Update 2: Warum Ausmisten so verdammt schwierig ist!

Seit meinem letzten Post vor rund vier Wochen bin ich weiter gut auf dem Jakobsweg in Frankreich vorangekommen. Insgesamt habe ich jetzt 700 km geschafft. In wenigen Tagen erreiche ich die Stadt Le-Puy-en-Velay und habe dann ein Drittel des Weges nach Santiago de Compostela geschafft.

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Taizé nördlich von Cluny: Die dortige Gemeinschaft ist über einen Nebenweg des Jakobsweges erreichbar. Andreas Tomsche hielt sich zwei Tage dort auf.
© Andreas Tomsche
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Pilgerherberge in der Burg.
© Andreas Tomsche

Gesundheitlich geht es mir bestens, d. h. keinerlei Blasen, Muskelkater oder sonstige Beschwerden. Mittlerweile ist das Wandern hier in berauschender Natur eher zur täglichen Sucht geworden. Erreiche ich einmal eine größere Stadt, so empfinde ich den Trubel erst mal als nervig und zu viel. Nach einigen Stunden kann ich dann auch das Stadtleben wieder genießen, zumal ich ja weiß, ich wandere bald wieder. Seit ca. zwei Wochen laufe ich gemeinsam mit einem deutschen Pilger, den ich hier kennengelernt habe. Nach der wochenlangen Zeit des Single-Pilgerns ist der gedankliche Austausch mit einem anderen Pilger, der auch Deutsch spricht, wirklich bereichernd.

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Markttreiben in Montbrison (Loire)
© Andreas Tomsche

Was gibt es noch zu berichten? Als Pilger wird man von den Franzosen mit einer ungeheuren Hilfsbereitschaft empfangen. So bin ich von einer Frau auf einen Kaffee in ihr Haus eingeladen worden, einfach weil ich sie nach einer Bar in ihrem Wohnort gefragt habe. Beim Abschied gab es dann noch eine Tüte Kirschen obendrauf. Oder man wird von Anwohnern in den Garten gebeten, weil man direkt vor ihrem Haus eine Pilger-Pause eingelegt hat. Natürlich bei kaltem Saft und Wasser. Insgesamt läuft hier in Frankreich alles eine Nummer entspannter ab. Ich sitze gerade vor einem Café, es ist Samstag und Markt. Die Tische und Stühle sind zwischen den parkenden Lieferwagen der Marktbeschicker platziert. Die neu ankommenden Franzosen herzen und busseln sich zur Begrüßung in aller Ruhe, bevor sie sich überhaupt setzen. In Deutschland hätte man in derselben Zeit mindestens schon einen Kaffee getrunken. Außerdem gibt es hier – außer mir, aber ich bin ja auch Deutscher – so gut wie keine „virtuellen Autisten“, also Leute, die im Café vor ihrem Laptop sitzen und nicht mitkriegen, was um sie herum passiert. Auch das ist im oft hektischen Deutschland anders, in dem auch die Wartezeit im Café effizient genutzt werden muss. Hier wird viel mehr miteinander kommuniziert, anstatt auf Handy oder Laptop herumzudaddeln.

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Pilger-Romatik: Schlafen unterm Sternenhimmel.
© Andreas Tomsche

Beim Wandern bzw. Pilgern gibt es sehr wenige Regeln. Eine davon lautet: „Je weniger Sachen man mit sich herumschleppt, desto mehr kann man das Laufen in der Natur genießen!“ Also lautet die spannende Frage, was lasse ich alles zu Hause bzw. was kann ich heimschicken? Leider sind wir genau auf das Gegenteil „gepolt“. Wir kennen das aus der Politik: Alles muss wachsen (Wirtschaft, DAX, Haushalt). Auch aus dem privaten Bereich kennt das jeder: Man zieht in eine neue, größere Wohnung. Zu Beginn sind dort die Ecken und Schränke noch leer. Wenn man einige Jahre später auszieht, wundert man sich, was sich alles angesammelt hat. Der durchschnittliche Mensch ist halt, wie schon in der Steinzeit, ein Sammler! Meine Aufgabe als Pilger und Langzeitreisender besteht in der Gewichtsreduzierung. Vor allem bei der Kleidung will ich noch „ausmisten“, um den Genuss beim Laufen weiter zu steigern. Aber wie viele Hosen, T-Shirts und Pullover brauche ich vor allem in den raueren Gefilden wie Patagonien (Wind, Regen) und auf dem Pacific Crest Trail (Hitze, Kälte)? Und dieses Minimieren ist verdammt schwer, weil es das genaue Gegenteil von dem gewohnten Leben im Überfluss zu Hause ist. In diesem Denkprozess stecke ich gerade. Mehr dazu in meinem nächsten Update.

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Andreas Tomsche ist kürzlich auf einen Carrix-Transporter umgestiegen. Der Lauf-Genuss habe sich dadurch deutlich verbessert.
© Andreas Tomsche

Zum Schluss noch ein Zitat, das ich in einem Buch entdeckt habe und das zum Thema Ausmisten passt: „Eine Sache ist nicht dann perfekt, wenn man nichts mehr hinzufügen kann, sondern dann, wenn man nichts mehr weglassen kann!“

Euer Andreas Tomsche

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