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Wanderer Wildkatze: Rettungsnetz für Räuber

Wildkatzen schlichen früher überall durch unsere Wälder. Städte und Äcker nehmen ihnen immer mehr Revier, Autobahnen schneiden ihnen die Wanderwege ab. Ein Netz aus grünen Hecken soll die inselartigen Lebensräume künftig wieder miteinander verknüpfen und die seltenen Jäger retten.

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Sympathieträger: Ein so eng mit ­unseren beliebten Hauskatzen verwandtes Raubtier wollen die Menschen retten – hier im Wildkatzendorf Hütscheroda.
© Thomas Stephan/Munderkingen

Ein kurzer Blick zur Seite, dann springt das Fellknäuel in zwei eleganten, lautlosen Sätzen auf einen Ast. Dunkle Ringe zeichnen den buschigen Schwanz mit der schwarzen Spitze. Mit gespitzten Ohren balanciert das Tier hoch oben, späht aufmerksam zum Boden. Ob sich dort vielleicht eine Maus fangen lässt? Eine solche Szene in freier Natur zu beob­achten, ist sehr unwahrscheinlich. Größere Chancen bestehen im Wildkatzendorf Hütscheroda am Südostrand des Nationalparks Hainich. In Deutschlands größtem zusammenhängendem Laubwaldgebiet leben etwa 40 Wildkatzen. Die vier Kater im Schaugehege „Wildkatzenlichtung“ stammen allerdings aus Wildparks. Nein, sie sind keine davongelaufenen, verwilderten Hauskatzen. Wildkatzen lebten schon in unseren Wäldern, bevor die Römer Hauskatzen mit über die Alpen brachten. Sie sind größer, scheuer und wilder als unsere Stubentiger. Und dennoch haben sie es schwer.

Wald-Insel-Hopping

Die vier Samtpfoten in der „Wildkatzenlichtung“ arbeiten quasi als Botschafter für ihre Spezies. Durch sie bekommt die scheue, im Verborgenen lebende Tierart ein Gesicht. Und der Mensch schützt ja bekanntlich lieber, was ihm vertraut ist. Zwar schätzen Experten, dass etwa 3.000 bis 5.000 Wildkatzen durch waldreiche deutsche Mittelgebirge wie Eifel, Hunsrück, Kellerwald, Harz und Hainich streifen. Dennoch gilt ihr Bestand hierzulande als stark gefährdet. Als wandernde Tierart beansprucht ,Felis silvestris‘ sehr große Reviere. Ein Kater – oder Kuder, wie Jäger sagen – benötigt etwa 20 Quadratkilometer. Am liebsten an Waldrändern. Dort trauen sich die scheuen Jäger aus der Deckung von Bäumen, Gebüschen und Hecken hervor, um Mäuse, manchmal auch Kaninchen, Eidechsen und Frösche zu fangen. Je mehr Wiesen und Lichtungen den Wald durchdringen, desto tiefer stoßen sie ins Innere vor. Doch liegen die Wälder in Deutschland meist wie Inseln in einem Ozean aus kahlen Äckern und Städten. Zudem schnüren die Linien der über 50.000 Kilometer Autobahnen und Bundesstraßen infrage kommende Territorien unüberwindbar voneinander ab. Verbindungswege fehlen. Die Exemplare einzelner Wildkatzen-­Lebensräume bleiben unter sich. Mangelnder genetischer Austausch gefährdet das Überleben der gesamten Art.

Die einzige Chance, damit die Räuber auch künftig noch durch unsere Wälder schleichen, liegt darin, bestehende und mögliche Lebensräume wieder miteinander zu vernetzen: ­Grüne Korridore pflanzen, die ausreichend Schutz bieten. Grünbrücken bauen, die Blockaden wie Autobahnen und Bahntrassen überwinden. Nur so können isolierte Wildkatzen wieder wandern und den sicheren Sprung auf die nächste Waldinsel schaffen. Ihren Spuren würden sicher viele weitere Arten folgen. Seit 2004 arbeitet der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) an einem Rettungsnetz für die Wildkatze. Ein Team aus Biologen und Landschaftsplanern erarbeitet den länderübergreifenden Wildkatzen-Wegeplan. Auf 20.000 Kilometern – inklusive der Strecken innerhalb der Wälder – sollen junge Wildkatzen eines Tages wieder vom Hunsrück in den Hainich und vom Bayerischen Wald ins Rothaargebirge wandern, um ein neues Revier zu finden. Bis es so weit ist, müssen nicht nur viele Bäume gepflanzt, sondern auch erfolgreiche Verhandlungen mit vielen Landbesitzern geführt werden.

Baldriantee fürs Fotoshooting

Wo die Wissenschaftler Wild­katzen vermuten, trän­ken sie aufgeraute Eichenpfähle mit Baldrian­tee und Katzenminze. In einem Loch am oberen Ende steckt ein Plastik­röhrchen mit weiterem Köder. Die Katzen reiben sich gern an den Stöcken, wie Bilder aus Fotofallen beweisen. Auf manchen Aufnahmen umarmen die Tiere solche Lockstöcke geradezu. Dabei ­bleiben Haare an den Pflöcken hängen, die als Probe ins Gen­labor wandern. Die Ergebnisse der Analysen unterscheiden sicher zwischen Haus- und Wildkatzen. So enttarnen die Forscher Aufenthaltsorte der heimlichen Nachtjäger, ohne diese zu stressen. Jüngst wurden mit der Methode elf Wildkatzen im Kottenforst bei Bonn „entdeckt“. Auf diese Weise prüfen die Wildkatzenretter auch, ob die kleinen Tiger angebotene Korridore erreichen und nutzen. Das Forschungsinstitut Senckenberg baut aus analysierten Haarproben und Kadavern eine bundesweite Wildkatzen-Gendatenbank auf. Auf einer einheitlichen Karte verzeichnen die Experten von Wildkatzen bewohnte Gebiete ebenso wie Wälder, die zwar als Lebensraum infrage kommen, in denen aber bislang keine Tiere beobachtet wurden. Computerprogramme modellieren mithilfe von Informationen über Berge, Gewässer, Ortschaften und andere geografische Wildkatzenhindernisse die günstigsten Wanderrouten – die Grundlage für das Rettungsnetz der Wildkatzen.

In Thüringen ist nun ein rund 20 Kilometer langer Wildkatzenkorridor fertig: Zwischen dem Südostrand des Nationalparks Hainich und der Waldinsel Hörselberge säumen seit 2007 Hecken aus Weißdorn, Schlehe, Holunder und Hartriegel die Mitte aus Esche, Linde und Ahorn. Im Herbst rief der BUND Freiwillige auf, beim Pflanzen des zweiten Abschnitts zu helfen. Rund 10.000 Bäume schließen seit November die Lücke vom Ostrand der Hörselberge zum Nordrand des momentan wildkatzenfreien Thüringer Walds. Es kann also nicht mehr lange dauern, bis die Wildkatzen vom Hainich aus den Thüringer Wald als Revier zurückerobern!

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Drahtseilakt: Dank der Kater im Schau­gehege nehmen die im Verborgenen lebenden, bedrohten ­Artgenossen Gestalt an.
© Thomas Stephan/Munderkingen

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2014

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