Allgäuer Alpen: Wandern zu den Wurzeln

Eine Nacht in einer kargen, aber gemütlichen Almhütte erdet und entschleunigt nicht nur Erwachsene. Denn ohne Strom funktioniert auch keine Playstation – ein „Almauftrieb“ für eine Nacht ist also auch für Kinder eine „coole Kombination“, um den Spielplatz Natur schätzen zu lernen.

Text & Fotos: Andreas Mayer

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© Andreas Mayer

Den gibt’s ja wirklich“, bekommt Wanderführer Toni Heinle oft zu hören, wenn er im Hubertus Alpin Lodge & Spa in Balderschwang auftaucht. Trotz seiner 66 Jahre kommt er immer noch zwei bis drei Mal die Woche in das Allgäuer Bio- und Wohlfühlhotel, um gestresste Städter zu einer gemeinsamen Bergtour abzuholen. Mit seinem weißen Rauschebart, einer abgewetzten Krachledernen und einem Filzhut, der mit dem darunter liegenden Haar förmlich verwachsen zu sein scheint, zeigt er seinen Mitwanderern auch schon mal, wie gut es tut, die Füße in einem frischen, klaren Bergbach zu baden: „Wer g’sünder sein will, muss nur einmal mit mir in die Berge gehen. Also, pack mer’s!“

Wir befinden uns am Beginn eines Experiments: Das ­Paket ­„ÄlplarSommer“ beinhaltet neben drei Übernachtungen im Huber­tus eine Nacht auf einer der umliegenden Hütten, auf denen für den knapp zehnjährigen Aidan aus Köln mal etwa anderes in den Fokus rücken soll. Natur statt Großstadtdschungel, Ruhe statt ­Action, Sternenhimmel statt Playstation.

Leben im Einklang mit der Natur

„Vo hait auf morga gods auf’d Hütt’n“ steht beim Frühstück auf einer liebevoll arrangierten Postkarte. Unser Ziel: die Burgl-Hütte, auf 1.428 Meter knapp unter dem Feuerstätterkopf (1.645 ­Meter) gelegen – eine Welt und ein Leben, wie es früher Alltag war. Eine Wanderung zurück zu den Wurzeln sozusagen. Die Familie ­Silgener erzeugt fast 80 Prozent der angebotenen Lebensmittel selbst, und was sie zusätzlich brauchen, kaufen sie aus der nächs­ten Umgebung zu. Diese Unabhängigkeit gehört zur Betriebs­philosophie, die sich auch in der nachhaltigen Energiegewinnung widerspiegelt. So betreiben sie eine biologische Kläranlage, und die einzige Stromquelle ist eine kleine Photovoltaikanlage. Die dient ausschließlich der Spülmaschine. Gekocht wird auf einem Holzherd, geheizt per Kamin, und Licht gibt es nur mit einfachen Paraffinlampen. Alfons Silgener versorgt in den Sommermonaten circa 30 schottische Hochlandrinder, zwei Pferde sowie einen Hund. Seine Frau Edith verwöhnt die Gäste mit vielen hausgemachten Köstlichkeiten und selbst hergestellten Naturprodukten, angefangen von verschiedenen Cremes zum Einreiben bis hin zum Frühstückszopf für Nächtigungsgäste im Holzbackofen mit eigenem Fichtennadelhonig dazu.

Flädlesuppe und früh raus

Für uns gab es Flädlesuppe und einen hausgemachten Hackfleischauflauf. Um zehn Uhr ist Bettruhe – egal, wie gemütlich die Runde beim gemeinsamen „Hock“ in der Stube auch ist. Denn morgens früh muss wieder das Vieh versorgt, der Gast ­bedient und die Hütte in Schuss gehalten werden.

Auf warmes Duschen müssen wir verzichten. Aber hier oben in den Bergen reicht ein Schwung kaltes Wasser zum Wachwerden aus. Ein deftiges Frühstück macht uns fit für den Rückweg, auf dem wir darüber reden, wie es wäre, ständig auf einer Berghütte zu leben. „Wie kommen die denn jeden Tag in die Schule?“, fragt Aidan. „Und wenn die doch mal Fernsehen gucken wollen?“

Das hektische Leben und den Stress des Alltags mal hinter sich zu lassen sei für viele Urlaubsgäste gar nicht einfach, bestätigt Toni, und er findet: „Wer hier bei uns im Allgäu viel Zeit verbringt, der ist ein reicher Mensch. Schaut euch mal um! Der Himmel ist frei. Die Luft ist frisch. Die Bäume sind g’sund und das Wetter eigentlich ganz egal. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand auf der Welt mehr Freude an seiner Arbeit hat als ich. Es gibt ja nix Schöneres, als den Leuten unsere ­All­gäuer Bergwelt zu zeigen.“

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Pause: Der Aufstieg zur Almhütte ist doch ­anstrengender, als erwartet.
© Andreas Mayer

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 04 / 2013

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