Outdoor: Industrie mit grünem Herz

Natur – draußen sein – Outdoor. Dieser Dreiklang ist zu einem gesellschaftlichen Megatrend geworden. Radfahren und Wandern sind die häufigsten Freizeitaktivitäten der Deutschen. Aber wie steht es um die Industrie dahinter? Wenn Outdoor von der Natur lebt, lebt Outdoor auch für die Natur? Wanderlust zeigt, wie grün die „grüne“ Branche ist.

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Mündige Verbraucher: Wer selbst oft und gerne in der Natur unterwegs ist, ­interessiert sich auch für die Umweltverträglichkeit seiner Ausrüstung. © IMAGO

Text: Ralf Stefan Beppler

Die Assoziation ist eindeutig. Outdoor ist Natur, Natur ist grün. Doch wie grün ist die Outdoor-Industrie wirklich? Immerhin ist sie ein Industriezweig, und industrielle Produktion bedeutet immer Ressourcenverbrauch und Hinterlassen eines CO2-Footprints. Was aber auch klar ist: Nichtproduzieren ist ­keine Lösung, ebenso wenig wie der Verzicht auf Outdoor. Das Gegenteil ist der Fall. Wer in die Natur hinausgeht, erkennt erst ihre Schönheit und Wunder. Der Spruch „Man muss kennen, was man schützen will“ ist keine hohle Phrase. Wer durch den Spes­sart wandert, schüttelt den Kopf über manch wahnsinniges Straßenbrückenprojekt quer über die schönsten Täler. Illegale Müllhalden, hässliche begradigte Flüsse, abgeholzte Hänge – die Liste lässt sich leider fast unendlich fortsetzen – und das weltweit.

Häufig wird kolportiert, die Outdoor-Industrie habe mehr Verantwortung beim Thema Nachhaltigkeit als andere Industriezweige. Das ist falsch. Die Verantwortung ist überall gleich. Wenn der Kollaps des weltweiten Ökosystems verhindert werden soll, muss jeder Verantwortung übernehmen. Dabei gilt eher: Je weniger nachhaltig eine Industrie ist, desto größer die Verantwortung!

Dennoch fühlt sich die Outdoor-Industrie besonders betroffen. Wenn keine Natur mehr vorhanden ist, wenn Outdoor nicht mehr möglich ist, weil alles verseucht und abgestorben ist, ist auch die Outdoor-Industrie tot. Es steckt auch Eigeninteresse in dem Erhalt der Umwelt. Das ist aber nicht unehrenhaft, sondern Antrieb. Als an­rüchig, unehrenhaft und rückständig muss im Jahr 2012 gelten, wer – egal in welchem Industriezweig – den Profit und den Egoismus des Kapitals höher einschätzt als den Erhalt der Natur. Leider gibt es dafür weiterhin zu viele Beispiele.

Outdoor-Industrie und Umwelt

Die Outdoor-Industrie ist schon frühzeitig zu der Erkenntnis gelangt, dass sie nur mit einer intakten Umwelt existieren kann, Umweltbewusstsein ist quasi ein Stück DNA von Outdoor. Die Fachgruppe Outdoor im Sportartikelverband besitzt seit den frühen 90er Jahren ein Kuratorium Umwelt & Natur, das jährlich Umweltgruppen und -projekte in Deutschland finanziell unterstützt. In Amerika ist die Initiative „1 % For The Planet“ maßgeblich von der Outdoor-Firma ­Patagonia gegründet worden. Bei dieser Initiative verpflichten sich die Mitgliedsfirmen, 1 % ihres Umsatzes im Jahr für ökologische Projekte zu spenden. Und welcher Industrieverband hat drei Jahre nach der eigenen Gründung bereits eine Umweltorganisation ins Leben gerufen? Die European Outdoor Conservation Association (EOCA) hat nach sechs Jahren bereits über 1 Million Euro an dezentrale Umwelt- und Ökologieprojekte gespendet, die zum Teil in einem Internetwahlverfahren von Lesern europäischer Outdoor-Magazine bestimmt werden.

Gesamte Produktion im Fokus

Wichtiger aber: Die Outdoor-Industrie beschäftigt sich intensiv mit ihrer gesamten Produktionskette. Mit Unterstützung der holländischen Multistakeholder-Organisation MadeBy hat die European Outdoor Group (EOG) einen Öko-Index entwickelt, der bei den Rohstoffen ansetzt, über die Entwicklung und Produktion der Produkte geht, bis zum Ende des Produktlebens reicht und dabei die Umwelt- und Energiebilanz transparent macht. Die Firmen können mit diesem Instrument erkennen, wo die Probleme liegen, und mit Hilfe ­einer unabhängigen Gruppe den Prozess nachhaltiger gestalten. Ein Projekt, das aufgrund der Transparenz und externen Überprüfung vorbildlich ist.

Langlebigkeit = Nachhaltigkeit

Outdoor-Produkte gelten als teuer. Richtig ist, dass hochwertige Funktionstextilien oder Ausrüstung eine Menge Geld kosten. Das liegt daran, dass Outdoor-Produkte ­immer eine hohe Funktionalität und eine lange Lebensdauer nachweisen müssen. Was nützt eine Jacke, die auf einer Tour undicht wird und den Träger dadurch in Gefahr bringt, statt ihn zu schützen? Was nützt ein Zelt, das im Sturm keinen Schutz bietet, oder ein Schlafsack, der nicht richtig wärmt, wenn es eisig wird? Outdoor-Produkte müssen robust und haltbar sein – und funktionieren.

Das ist ein klarer Kontrapunkt gegen modernes Wirtschaften, das mehr auf Verschleiß, Abnutzung und Wegwerfen aus­gerichtet ist. Selbst Reparieren ist für viele Firmen außerhalb der Outdoor-­Industrie ein Fremdwort. „Kauf ein Neues, kostet doch nicht die Welt“ gilt weiterhin vielerorts als Maxime. Leider kostet es doch die Welt – zumindest global gesehen und ­unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit. Denn jedes neue Produkt verschlingt Ressourcen und erhöht die Müllberge, kostet Energie, produziert Abwässer, Abluft und womöglich irgendwelche Giftstoffe. Jedes Produkt hinterlässt einen CO2-Abdruck und belas­tet die Umwelt. Langlebige Produkte sind deshalb besser für die Umwelt – und letztlich auch für den eigenen Geldbeutel.

Dennoch: Das Thema Langlebigkeit reicht nicht aus als grünes Gewissen, wenn am Ende das Produkt zu Müll wird und ­Deponien belastet. Statt linearer Wirtschaft – Ressourcenverbrauch, Produkt, Müll – muss das Ziel sein, in einem geschlossenen Kreislauf zu produzieren: recycelter Rohstoff, Produkt, Recycling zu einem neuen identischen recycelten Rohstoff, identisches Produkt und immer so weiter.

Recycling und recycelte Stoffe

Zu Beginn der 90er Jahre gab es mit dem „Ecolog“-Programm ein erstes Recyclingprojekt in der Outdoor-Branche. Das ­Familienunternehmen Vaude vom Bodensee produzierte bereits 1996 sortenreine, recyclingfähige Bekleidung, Rucksäcke und Schlafsäcke. Parallel dazu gab es mit Dyersburg-Fleece auch das erste Produkt aus recyceltem Rohstoff. Sowohl Ecolog als auch Dyersburg müssen heute zwar als gescheitert angesehen werden, sie setzten aber dennoch Maßstäbe und zeigten: Recycling ist möglich.

Die Erkenntnis heute: Produkte aus ­recycelten Stoffen sind ebenso hochwertig wie Produkte aus neuen Rohstoffen. Die Firma Polartec, immerhin Marktführer und Innovator bei funktionellen Fleecestoffen, stellt heute zu über 90 % ihrer Stoffe aus recyceltem Polyester her. Lediglich bei elastischen Stoffen und manchen Polyamidstoffen sei das noch nicht möglich.

Ein anderer Vorreiter bei Recycling ist die schwedische Marke Klättermusen. Keine Firma hat konsequenter auf Recyclingmaterialien umgestellt. Mit recyceltem Polyester, recyceltem Polypropylen und recyceltem Polyamid ist Klättermusen der Recyclingkönig Europas. Dabei gehören ihre Rucksäcke aus recycelten Fischer­netzen zu den robustesten Rucksäcken auf dem Markt. Klättermusen setzt ferner mit einem Pfandrücknahmesystem – ein eingenähtes Etikett ist der Bon – den Anreiz ­dafür, dass abgetragene Produkte tatsächlich zurückgebracht werden.

Wichtig auch: In der Branche gibt es ­firmenübergreifende Initiativen. Durch den EcoCircle von Teijin – ein japanischer Stoffhersteller – wird sortenreines Polyester in einem echten Kreislauf verarbeitet. ­Firmen wie Fjällräven, Haglöfs, Houdini oder ­Patagonia nutzen EcoCircle-Stoffe und ­sogar EcoCircle-Membranen. Auch Eco­Circle ­bemüht sich um ein Rückgabesystem für den Handel. Ein Pfandsystem würde hier sicher für mehr Dynamik sorgen.

Das Gute aus der Natur

Im Kommen sind auch Naturfasern. Anders als beim höchst umstrittenen Bio-Sprit werden dafür keine Wälder abgeholzt.­ Vor allem Produkte aus Merino­wolle haben enorm zugelegt. Dass dabei auch der Tierschutz und teilweise sogar zertifizierte Biolandwirtschaft berücksichtigt werden, zeigt die Nachhaltigkeit dieser Entwicklung. Andere Naturfasern mit sehr funktionellen Eigenschaften wie Seide und Hanf sind prädestinierte nachhaltige ­Fasern. Bei Seide lassen sich ­weder Pestizide noch Insektizide einsetzen, weil sowohl der Maulbeerseidenspinner als auch seine Nahrung geschützt werden müssen, will man Seide „ernten“.

Hanf hat sogar ein natürlich immanentes Insektizid und wird deshalb gerne in Mischkulturen zusammen mit Mais ­angebaut, weil es den weiteren Einsatz chemischer Mittel unnötig macht. Außerdem hat Hanf eine deutlich bessere Wasser­bilanz als Baumwolle. Organische Baumwolle ­reduziert zwar den Einsatz von Pestiziden, Insektiziden und Anti-Foulings, verbraucht aber dennoch etwa 9.000 Liter Wasser für ein Kilo Baumwolle – das ist nicht gerade nachhaltig. Klättermusen ersetzt deshalb Baumwolle durch recyceltes Polypropylen, was für ein Kilo Stoff etwa 0,33 Liter Wasser verbraucht. Bei Naturfasern muss man also genauer hinschauen, ob sie tatsächlich nachhaltig sind oder nicht.

Nicht nur sauber, sondern fair

Labels sollen dem Verbraucher helfen, ­bestimmte Merkmale eines Produktes zu erläutern – und den Verkauf anregen. Auch die Industrie setzt Labels ein, um die Firmenverantwortung (CSR, Corporate Social Responsibility) oder die Nachhaltigkeit unter Beweis zu stellen. Wichtig dabei: Es sollten allgemein anerkannte und nach Möglichkeit durch neutrale Instanzen verifizierte Labels sein. Vor allem firmeneigene Labels haben überhaupt keine Aussage und grenzen eher an Greenwashing – also so zu tun, als ob man nachhaltig sei, statt es wirklich zu werden.

Das Wichtigste an den Labels sind Transparenz und unabhängige Kontrollen. Die Outdoor-Industrie ist bereits ­einige Schritte in Richtung Nachhaltigkeit gegangen. Allerdings sollte einem immer bewusst sein, dass Nachhaltigkeit ein Prozess ist, kein Endzustand. Es gibt insgesamt noch viel zu tun, bis die Branche tatsächlich nachhaltig ist.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 05 / 2012

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