Vom Dach der Welt zum Dach Tirols

Im Pitztal lässt sich erleben, wie die NepalHilfe Tirol sinnvolle Entwicklungsarbeit leistet. Und auf sportliche Wanderer wartet mit der 3.768 Meter hohen Wildspitze der höchste Gipfel des Bundeslandes.

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Aufstieg am frühen Morgen, der Sonnenaufgang strahlt die Berge an – noch hält das Wetter. Die Frage ist nur: Wie lange?

Text & Fotos: Günter Kast

Kale Lamas Stimme wird brüchig, Tränen schießen ihm in die Augen. Der 34-Jährige vom Volk der Sherpa, aufgewachsen am Fuß des Mount Everest in Nepal, soll erzählen, wie es ihm so ergeht als Saisonarbeiter auf dem Taschachhaus (2.434 m) im hintersten Winkel des Pitztals. Doch jetzt übermannen ihn die Gefühle. Er muss an seine Heimat denken, wo seine kleine Familie lebt, wo seine Frau gerade ihr zweites Kind erwartet. An Freunde und Bekannte, die von einer Chance, wie er sie erhalten hat, nur träumen können. An die vielen Opfer des verheerenden Erdbebens vom 25. April 2015, bei dem auch seine Familie Verletzte und Tote zu beklagen hatte. Christoph Eder, der Hüttenwirt des Taschachhauses, springt dem schmächtigen, kaum 60 Kilo schweren Mann bei und erklärt, warum dieser in der Tiroler Bergwelt gelandet ist. Das „Sherpa-Projekt“ ins Leben gerufen hat Wolfgang Nairz (72), der Gründer der NepalHilfe Tirol. Nairz stand 1978 als erster Österreicher auf dem höchsten Berg der Welt, war damals Expeditionsleiter, als Reinhold Messner und Peter Habeler wenige Tage später erstmals ohne Sauerstoff den Gipfel erreichten. Seither hat ihn Nepal nicht mehr losgelassen. Rund 90 Mal reiste er in den Himalaya-Staat – zuerst zum Bergsteigen, später zum Helfen. Das bettelarme Land wurde ihm zur zweiten Heimat. Doch Nairz war es immer schon wichtig, dass die Menschen dort lernen, sich selbst zu helfen. Und deshalb gründete er vor zwölf Jahren das „Sherpa-­Projekt“, in dessen Rahmen jeden Sommer zwei bis drei Dutzend Sherpas als „Saisoniers“ auf ­Tiroler Alpenvereinshütten, Almen und Berggasthäusern aushelfen. „Mit 5.000 bis 7.000 Euro verdienen sie dabei in vier Monaten ein Vielfaches der Löhne zuhause. Ein Lehrer muss dafür zwei Jahre arbeiten“, erklärt Eder. „Aber was noch wichtiger ist: Sie lernen, wie man eine Hütte ­bewirtschaftet und was westliche Touristen sich wünschen. Nach ihrer Rückkehr haben sie dann das Knowhow und das Geld, um selbst eine Trekking-Lodge betreiben zu können.“

Ohne Kalle geht nichts

Eder und seine Frau Barbara Klingseis nehmen bereits sein zehn Jahren an dem Projekt teil. Sie gehen gern Wandern und Bergsteigen in Nepal und suchen sich dort ihre künftigen Mitarbeiter selbst aus. Kale Lama habe zuerst als einfacher Lastenträger geschuftet, sich zum Koch hochgearbeitet. Später wurde er Guide, führte ein Team von Trägern. „Wir haben gesehen: Der ist ehrgeizig, hat Potenzial“, erzählen die Wirtsleute. Am Ende der ersten Saison in Tirol hätten sie ihn gefragt: „Was machst Du mit dem Geld?“ Er musste ihnen versprechen, zuhause ein Spracheninstitut zu besuchen und Englisch zu lernen. Eder und Klingseis sehen sich eben auch als Coach, widersprechen vehement, wenn ihnen jemand vorwirft, sie suchten nur billige Arbeitskräfte. „Am Anfang ist das mehr eine Art Unterricht“, erklärt Eder. „Kartoffeln schält man bei uns eben nicht auf dem Fußboden. Und ein Stabmixer geht kaputt, wenn man ihn samt Motor in die Spülmaschine stellt.“ Dafür habe er ­einen bärenstarken Mitarbeiter bekommen, der es gewohnt sei, schwerste Lasten zu tragen, und der beherzt anpacke, wenn es nötig sei: „Einmal versiegte zur Abendessen-Zeit unsere Quelle. Zusammen mit Kale Lama und einem Sherpa-Kollegen schleppten wir ein gut 100 Kilo schweres Rohr auf 3.000 Meter hinauf. Kurz nach Mitternacht hatten wir wieder fließendes Wasser. Ohne Kale hätten wir unsere ­Gäste ins Tal schicken müssen.“ Alle applaudieren und sind gerührt, als sie diese Geschichte hören. Dem schüchternen Nepali ist es sichtlich peinlich. Er ist unfreiwillig zum Star der ganzen Veranstaltung geworden – obwohl sich neben dem früheren Extrembergsteiger Nairz durchaus noch andere prominente Gäste auf dem Taschachhaus eingefunden haben. Nairz hat seinen Freund Tashi Tenzing Sherpa mitgebracht, den Enkel jenes Tenzing Norgay Sherpa, der zusammen mit Edmund Hillary 1953 als Erster auf dem Gipfel des Everest stand. Auch Tashi selbst erreichte dreimal den höchsten Punkt der Erde. Und er ist ebenso wie Nairz offiziell ernannter Tourismusbotschafter Nepals. Sie sollen helfen, wieder mehr Besucher ins Land zu bringen. Nach dem Erdbeben waren die Gästezahlen stark zurückgegangen, obwohl 75 Prozent Nepals von der Katastrophe gar nicht betroffen waren. Beide beschreiben sie, wie sie das Erdbeben erlebt haben. „Ich war im Everest-Gebiet wandern, als es passierte“, erzählt Nairz. „Zwei lange Minuten wackelte die Erde. Als wir zu unserer Lodge für die Nacht kamen, rannte uns der Besitzer schon entgegen. Er entschuldigte sich dafür, dass er uns kein Dach über dem Kopf bieten kann. Sein Gästehaus war vollständig zerstört.“ Tashi fuhr gleich nach dem Beben in die Berge nördlich von Katmandu, um sich ein Bild zu machen: „Im Fluss trieben Leichen, es war schrecklich.“

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Wolfgang Nairz und Tashi ­Tenzing Sherpa engagieren sich für die Erdbebenopfer in Nepal.

Eine zufällige Bekanntschaft

Nairz und Tenzing telefonierten sich sofort zusammen und organisierten mittels der NepalH­ilfe Tirol die ersten Lebensmittellieferungen. Später bauten sie die beschädigten Schulen wieder auf, verlegten zerstörte Wasserleitungen neu. Mehr als 340.000 Euro haben sie dafür eingesammelt. Sie dokumentieren für die Spender penibel, wofür sie das Geld einsetzen. „Inzwischen sehen wir Licht am Ende des Tunnels“, sagt Tashi Tenzing. „Wir sind ein starkes, stolzes Volk.“ Wenn man ihn so leidenschaftlich sprechen hört, merkt man, wie sehr ihn das Schicksal seines Landes umtreibt, wie sehr ihn die korrupten Politiker nerven. Der verpasste Gipfel wird da zur Nebensache. Denn eigentlich wollten Nairz und Tenzing vom Pitztal aus gemeinsam auf die Wildspitze steigen, den mit 3.768 Metern höchsten Berg Tirols. Dem geplanten „Gipfeltreffen“ angeschlossen hatte sich der ebenfalls aus dem Pitztal stammende Skirennläufer Benni Raich – Doppel-Olympiasieger, dreimaliger Weltmeister und Gesamtweltcupsieger. Raich war 2001 auf einem Trek in Nepal unterwegs, als er dort zufällig mit Nairz Bekanntschaft machte und sich für dessen Hilfsprojekte zu interessieren begann: „Man lernt dort sehr viel, sieht mehr als die hohen Berge“, sagt Raich, der im Sommer noch nie auf der Wildspitze war und sich mächtig auf die Tour mit Tenzing und Nairz gefreut hatte. Aber: In den Alpen geht eben nicht alles nach Plan, das Wetter brät auch für ein prominentes Trio keine Extrawürste, und manchmal gewinnt der Berg auch gegen einen Sherpa. Obwohl der Normalweg auf die Wildspitze nicht schwierig ist (siehe Textkasten), mussten die drei auf etwa 3.200 Meter umkehren, weil eine Schlechtwetterfront den Aufstieg zu gefährlich machte. Sie „flüchteten“ über den wild zerfurchten Taschachferner ins Taschachhaus, wo sie von Christoph Eder und seinem Team „erstversorgt“ wurden. Zum Aufwärmen gab es Dal Bhat, das nepalesische Nationalgericht aus Reis, Linsen und Gemüse, das auf der Hütte zu den Klassikern gehört, seit hier Sherpas aushelfen – natürlich frisch zubereitet und serviert von Kale Lama. Wer diesen Sommer auf die Hütte kommt, wird ihn dort jedoch nicht mehr finden, sondern schon seinen Nachfolger. Seit sich immer mehr Flüchtlinge auf den Weg nach Europa machen, sind die österreichischen Behörden strenger geworden, erklärt Nairz. „Die Sherpas dürfen maximal vier Sommer lang kommen, jede teilnehmende Hütte darf nur noch einen einzigen Nepali beschäftigen. Und die Bewilligung der Visumanträge ist ein bürokratischer Marathon.“ Trotzdem arbeite man eng mit der Landesregierung in Innsbruck zusammen, die das Projekt unterstütze. Um Kale, versichert der Hüttenwirt, müsse man sich aber keine Sorgen mache. Er sei regelmäßig mit ihm in Kontakt. Er habe im Katmandutal ein kleines Grundstück gekauft. Und wer weiß, vielleicht eröffnet er schon bald eine eigene Lodge im Khumbu-Tal zu Füßen des Everest. Dort könnte er dann Trekker aus Europa bewirten – die sich, so der fromme Wunsch der Pitztaler Tourismusmanager, hoffentlich bei einer Tour auf die Wildspitze für das Abenteuer akklimatisiert haben.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 03 / 2017

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