinken Jacke erklärt die Übungen und turnt vor. Zum ersten Mal. Von den ersten der geselligen Gärtner-Sessions an harkt, jätet und pflanzt sie mit. Nun zählt sie zu den vier Teilnehmerinnen, die künftig die freiwilligen Parkpfleger in der denkmalgeschützten Grünanlage im Hamburger Osten durch das rund dreistündige Programm führt. Es beginnt jedes Mal mit einem gemeinsamen Warm-up und endet mit dem Cool-down. Atmen, ankommen, achtsam werden. Feste Rituale, die das eigentliche Gärtnern umrahmen. Mittendrin sorgt die Pause mit Kaffee, Tee und Kuchen auf andere Art für das leibliche Wohl der Aktiven.

Sinn stiften

Die Menschen in den Regenjacken eint, dass sie sich gerne draußen an der frischen Luft bewegen. Und dabei bewegen sie sogar etwas: Sie verschönern die Umgebung. Für alle, die in dem Park am Öjendorfer See ihre Hunde ausführen, auf den Wiesen grillen oder mit ihren Kindern herumtoben. Einige der GreenGym-Teilnehmer wohnen um die Ecke, andere reisen extra aus weiter entfernten Stadtteilen an, um beim kostenfreien und öffentlichen „Fitnesstudio im Grünen“ eine Schippe draufzulegen. Die einen erkennen als begeisterte Hobbygärtner bereits bei aufkeimenden Kräutern, ob diese weiter wachsen dürfen oder lieber ausgerupft werden. Die anderen lernen dazu und bringen so ihr gärtnerisches Talent erst zum Sprießen. Die einen buddeln nebeneinander und quatschen dabei, die anderen zupfen meditativ verträumt vor sich hin. Jeder so, wie es ihm guttut. Ihre Körper heißen die Abwechslung zum Bürojob allemal willkommen. Aber auch Leute ohne Arbeit machen mit und freuen sich, sichtbar ­etwas für die Gemeinschaft beizutragen, ­gebraucht zu werden.

Was vom Prinzip her – „man trifft sich und gärtnert los“ – so simpel klingt, muss im bürokratisierten Staat im Vorfeld ­einige Hürden meistern. Stadtplaner Norbert Nähr las vor einigen Jahren von der ­Bewegung GreenGym in England, reiste dorthin und sprach mit den Initiatoren. 2012 pflegten auf der Insel etwa 13.600 Freiwillige in über 100 Gruppen regelmäßig öffentliche Parks, allein 15 in London. Die Zahl wuchs seit Ende der 1990er Jahre. Da setzte der Wohlfahrtsverband The Conservation Volunteers (TCV) die Idee in die Tat um, gemeinschaftlich im Grünen zu gärtnern. Inspiriert von seinem Besuch, nutzte Nähr als Inhaber eines Planungsbüros seine Kontakte zu Hamburger Behörden. So brachte er 2013 im Namen des Trägers Heilende Stadt, einer gemeinnützigen Unternehmergesellschaft, Deutschlands erstes GreenGym zum Knospen. In Kürze endet die Förderphase. Gelingt es, GreenGym unter Anleitung von Susanne Broos und den drei anderen ehrenamtlichen Bürgerinnen langfristig an diesem Standort zu etablieren, hätte das Projekt im Öjendorfer Park Früchte getragen: Das Ziel wäre erreicht.

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Ab in die Hocke: ­Unkraut rupfen und Müll sammeln – wichtige Grundtechniken beim GreenGym.
© Beate Wand

Jäten statt joggen

Doch Nähr strebt natürlich nach mehr: Ab Sommer soll ein zweites GreenGym die Parkflächen am Wandsbeker Mühlenteich verschönern. Drei weitere Hamburger Standorte peilt er an. Und natürlich will er das Modell auf andere Städte übertragen. Eigentlich sollten schon im vergangenen Sommer auch Berliner ihre Parks verschönern. Zuvor muss jedoch die zuständige Verwaltung dem GreenGym zustimmen, eine Werkzeug-Box bereitstellen und Arbeitspläne mit dem Projektkoordinator von Heilende Stadt abstimmen. Qualifizierte Übungsleiter von Heilende Stadt sollen die Gruppen dann innerhalb von zwei Jahren in ihre Selbstständigkeit führen. Nähr betont, dass die freiwilligen Fitness-Gärtner nur zusätzliche Pflegearbeiten übernehmen, die sonst unter den Tisch fallen würden.

Nach dem Warm-up im Öjendorfer Park schlägt Susanne Broos den Ablauf für das erste Treffen nach der Winterpause vor: Müll aus den Beeten sammeln, Hochbeete ausbessern, Giersch rupfen, auf den amtlich genehmigten Flächen säen und Mitgebrachtes einpflanzen. Den Rosen täte ein Kaninchenschutzzaun gut, und, ach ja, hat jemand Lust, den platten Reifen der Schubkarre zu reparieren? Ein kurzer „Tool Talk“ erinnert daran, wie ein Spaten richtig benutzt und eine Harke sicher abgelegt wird. Zunächst schreiten alle die beackerten Flächen ab, um den Neuen wie Susanne Kühl zu zeigen, wo ohne GreenGym heute noch eintönige Brennnesselfelder wuchern würden. Jetzt kriechen dort Walderdbeeren mit ihrem Grün aus der Erde. Tulpen, Primeln und sogar ein paar Schachbrettblumen blühen gerade. Alle erinnern sich, wie später im Jahr Hummeln zwischen hochstehender Minze brummten. In einem kleinen Bächlein schaukeln die sattgelben Köpfe von Sumpfdotterblumen über dem Wasser. Entlang eines Streifens hat die Gruppe hier im vergangenen Sommer Schlangenknöterich und Blutweiderich gepflanzt.

„Eine wahre Augenweide“, seufzt ­Zdenka Hajkova. Der Projektkoordinatorin von Heilende Stadt ist die Öjendorfer Gärtnertruppe ans Herz gewachsen. Sie schulte die vier künftigen GreenGym-Anleiter und will auch in diesem Jahr des Auf-die-­eigenen-Beine-Kommens noch einmal im Monat vorbeischauen. Die Trainerin und Botanikerin zapfte ihr Biologen-Netzwerk an, um Arten auszuwählen, die zum Standort passen und an denen sich möglichst viele heimische ­Insekten laben können.

Säen statt stickiges Studio

Die bunten Jacken hocken nun in den Beeten. Zupfen hier, rupfen da. Unkrautstecher wechseln die Hände. Yildiz sät Kapuzinerkresse und Winden aus. Zdenka und ihr tschechischer Landsmann Otakar wuchten eine Schubkarre voller Erde vom Kompost aufs Hochbeet. Sportliche Haltungen gibt es genug. Doch die meisten stufen ihre Tätigkeit hier eher als Wohlfühlgärtnern denn als Fitness-Sport ein. Parkfeeling, frische Luft, bei jedem Wetter draußen. Sportwissenschaftler der Uni Hamburg bestätigten, was auch schon Studien in England herausfanden: Die gemeinschaftliche Arbeit im Grünen tut gut! Dem Körper, dem Geist und der Seele. Sie fördert die Gesundheit, weil jeder gemeinsam mit anderen in abwechslungsreichen Bewegungsabläufen an der frischen Luft etwas Sinnvolles erschafft. Das ist auch noch sicht- und hörbar, zum Anfassen, und es duftet und schmeckt in einigen Fällen sogar noch. Auch wenn heute leider die Zeit für einen Wildkräutersalat auf Giersch-Basis fehlte.

www.heilendestadt.de, www.tcv.org.uk/greengym, Weblog: greengymbillstedt.wordpress.com

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 05 / 2015

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