„Herr Lehrer, gibt es hier Tiger?“

Wenn Stadtkinder und Natur zusammentreffen, ist das Staunen oft groß und das Naturwissen klein. Ein engagierter Grundschullehrer versucht, das zu ändern: mit einer Abenteuerreise durch die Wälder des Rothaarsteigs, die den Kindern trotz Strapazen ungeahnte Stärken offenbart.

neuer_name
Auf dem Weg zur Ginsburg: In den Hilchenbacher Wäldern geht die Klasse 3c auf Entdeckungsreise.
© Klaus-Peter Kappest

Text: Lisa-Marie Bille

Heute sind wir keine Wanderer. Heute sind wir Abenteurer, Schatzsucher, Ritter und Freifrauen. Wir wandern nicht bloß, wir haben eine Aufgabe: Wir müssen den verwunschenen „Stein der Kraft“ finden, den ein Ritter vor langer Zeit auf der Ginsburg versteckt hat. Wir, das bin ich und die Klasse 3c von der Gemeinschaftsgrundschule Kreuztal. Unser Anführer ist Klassenlehrer André Dorn, ausgebildeter Schulwanderführer nach dem Deutschen Wanderverband. Er hat uns am Wandertag nach Hilchenbach geführt, damit wir uns über einen Zugang zum Rothaarsteig hinauf bis zur Ginsburg kämpfen. 16 Kinder zwischen acht und elf Jahren sind dabei. Die meisten kommen aus einer Hochhaussiedlung.

Bewusst geht es deshalb heute in die Natur. Mit einer abwechslungsreichen Geschichte animiert der Lehrer die Kinder zu entdecken und zu fragen. Denn mit einer einfachen Wanderung, sagt ihm seine Erfahrung, kann er sie kaum locken. Doch vor dem Abenteuer müssen die Kinder die Ausrüstung wählen: Christian, neun Jahre, möchte eine Taschenlampe mitnehmen: „Weil wir die vielleicht brauchen, wenn es im Wald dunkel ist.“ Und Fynn-Lukas schlägt vor: „Ich würde das Fernglas nehmen, denn damit kann man weit gucken.“ Mitgedacht hat auch Leon: „Das Erste-Hilfe-Set brauchen wir! Wenn sich jemand wehtut!“ Dann geht es los. Nuri sieht eine Weinbergschnecke auf dem Waldweg: „Die ist aber hässlich!“, findet sie. Und als André Dorn wissen will, wie sie das Tier schöner finden würde, schlägt sie begeistert vor: „Wenn sie Glitzersteine hätte!“

Es geht einen steilen Pfad hinauf; die Kinder helfen sich gegenseitig, stützen sich. Der Zusammenhalt scheint gut zu sein bei diesem Abenteuer, wo Fingerhut am Wegesrand wächst. „Vorsicht, die lilanen sind giftig“, weiß Fynn-Lukas. Woher er sich denn so gut in der Natur auskennt, wollen wir wissen. Und er erzählt uns, dass er mit seinen Eltern im Urlaub schon oft wandern war. „Ich habe sogar schon zweimal ein echtes Reh gesehen“, berichtet er stolz. Da sei er der Einzige, bemerkt sein Klassenlehrer. Das merke man deutlich, schon allein an der körperlichen Fitness und der Ausrüs­tung. Aber auch am Naturwissen: „Wir haben nur zwei, drei in der Klasse, die sich richtig gut auskennen und mit Begeisterung dabei sind. Die ordnen auch viele Tiere und Pflanzen richtig zu.“

Klassenzimmer in der Natur

Bei wem das weniger der Fall ist, kommen Fragen auf wie: „Herr Dorn, gibt es hier Tiger?“. Da kann dann schon mal Frust aufkommen: „Wir haben doch vorher besprochen, was hier für Tiere leben!“, ruft Herr Dorn. Er erklärt den Grund für solche Fragen: „Es bringt einfach nichts, Blätter und so etwas vom Arbeitsblatt zu lernen. Das prägt sich einfach nicht ein. Daher sind solche Wandertage so unglaublich wichtig, und auch Schulgärten oder AGs mit Naturthemen. Aber dafür hat heute kaum einer mehr Zeit. Oder es ist kein Geld da.“

Dafür können die Kinder das TV-Programm herunterbeten. Dabei hat die Natur durchaus Potenzial, die Kinder zu begeistern. Etwa, als Jakob verwundert ist, wie das dünne Knäuelgras so hoch wachsen kann: „Herr Dorn, das ist ja fast so groß wie du!“, staunt er. Oder als wir ein Tipi aus Holz im Wald finden, aus mächtigen Ästen zusammengeschustert: „Schaut mal, auch sowas kann man im Wald machen! Wer von euch hat schon einmal eine Bude gebaut?“, fragt der Klassenlehrer in die Runde. Es melden sich nur drei Kinder. Viele haben so etwas noch nie gesehen und staunen. Richtig hinein traut sich aber keiner, sie können die Scheu vor dem unbekannten Wald nur schwer ablegen. Daher versucht Herr Dorn, sie mit Aufgaben und Spielen zum Entdecken zu ermutigen. Etwa, indem Gegenstände für die Kräuterhexe als Wegzoll gesucht werden: Blätter, Äste, Halme und Rindenstücke. Erst nachdem diese bestimmt sind, geht es weiter.

Für Mut und Zusammenhalt

„Ein wichtiger Faktor ist auch, dass in der Natur das Selbstbewusstsein gefördert wird“, erklärt Herr Dorn. Darum sollen die Kinder selbst den Weg finden und lernen, auf das Rothaarsteig-Zeichen zu achten. Die Strecke ist sechs Kilometer lang. Für einige Kinder, die übergewichtig und nie zuvor gewandert sind, eine Herausforderung. „Aber man muss sie nur dazu bringen, es auszuprobieren, ihre Grenzen zu erforschen. Wenn sie einmal dabei sind, wollen die das. Es tut ihnen gut, gefordert zu werden“, erklärt er. Und wird bestätigt: „Das Wandern macht ja Spaß! Man entdeckt neue Dinge, Sport ist das auch, und es gibt lebendige Sachen zu finden!“, begeistert sich Elinsana. „Genau, dafür macht man das“, bestätigt der Klassenlehrer.

Auch die nächste Aufgabe zielt auf das „gemeinsam schaffen“: Die Kinder helfen sich gegenseitig durch ein Hindernis aus zwei eng stehenden Bäumen. Diese bilden das Tor zur nächsten Abenteueretappe. Es geht nicht weiter, bevor nicht jedes einzelne Kind hindurch ist! Und sogar dabei wird Neues entdeckt: „Warum ist der Baum so weich?“, fragt sich Nuri, als ihre Finger über das Moospolster auf der Rinde gleiten. Das kannte sie noch nicht. Hinter dem „Zaubertor“ kann man das größte Hochhaus der Heimatsiedlung sehen, ganz in der Ferne. Dort sind die meisten Kinder zu Hause. „Siehst du, Christian, gut, dass du das Fernglas mitgenommen hast“, lobt ein Mitschüler.

Ein anderer Junge schnieft und reibt sich die Augen. Herr Dorn vermutet, dass er eine Allergie gegen Gräser hat: „Schlimm genug, dass die Eltern uns das nicht vorher gesagt haben. Aber gut möglich, dass sie es gar nicht wussten – mit dem Kind rauszugehen gehört dort nicht zum Tagesprogramm“, schüttelt er den Kopf. Nuri dagegen hat ganz andere Probleme: „Hier gibt es gruselige Dinge wie … Bienen!“, beschwert sie sich und schlägt nach dem Insekt. „Lass die mal in Ruhe“, rügt Herr Dorn, „die hat auch ein Recht auf ihr Leben! Und wir sind leise im Wald, nicht wahr? Die Tiere wollen ihre Ruhe haben“, warnt er die Gruppe. Das leuchtet den Schülern ein: „Schließlich ist das ja auch IHR Wald und wir sind nur zu Besuch ...“

Die nächste Wegkreuzung hält wieder neue Überraschungen bereit. Was sehen wir denn da vor uns? Ein Baumhaus, da ist sich die Mehrheit einig. Bis auf einen: „Mensch, das ist doch ein Hochsitz. Habt ihr das noch nie gesehen?“, bemerkt der wander­erfahrene Fynn-Lukas leicht genervt. Auch der über den Weg fließende Bach kann ihn nicht schrecken. Im Gegensatz zu vielen anderen: „Igitt!“, schreien die Mädchen empört, als sie sich die Hände darin waschen sollen. „Wie, einfach so im Wald?“, fragen sie ungläubig, bevor Andre Dorn erklärt: „Das ist kein anderes Wasser als das, was bei euch zu Hause aus der Leitung kommt. Das kommt aus der Natur!“ Dies scheint ­vielen neu und nicht geheuer zu sein. Doch nach und nach trauen sie sich – und schon stehen die ersten mit Schuhen im knöchel-tiefen Wasser. „DAS müssen sie auch lernen: Dass sie mit den Konsequenzen leben müssen“, schmunzelt der Lehrer angesichts der nun nassen Füße. Da hilft alles Maulen nicht. Auch nicht gegen den aufkommenden Hunger: „Hier muss es doch irgendwo eine Eisdiele geben!“, ruft Georgiana verzweifelt aus und knabbert an den Chips, ihrer Wegzehrung. Doch wir sind mitten im Wald. Trotzdem hat sich die Landschaft verändert, und ein Kind fragt: „Wo ist denn der Berg hin?“ André Dorn lacht: „Wir sind doch oben drauf! Wir sind bis auf die Spitze gewandert, seht ihr?“

Oben angekommen, erläutert er uns die Situation in der Klasse. So hätten 70 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund, „in dieser Hinsicht die extremste Schule in unserem Kreis. Hier sind viele sozial schwache Kinder dabei, das merkt man an der körperlichen Verfassung. Sie bewegen sich nicht viel und auch die Naturkenntnisse sind ganz gering. Die meisten werden mit Fernsehen beschäftigt.“ 80 ­Prozent hätten ein eigenes Gerät und würden im Fernsehkonsum praktisch nicht eingeschränkt. „Nicht viele Eltern zeigen Interesse daran, dass sich daran etwas ändert.“ Daher will er das tun, soweit er kann. Dass die Förderschüler in die normalen Klassen integriert wurden, macht es für ihn nicht leichter: „Es ist zu viel, ich kann den einzelnen Kindern nicht die Aufmerksamkeit schenken, die sie bräuchten.“

Als die müden Krieger schließlich erschöpft in der Runde ­sitzen (außer Tizian, der nochmal drei Kilometer laufen könnte, bevor er umfallen würde), blicken sie doch zufrieden auf den Tag zurück. Besonders, da ist man sich einig, haben die zu lösenden Aufgaben Spaß gemacht, und das Reden dabei. Das Kartenlesen fanden manche spannend, denn „das macht Spaß, wenn man schauen kann, wo man gerade ist!“. Schlecht war eigentlich nichts, findet Jakob, aber anderen täten doch die Füße weh; es war steil und der doofe kleine Fluss habe den Weg matschig gemacht. Aber die Natur freut sich darüber, ist man sich einig, die braucht ja Wasser! Nuri fand das Wandern gut. Zwar habe sie auf dem Rückweg laut geklagt, aber jetzt sei es geschafft und sie habe ein gutes Gefühl dabei: „Es ist so schön hier! Zu Hause schauen wir meistens fern. Aber das hier ist viel schöner!“

Mehr Infos unter www.schulwandern.de

neuer_name
So nah und doch so fern: Klassenlehrer André Dorn erklärt Soufian und Pierre die Benutzung des Fernglases.
© Klaus-Peter Kappest

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 03 / 2013

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat

Events

04.10 – 06.10.2019
Alpenwelt Karwendel - 24h Trophy
22.01 – 26.01.2020
Schöneck im Vogtland - Deutscher Winterwandertag