Thor Kunkels Reise zu sich selbst: Alpen statt Apps

„Besser statt mehr“: Für den Schriftsteller Thor Kunkel drei magische Worte. Also erfüllte er sich einen Jugendtraum und kehrte der Großstadt den Rücken. Heute lebt und arbeitet er auf einer autofreien Alp. Und wie macht sich sein neues Leben so?

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Thor Kunkel auf der Terrasse seines neuen Heims im Schweizer Kanton Wallis.
© Hagen Schnauss

Text: Carolin Katharina Müller

Thor Kunkel ist jetzt im dritten Jahr. Berge und nochmals Berge, hohe Berge und noch höhere Berge und dazwischen die „längste Eisbahn Europas“, der 15 Kilometer lange Große Aletschgletscher. Und sonst? „Natur. 200 Sonnentage im Jahr. Ruhe“, erzählt Kunkel. Drei Jahre Lesen und Schreiben und Arbeiten in einem hübschen Vierzimmerholzhäuschen im Kanton Wallis, knapp eine Stunde von Sion, der nächstgelegenen größeren Stadt entfernt, zwischen einem kleinen Abhang und einer jenseits der Tannen gelegenen, unendlich langen Bergkette, wo abends Zugvögel auf ihrem Zug nach Süden rasten und ein geduldiger Steinadler den ganzen Sommer über allein auf Beutesuche geht.

So sieht das neue Leben des Bestsellerautors („Endstufe“, „Ein Brief an Hanny Porter“, „Subs“) aus – grob umrissen. Ursprünglich reiste er jeden Sommer ins Wallis, um etwas gegen sein Asthma zu tun. Die Sommer hier sind trocken, die Luft fast keim- und staubfrei. „Ich erinnere mich, dass ich mich eines Nachmittags auf eine Wiese legte und in der Sonne einschlief. Als ich gegen Abend wieder erwachte, war mein Asthma so gut wie weg“, sagt Thor Kunkel. Das berühmte Schlüsselerlebnis? Bestimmt eines von vielen.

Als er und seine Frau fast zehn Jahre später, nach zehnjähriger Vorbereitungszeit, die Genehmigung erhalten, in der Schweiz, nur wenige Kilometer vom Grossen Aletschgletscher entfernt, ein Haus zu bauen, sind sie der einen großen Frage ganz nah: „Ist es möglich, mit seinem Leben etwas Sinnvolles anzufangen?“

Es brauchte Zeit, mit den Schwierigkeiten fertig zu werden, die diese Entscheidung nach sich zog, es brauchte Zeit und die Geduld eines Steinadlers, um die Sehnsüchte nach den Dingen, die Kunkel hinter sich gelassen hatte, zu besiegen. „Alle Brücken hinter sich abzubrechen, ist tatsächlich nicht leicht. Andererseits bleibt man via Computer, Telefon und anderen Medien mit der Welt, die man kannte, verbunden“, berichtet er. Nach drei Jahren hat er ein solches Geschick dafür entwickelt, jeden seiner Tage mit selbstbestimmtem Sinn und Zweck zu füllen, dass es in dem scheinbar ereignislosen Leben, für das er sich entschieden hat, keine Langeweile gibt. „Sicher, man vermisst seine guten Freunde, aber man gewinnt hier oben auch mehr von der viel gelobten ‚Quality Time‘ für sich selbst“, berichtet Kunkel.

Die harte körperliche Arbeit – das Schneeschippen im Winter und das Holzhacken im Sommer – ist keine Erlösung von der Stille, sondern so etwas wie ihre Konkretisierung: Wenn Thor Kunkel täglich ein, zwei Stunden im Haus oder auf der Terrasse den Hammer oder die Axt schwingt, beraubt ihn das nicht der Stille – vielmehr ist seine Arbeit die Verwirklichung der Stille.

Im Sommer treibt er fast täglich mindestens eine Stunde Sport: „Das heißt, manchmal springe ich von meinem Schreibtisch auf und laufe einfach hinaus in die Natur“, so Kunkel. „Das ist für mich der größte Luxus, den man sich vorstellen kann. Einfach jederzeit nach ein paar Schritten schon auf einem Bergpfad zu stehen und draufloswandern zu können.“ Auch in den kälteren Monaten wandert er, nachdem er den Vormittag mit Arbeit am Schreibtisch verbracht hat und sofern der Schnee es erlaubt, fast jeden Nachmittag mit seinen Schneeschuhen ein paar Stunden auf dem Aletsch-Plateau. Thor Kunkel ist jetzt 51 Jahre alt, er ist gesund und fit, er arbeitet hart – und er weiß, worauf es ankommt. Hier oben muss er es wissen.

Am Anfang war die Panik

Das Geheimnis, wie man mit einem Minimum an Überdruss und Ödnis ein Leben im Trubel der Großstädte führt, besteht darin, so viele Leute wie möglich dazu zu bringen, die eigene Verblendung zu teilen. Die Stille zu organisieren: Das ist der Trick, den man beherrschen muss, wenn man abgeschottet im Wallis lebt, weit entfernt von den Verstrickungen, Verführungen und Erwartungen der Stadt. Den Überfluss der Stille, der sich hier oben breitmacht, als Kapital zu betrachten, die Stille als einen Reichtum anzunehmen, der exponentielll zunimmt. Wie schafft ein Mensch das? „Meine Frau hat sich zunächst richtig Sorgen gemacht. Sie ist viel mehr Stadtmensch als ich. Außerdem liebt sie das Meer und die Wärme, beides findet man hier oben auf 2.000 Metern recht selten“, erinnert sich Kunkel. Vor allem der viele Schnee habe sich anfangs als echtes Problem entpuppt. Sieben Meter waren es im ersten Jahr. „Ich weiß es nicht hundertprozentig, aber zu dieser Zeit sah ich ab und zu echte Panik in ihren Augen.“ Inzwischen hat auch Gerda Kunkel ihren eigenen Rhythmus gefunden. Sie pendelt zwischen Amsterdam, Berlin und der Schweiz, besucht ihre Mutter, ihre Schwester oder auch mal Kunden, für die sie arbeitet. Sie illustriert seit zehn Jahren für Magazine im Yoga- und Lifebalance-Bereich und entwickelt Webdesigns für Psychologen und Yoga-Schulen. „In Ihrer Arbeit ist sie wieder vollkommen aufgeblüht. Und wichtig ist ja auch, was dabei herauskommt. Hier oben liest es sich einfach besser und schreibt es sich ungestörter.“

Alles neu – und doch nicht

Ihr „Raumschiff aus Holz“, wie die Kunkels ihre neue Bleibe liebevoll nennen, haben sie selbst geplant und gebaut, gemeinsam mit einer auf Holzbau spezialisierten Firma. „Ein Abenteuer, das man nicht zweimal machen will“, meint Kunkel, „Ohne meine Frau hätte ich das nie geschafft. Sie hat zeitweise die Baustelle geleitet und auch sonst richtig mit angepackt.“ Vor allem habe sie ihn immer wieder daran erinnert, fest an seinen Traum zu glauben.

Nach Brig im Kanton Wallis fahren die beiden mindestens einmal pro Woche, ebenso nach Sion oder Sierre. „Das Rhone­tal ist eigentlich immer eine Reise wert, vor allem ist es unten auch immer zehn, fünfzehn Grad wärmer als bei uns auf der Alp“, schmunzelt Kunkel. Hinzu kommen weitere Reisen nach Berlin. Im letzten Dezember schrieb Thor Kunkel ein Hörspiel für Mercedes Benz, das inzwischen mit Christoph Maria Herbst vertont wurde. Solche Aufträge halten ihn auf Trab. Außerdem ist er freiberuflich für eine Berliner Filmproduktion tätig und aktuell mitten in der Produktion für einen Kinofilm mit Matthis Landwehr.

„Die Stadt ist mir komischerweise wieder sympathischer geworden. Es ist alles so aufregend wie früher in London oder Amsterdam, wo ich ja über zehn Jahre gelebt habe“, meint Kunkel. Und doch – jedes Mal, wenn er in Berlin landet, habe er den Eindruck, als „Hologramm“ durch die Stadt zu schwirren. Es dauere immer eine Weile, bis er die Stadt wieder als so real empfinde wie die Natur und die Berge.

Ein vollkommen neues Leben in jeder Hinsicht führen Thor und Gerda Kunkel allerdings nicht. So hätten sie selbst darüber gestaunt, dass im neuen Heim nahezu dasselbe wie in der Stadt auf den Tisch kommt. Dafür sorgen zwei kleinere, aber gutsortierte Supermärkte auf den Nachbaralpen. „Sie haben frisches Gemüse, frische Eier und frische Milch. Alle Grundnahrungsmittel sind vorhanden. Alles andere holen wir aus dem Tal“, erklärt Kunkel. Dafür ist anderes umso überraschender. Bergdohlen, Murmeltiere, Hirsche, Rehe, Gemsen, ein Fuchs und ein Dachs sind jetzt die nächsten Nachbarn des Aussteigers, der sich eher wie ein „Einsteiger in die Wirklichkeit“ fühlt. „Und weiß Gott, ich habe diese Tiere inzwischen richtig liebgewonnen“, grinst er. „Hätte das nie gedacht, dass ich mich bei Schnee um sie sorge.“ Die Tiere scheinen ihrerseits zu spüren, was sie an dem Exil-Schriftsteller haben. „Die Dohlen sind inzwischen so zutraulich geworden, dass sie mir Brotkrumen aus der Hand picken.“

Besteht so überhaupt noch die Möglichkeit, das Experiment des radikalen Rückzugs in ein reiches, erfülltes, allein gelebtes Leben umzukehren, in irgendeiner Stadt dieser Welt wieder auf Null zu gehen? „Wir dürfen hier endlich im Zyklus der Natur leben, nehmen die Jahreszeiten viel stärker wahr“, sagt der Schriftsteller. In diesem Zusammenhang spüre man sich selbst am allermeisten. „Wir haben keine Ewigkeit, aber viele Lebewesen haben eine noch kürzer bemessene Zeit. Ich möchte nicht dramatisch klingen, aber die Berge erinnern mich fast täglich daran, dass man das Beste aus einem schönen Tag machen sollte“, philosophiert er. Was vergangen ist, ist vergangen. Es ist eben genau dieses Leben, dem er den Rücken zugekehrt hat: einem fremdbestimmten Leben.

„Glaub mir, alles wird gut“

So ist die Stille, die die beiden umgibt, heute eine willkommene Vertraute – die Quelle eines Vorteils, den man gegenüber anderen genießt. Die Kunst besteht darin, so konstatierte der amerikanische Autor Nathaniel Hawthorne seinerzeit, Rückhalt zu finden im „Verkehr eines einsamen Geistes mit sich selbst“.

„Ich muss zugeben, an manchen Tagen fällt die Entsagung trotzdem auf. Andererseits werde ich ununterbrochen für meinen Schritt belohnt“, erzählt Kunkel. Da sei plötzlich diese wunderschöne große Mutter Natur, die einen tagtäglich an sich drückt und ganz leise sagt: Glaub mir, du bist nie mehr allein – und alles wird gut. „Man sollte bereit sein, dafür auf das eine oder andere zu verzichten.“

Und ein Lieblingsplatz? „Die Natur. Die Berge. Der Gletscher. Im Sommer kommen noch die ausgedehnten und blühenden Matten hinzu. Das Dunkelgrün der Tannen vor dem seidenblauen Himmel. Ganz ehrlich, was will man mehr?“

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Die Kunkels: Thor mit seiner Frau Gerda in der heimischen Küche.
© Hagen Schnauss

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 04 / 2014

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