Little Berlin

Die Mauer teilte während des Kalten Krieges nicht nur Berlin. Auch Mödlareuth am Tannbach, halb Bayern, halb Thüringen, litt unter der Sperre aus Beton. 25 Jahre nach der Wiedervereinigung ruft im Deutsch-Deutschen Museum nicht nur ein Originalstück der ­weißen Wand Erinnerungen wach.

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Spaziergang auf dem Todesstreifen: Der zehn Meter breite Kontrollstreifen wurde für freie Sicht gepflügt und mit Unkrautvernichtungsmitteln bespritzt.
© Beate Wand

Text & Fotos: Beate Wand

Vor der weiß getünchten Wand bleibt Ronald Schricker stehen. Lässt die 3,30 Meter hohe Mauer einen Moment auf seine Zuhörer wirken. Auf ihrer Krone sitzt ein hohles Rohr. Es sollte beim Überklettern hinunterbrechen. ­Dabei war es nahezu unmöglich, überhaupt bis zu der ­Betonsperre vorzudringen: Gitterzäune, Sperrgräben und eine Hundelaufan­lage schirmten östlicherseits schon weit vorher Bürger ab. Offiziell bewahrten die Schikanen als „antifaschistischer Schutzwall“ das Land dahinter, die DDR, vor Imperialismus und Kapitalismus. Schricker erklärt akribisch die im Deutsch-Deutschen ­Museum Mödlareuth nachgebauten Grenzanlagen.

„Sie stehen hier in kleinerem Maßstab beieinander“, so der breitschultrige Mann mit kahlgeschorenem Schädel und lässigem Sakko über dem T-Shirt hinzu, „der Grenzbereich fing ja schon fünf Kilometer vor der innerdeutschen Grenze an.“ Die Sperrzone. Zum Betreten dieser Sperrzone brauchte man einen Passierschein. Der Schutzstreifen mit Grenzsignal und erstem Sperrzaun reichte bis 500 Meter vor die Grenzlinie.

Grüßen verboten!

Die Mauer in Mödlareuth ist ein Original. Nicht aus Berlin. Die 50 Seelen aus dem Dorf glotzten 24 Jahre lang vor ihre eigene 700 Meter lange Mauer. 1952 senkte sich der Eiserne Vorhang auch in Mödlareuth. Winken und Grüßen war verboten. Zunächst schottete ein übermannshoher Bretterzaun die DDR von der Bundesrepublik ab. Später ersetzten ihn mehrere Reihen von Stacheldrahtzäunen, bis ab 1966 Betonfertigteile verhinderten, dass auch nur Blicke die Grenze übertraten. So kam der Ort fünf Jahre nach dem Mauerbau in der DDR-Hauptstadt zu dem Beinamen „Little Berlin“.

Nur fehlte in Mödlareuth der Checkpoint, es gab keinen Grenzübergang. So kappte die Mauer Familienbeziehungen, Freundschaften und trennte sogar zwei Brüder. Max und Kurt Goller hätten in Pantoffeln zum gegenseitigen Besuch rüberschluffen können, so dicht standen das Haus des Onkels in Franken und das Elternhaus in Thüringen beieinander. Für 200 Meter waren nun 90 komplizierte Kilometer mit Bus und Bahn zu überwinden. Die Sperrzone durften Westbürger gar nicht betreten, auf DDR-Seite musste man sich anderswo, fernab von Mödlareuth treffen.

Außerhalb Mödlareuths sicherte ein Metallgitterzaun die Grenze. Neben einem solchen zieht Ronald Schricker ein winkeliges Metallgebilde mit einem kegelförmigen Trichter aus seiner schwarzen Sporttasche. „Wurde der Signaldraht berührt oder gar abgerissen, hagelte es knapp 100 scharfkantige Metallsplitter“, beschreibt er das Prinzip der bis 1983 an den Sperrzäunen montierten Splittermine SM-70, besser bekannt als Selbstschussanlage. Dennoch glückte am 25. Mai 1973 in Mödlareuth einem ehemaligen Grenzpolizisten die Flucht.

Als Kraftfahrer für ein Textilwerk besaß er einen Passierschein, fuhr bis zur Betonsperrmauer und kletterte vom Autodach über eine selbst konstruierte Eisenleiter in die Freiheit. Im Scheinwerferlicht der Grenzposten auf dem Beobachtungsturm. Sie schossen bewusst nicht, wie der Befehlshabende später in einem Zeitzeugengespräch gegenüber dem Museum erklärt.

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Schicksalsgewässer: Der sechs Kilometer lange Tannbach rinnt mitten durch Mödlareuth und trennt dort Thüringen und Bayern.
© Beate Wand

Das doppelte Dorf

Unterhalb des Zauns windet sich ein Bach durchs grüne Gras. Zwei vielleicht zwölfjährige Kinder hopsen mit einem großen Schritt ans andere Ufer. Von Thüringen nach Bayern. Vom Saale-Orla-Kreis in den Kreis Hof. Das Wasser fließt an etwas schiefen, schwarz-rot-gold-gestreiften Betonpfeilern mit DDR-Staatswappen und an gedrungenen, fast quadratischen Grenzsteinen mit den eingemeißelten Buchstaben FR und KB vorbei. Der Tannbach teilt. Bereits im Mittelalter eine Verwaltungsgrenze, trennte er von 1810 an das Fürstentum Reuß und das Königreich Bay­ern. Nach dem Krieg besiegelt das Rinnsal als Demarkationslinie zwischen sowjetischer und amerikanischer Besatzungszone das Schicksal der Dorfbewohner. Auch heute noch grenzt er die Hoheitsgebiete zweier Bürgermeister voneinander ab. Nördlich des Tannbachs regiert der aus dem thüringischen Gefell, südlich entscheidet der aus dem ­bayerischen Töpen. Die mittlerweile weniger als 50 Einwohner der Gemeinde fahren mit unterschiedlichen Nummernschildern herum, sind unter verschiedenen Postleitzahlen und Vorwahlen erreichbar. Obschon die einen mit „Grüß Gott“, die anderen mit „Gud’n Dach“ die Hand drücken – gefeiert wird gemeinsam! „Zum Grenzgänger“ heißt die einzige Gaststätte.

Einig waren sich die Mödlareuther auch darin, die Erinnerung zu bewahren. Allerdings bitte nicht mitten im Ort! Als ein Bagger am 17. Juni 1990 die Sichtsperre aus Betonplatten endlich niederriss, wuchs die Idee, mit dem Deutsch-Deutschen Museum die 40 Jahre der Teilung zu dokumentieren. Außen überragt ein Wachturm vom Typ BT 11 die Szenerie. Auf den 11-Meter-Betonringen des Beobachtungsturms sitzt eine achteckige Kanzel mit Reling auf dem Dach. „Den durfte man während der Schicht acht Stunden lang nicht verlassen“, weiß Schricker.

Innen vergegenwärtigt der Film „Alltag an der Grenze“ die Gefühlswelt aus der Zeit des Kalten Krieges: Beklemmende Atmosphäre, als sich die Mödlareuther bei ­einer kurzzeitigen Öffnung zur Regulierung des Tannbachs inmitten von Soldaten neugierig beäugten. Graue Häuser und Fell-Schapkas auf der einen, gepflegte Gärten, Fleece-Schlauchschals und Jacken mit USA-Aufdruck auf der anderen Seite. Ganz ­anders die Stimmung beim ersten Überschreiten der Grenze durch eine Bresche in der Mauer am 9. Dezember 1989 oder als die Sichtsperre im Juni drauf endgültig einstürzt. Bis auf die letzten 100 Meter. www.museum-moedlareuth.de

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 06 / 2015

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