Werfenweng in Österreich: Umweltschutz für alle

Die Gemeinde Werfenweng in Österreich lockt mit ihrem Modellprojekt zur „sanften Mobilität“ besonders umweltbewusste Gäste. Der autofreie Aufenthalt soll aber vor allem eines sein: komfortabel.

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Stolz: Der Werfenwenger Bürgermeister Dr. Peter Brandauer vertritt das Ortskonzept des autofreien Urlaubs mit Leidenschaft. © Possegger Josef, Marnie Schmitt, PR, www.bernhardbergmann.com

Abschalten, entschleunigen, Hektik hinter sich lassen – das Hauptziel der meisten ­Urlauber. Doch was, wenn man wirklich mal „abschaltet“ – und zwar den Motor? Dann hilft man nicht nur sich selbst, sondern auch der Umwelt. Das dachte sich auch die österreichische Gemeinde ­Werfenweng, als sie den Entschluss fasste, ­Modellort für sanfte Mobilität zu werden.

Der Schwerpunkt des Urlaubsortes im Salzburger Land liegt darauf, den Gästen einen komplett autofreien und trotzdem komfortablen Urlaub zu ermöglichen.

Dr. Peter Brandauer, Bürgermeister der Gemeinde, erklärt die Anfänge: „Ursprünglich war es ein wirtschaftlicher Aspekt, der uns zu diesem Projekt geführt hat. ­Anfang der 90er Jahre sind die Gästenächtigungen zurückgegangen. In einem ­Ortsleitbild wurde dann die Idee eines ­autofreien Werfenweng festgehalten.“

Auf den Lebensraum schauen

Der Grund für diese Entscheidung lag für ihn auf der Hand: „Alpiner Umweltschutz hat enorm an Bedeutung gewonnen. ­Vielen Menschen ist mittlerweile bewusst geworden, dass wir auf unseren Lebensraum schauen müssen. Vor allem durch Verkehr werden die Alpen stark belastet und verlieren so an Attraktivität.“

Mit dem Projekt soll aber nicht nur die Werfenwenger Naturkulisse an der Südseite des Tennengebirges geschützt, sondern auch Lebensqualität für Einheimische und Gäste gewonnen werden. Dazu werden umweltverträgliche Technologien wie Solarstrom, Elektroautos und Biogas genutzt. So werden etwa Gäste, die ohne Auto anreisen, mit besonderem Service der 45 teilnehmenden Herbergen und Hotels bedacht: Fahrplanerstellung, Ticketkauf, Bring- und Holservice und die SAMO-Card (für sanfte Mobilität), mit der Gäste all dies kostenlos nutzen können. Die erhalten auch „Auto-Anreiser“ – allerdings nur, wenn sie ihren Schlüssel zu Beginn der Ferien in der Tourist-Info abgeben!

Vor Ort sorgen das Werfenweng-Shuttle und ein Chauffeurdienst für Mobilität – handy­losen Gästen wird sogar ein Telefon gestellt, damit sie diese nach Lust und Laune bestellen können. Und wer das Selberfahren vor Ort nicht missen will, für den stehen Elektro­autos bereit – mit Strom aus Sonnenenergie. Sind sie ausgebucht, kann man auf Fahrzeuge, die mit Biogas aus Wiesengras betrieben werden, ausweichen.

Service für Umweltschützer

Klar, dass dies hohe Anschaffungskosten mit sich bringt: Bei den benötigten 25.000 Euro für die Elektroautos halfen EU-Fördermittel, Werfenweng brachte aber immer noch rund 19.000 Euro aus Eigenmitteln auf. „Das ­Angebot wird in erster Linie mit einem Beitrag der SAMO-Betriebe bezahlt. Das sind derzeit 70 Cent je Übernachtung, egal, ob der Gast das autofreie Angebot nutzt oder nicht. Die Gäste, die sich dafür entscheiden, zahlen einen Verwaltungskostenbeitrag von acht Euro“, erklärt Dr. Brandauer.

Auch die teils elektrobetriebenen Fun-Fahrzeuge wie Segways, E-Bikes oder E-­Mofas, Liegeräder, Mountainbikes, Tandems oder das „Gaudiradl“ für sieben Personen verschlangen einige Anschaffungskosten. Sie waren aus Sicht der Projektleiter ebenso notwendig, denn dadurch begeistert der Ort nicht nur umweltbewusste Gäste, sondern auch Familien. Sie sollen die Erlebnis­angebote nutzen, die inklusive sind: Pferdeschlittenfahrten, Ausflüge, Lamatrekking, Schneeschuhwanderungen und Langlauf sind dabei. Dr. Brandauer: „Umweltverträgliche Urlaubsangebote müssen auch Spaß machen. Ein E-Fahrzeug zu testen oder mit der Pferdekutsche durch die Natur zu gleiten, das alles bringt auch Urlaubsfreude.“

Mit dem E-Mofa ins Kino

Und das autofreie Angebot kommt an: ­Werfenweng konnte mit dem mehrfach ausgezeichneten Projekt deutlich mehr Gäste anlocken. Etwa 25 Prozent kommen bereits mit der Bahn an und vermeiden dadurch 400 Tonnen CO2 im Jahr.

Aber das Projekt bindet auch Einheimische mit ein: „Wichtig ist uns, dass die Maßnahmen für umweltverträgliche Mobilität nicht nur Alibihandlungen sind, sondern dass sie tiefer gehen und auch überprüfbar sind.“ Die Akzeptanz bei den Werfenwengern war zunächst verhalten. „Anfangs waren viele skeptisch, da sie sich nicht vorstellen konnten, mit so einem Thema neue Gäste anzusprechen. Als dies dann aber erfolgreich war und tatsächlich viele neue Gäste kamen, ist auch die Akzeptanz enorm angestiegen. Seit dem Vorjahr gibt es auch ein Angebot der sanften Mobilität für die Einheimischen.“

Dabei wurden für bestimmte Zielgruppen Angebote entwickelt, so dass es leichtfallen soll, auf Autokilometer zu verzichten. Einheimische Pendler beispielsweise können das Shuttle nutzen, bekommen Freifahrten für die Elektroautos und E-Bikes. Jugendlichen, die auf ein Mofa verzichten, stehen die ­E-Mofas zur Verfügung, sie bekommen Kinokarten und auch nachts Shuttle-Freifahrten. Haushalte, die ihr Zweitauto verkaufen, bekommen Einkäufe gratis zugestellt oder können Fitness-Checks in Anspruch nehmen. Und der Bauernladen mit Imbiss im Ort, in dem allerlei Lebensmittel aus örtlicher ­Bioproduktion angeboten werden, nützt schließlich Einwohnern ebenso wie Gästen!

Nicht nur Sonnenschein

Dennoch sieht Dr. Brandauer auch die Probleme des Projekts: „Wir sehen deutlich, dass sich die Erwartungshaltungen der Urlaubsgäste geändert haben.“ Diese wünschen sich Bereiche, die wirklich frei sind von Autoverkehr. Selbst parkende Autos würden als störend empfunden. Das sei problematisch, denn Werfenweng ziehe viele ­Tagesbesucher an, die mit dem Auto kommen oder durch den Ort zur Skistation fahren. Daher sei es wichtig, möglichst viele Einheimische dazu zu bewegen mitzuziehen.

Daneben werde von den Gästen gleichzeitig eine Mobilitätsgarantie verlangt. „Niemand will im Urlaub auf Mobilität verzichten, und so ist es für uns wichtig, diese umweltverträglich und zu allen Zielen anzubieten“, erklärt der Bürgermeister. „Dazu ­gehören Shuttlebusse genauso wie Elektrofahrzeuge. Es kann aber auch die Kutsche sein, es gibt ja viele Möglichkeiten der sanften Mobilität.“ So plant er beispielsweise den Einsatz von Kutschen im Linienverkehr und eine Verkehrsberuhigung im Ort. Die Einheimischen sollen mehr Elektrofahrzeuge bekommen. Schließlich werden mit Sonnenenergie schon Straßenbeleuchtung, Litfaßsäulen und beheizte Winterbänke versorgt!

„Eines ist uns aber besonders wichtig“, sagt Brandauer. „Umweltfreundlicher Urlaub darf nicht mit Verzicht verbunden werden. Wir sagen unseren Gästen nie ,Du darfst nicht‘ oder ,Du musst‘. Wir laden die Gäste ein, dabei zu sein und sanfte Mobilität ganz bewusst zu nutzen und zu genießen, und verbinden dies mit attraktiven Vorteilen. Und das funktioniert.“ Lisa-Marie Bille, Marnie Schmitt

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2013

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