Naturkosmetik: Was pflegt denn da?

Seit Jahrtausenden verschönern sich ­Menschen mit Mitteln aus ihrer direkten Umgebung. Dieses Urvertrauen in die Umwelt erlebte jüngst eine Renaissance. Wanderlust erklärt, worauf es bei der Naturkosmetik ankommt.

Text: Carolin Müller

neuer_name
Worauf achten? Eine Creme zu finden, die zur Haut passt und nur gute Zutaten enthält, gleicht oft einem Glücksspiel.

Erreicht man Neuseeland auf dem Seeweg, so wird man an der Nordinsel von einer langen, weißen Wolkenkette begrüßt. So erging es auch den ankommenden Maoris, den Ureinwohnern Neuseelands. Daher stammt der Name der Insel: Aotearoa – das Land der langen, weißen Wolke.

Jenes Land ist Heimat der in den späten 80er Jahren entstandenen Naturkosmetikmarke Living Nature. Die Liebe zu Neuseeland, seiner einzigartigen Pflanzenwelt und der Lebensweise der Maoris waren für Suzanne Hall Antrieb genug, eine eigene, natürliche Pflegeserie in Zusammenarbeit mit Neuseelands Botanikern zu produzieren.

Auf so persönlichen Beweggründen, mitunter verstärkt durch negative Erfahrungen mit konventioneller Kosmetik, fußen weitere Entstehungsgeschichten: Anfang der 2000er reiste Reinhard Krinke bis nach Panama, wo in ihm, hingerissen von den Einwohnern und dem Pflanzenreichtum des Landes, die Idee zur späteren Biomarke „Nonique“ reifte. „Im Vordergrund steht für uns immer die Schonung der Ressourcen bei größtmöglicher Pflegewirkung“, so Krinke.

Tausende Kilometer östlich und zehn Jahre später schlug die Geburtsstunde der Naturkosmetikmarke Yokumi. Als Sohn eines afrikanischen Heilers erlangte Djibril Inoussa das Wissen über Sheabutter für therapeutische Anwendungen. Er erkannte, dass Sheabutter am besten wirkt, wenn ihre vollständigen Wirkstoffe nach der Gewinnung und Verarbeitung erhalten bleiben. Hierzulande fand er kein Produkt, welches seinen Erfahrungen gleichkam – so entwickelte er Yokumi.

Lichtblicke im Siegelwald

Diese und weitere Naturkosmetikmarken verbindet die Natürlichkeit und der zunehmende Erfolg – und nicht so sehr einheitliche Zutatenlisten. Im Jahr 1993 formulierte das Bundes­minis­terium für Gesundheit eine erste unverbindliche Definition des Begriffs „Naturkosmetik“. Üblicherweise versteht man darunter kosmetische Produkte, die ihrem Anspruch nach schonender für Mensch und Umwelt und aus natürlichen (naturnah, naturidentisch) oder ökologisch angebauten Rohstoffen hergestellt sind. Eine international akzeptierte Definition exis­tiert hingegen nicht.

Um dennoch Transparenz im Dschungel der Verpackungsangaben zu schaffen, schlossen sich im Jahr 2000 führende Naturkosmetik-Hersteller zusammen und entwickelten gemeinsam mit dem Bundesverband Deutscher Industrie- und Handelsunternehmen für Arzneimittel, Reformwaren und Körperpflegemittel (BDIH e.V.) eine einheitliche Richtlinie. Sie regelt nicht nur den Einsatz von Emulgatoren, Konservierungsstoffen oder Farbstoffen, sondern legt auch die Mindestanforderungen an die Erzeugung und Verarbeitung der Kosmetikrohstoffe fest. Rund sechs Jahre nach der Einführung des Zeichens umfasst die Liste der Mitgliedsunternehmen bereits 61 Hersteller und über 2.500 zertifizierte Produkte.

Daneben reihen sich weitere Siegel. Die strengsten Kriterien stellt dabei Demeter. Bekannt vor allem aus dem Naturkosthandel, zeichnet Demeter auch echte Biokosmetik aus. Bedingung hierfür ist ein Anteil von 90 bis 100 Prozent Rohstoffen aus dem Demeter-Vertragsanbau. Damit soll das Siegel die höchste zu erreichende Natürlichkeit und die geringste Schadstoffbelastung der Inhaltsstoffe garantieren.

Vorlieben und Empfindlichkeiten

Schwarzen Schafen der Branche kommt der Siegelwald freilich gerade recht. Das Schlagwort ist Greenwashing – eine Bezeichnung für PR-Methoden, mit denen sich Unternehmen einen grünen Mantel überziehen wollen. Greenwashing sieht nach außen gut aus, verrät aber wenig über den Inhalt. Übertragen auf die Naturkosmetik finden sich nicht selten Angaben wie „mit dem Besten aus der Natur“, die das Produkt nur natürlicher wirken lassen sollen. „Noch immer scheinen Verbraucher irritiert und sprechen von Naturkosmetik, auch wenn nur ein einziger Inhaltsstoff aus der Natur kommt“, sagt Beate Sachsenmaier von Berland-Pharma. Irreführend seien auch „frei von“-Angaben wie „ohne Silikone, Parabene, Mineralöle“ in Verbindung mit Naturkosmetik, in der sie ohne­hin nicht enthalten sein dürfen.

Nach einer Umfrage der Zeitschrift „Brigitte“ gaben 41 Prozent der Befragten an, sie benutzten Kosmetik auf ­natürlicher Basis ohne chemische Zusätze. Hier klafft offensichtlich eine große Lücke zwischen dem Empfinden, Natur­kosmetik zu verwenden, und dem tatsächlichen Marktanteil zertifizierter Kosmetik, der bei gerade mal 6,5 Prozent liegt.

In einer offiziellen Stellungnahme des Industrie­verbandes Körperpflege und Waschmittel e.V. heißt es, Naturkosmetik und herkömmliche Kosmetik seien „gleicher­maßen sicher und verträglich, unabhängig von der Natürlichkeit der verwendeten Rohstoffe.“ Es sei die Entscheidung eines jeden einzelnen Verbrauchers, welche Produkte er letztendlich anwende.

„Die meisten Menschen kommen sowohl mit konventioneller als auch mit Naturkosmetik gut klar“, bestätigt auch Professor Matthias Augustin, Direktor des Instituts für Versorgungsforschung am Universtitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Naturkosmetik gilt als verträglicher, weil sie überwiegend natürliche Bestandteile enthält. Prinzipiell lässt sich aber nicht sagen, dass sie sich auch bei empfindlicher Haut besser eignet. „Auf natürliche Inhaltsstoffe kann die Haut mancher Menschen mit Reizungen reagieren“, so der Experte. Synthetische Stoffe, die in konventioneller Kosmetik enthalten sind, lösen manchmal Allergien aus. Aber auch die oftmals in der Natur­kosme­tik verwendeten natürlichen Duftstoffe können die Haut reizen; ebenso wie Allergene, die natürlicher Bestandteil vieler Pflanzen sind.

Bei Haltbarkeit kein Unterschied

Darüber hinaus gilt: Je besser die tägliche Hautpflege ist, desto weniger Chancen haben Hautreizungen. Jugendliche sollten generell aufpassen, ihre Haut nicht zu überpflegen, sonst reagiert sie gereizt. Bei Männern ist nicht immer die Rasierklinge Ursache für Hautirritationen. Es ist also sekundär, ob natürlich oder konventionell – das Wichtigste ist, dass die Produkte sich mit dem individuellen Hauttyp vertragen. Wer unter Neurodermitis leidet, sollte mit Pflegeprodukten generell vorsichtig sein. Ansonsten sollte „Ganz oder gar nicht“ die Devise sein: Wer sich für reine Naturkosmetik entscheidet, orientiert sich am besten an den offiziellen Siegeln.

Genau wie konventionelle Kosmetik sind geöffnete Naturkosmetikprodukte ab dem Tag der Herstellung mindes­tens 30 Monate lang haltbar. Sonst müssen sie laut den ­gesetzlichen EU-Vorgaben mit einem entsprechenden Haltbarkeitsdatum versehen werden. ­Produkte, die ungeöffnet länger als 30 Monate haltbar sind, tragen ebenfalls eine entsprechende Kennzeichnung: Es handelt sich um ein Symbol in Form eines geöffneten Tiegels mit der Angabe, binnen wie vieler Monate das Produkt verbraucht werden soll. Dieser Zeitraum wird als PAO (Period After Opening) bezeichnet. Haltbarkeitsdaten sind immer Mindest­angaben und dienen als Richtwerte.

Werden Produkte ohne synthetische Konservierungsstoffe hergestellt, können sich in den Tiegeln und Tuben leichter Keime bilden, als das bei konservierten Kosmetika der Fall ist. Am besten ist es, nicht mit bloßen Fingern in den Cremetiegel zu gehen, sondern mit einem Spatel. Es sei denn, die Hände wurden vorher gründlich gewaschen. Bei Tuben ist die Keimbelastung generell geringer, da das Produkt dank der wesentlich kleineren Öffnung mit keimbelasteter Luft nur geringfügig in Kontakt kommt. Nach dem Gebrauch die Tuben und Tiegel schnell wieder verschließen. Auch sollten die Produkte nie mit Wasser verdünnt oder über Stunden der prallen Sonne ausgesetzt sein.

Grün gewinnt: im Namen der Natur

Naturkosmetik kann aber auch im Einklang mit öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen stehen, das beweist Annemarie Lindner. Für ihre Naturkosmetikmarke „Anne­marie Börlind“ holte sie sich Schauspielerin Christine Paul als prominente Unterstützung ins Boot. Gleichzeitig unterstützt Lindner weltweit Hilfsprojekte; 2010 erhielt sie dafür den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg. „Unsere Lebensweise war schon lange ökologisch geprägt, meine Arbeit passte nicht so recht dazu. Als der Nachwuchs sich ankündigte, überlegten wir intensiver in Richtung Selbstständigkeit und natürliche Pflege“, sagt auch Stephan Becker von Benecos Naturkosmetik. Mit seiner Frau gelang es ihm, dekorative Kosmetik flächendeckend im Fachgroßhandel und im Einzelhandel zu platzieren.

Neben den genannten Siegeln gibt es daher eine übergreifende Formel: Die Passion der Gründer von Kosmetik­marken, mit der sie die Entwicklung ihrer Produkte selbst in die Hand nehmen.

neuer_name

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2013

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat

Events

22.01 – 26.01.2020
Schöneck im Vogtland - Deutscher Winterwandertag