Auf alten Wegen

Der Pickerweg ist ein alter Handelsweg zwischen ­Wildeshausen bei Bremen und Osnabrück. Auf ihm liefen bereits im Mittel­alter die Warenströme von den Hansestädten in Richtung Rheinland. Die vergangene Zeit ist noch deutlich spürbar.

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Morgenstimmung an Fuße der Dammer Berge.

Text & Fotos: Wolfgang Stelljes

Wer auf dem Pickerweg wandert, sollte auf Überraschungen gefasst sein. Bereits in Visbek, unserer ersten Station, taucht urplötzlich vor uns die Muttergottes auf. Dass eine Marienstatue den Weg säumt, ist für eine katholische Gegend vielleicht nicht weiter ungewöhnlich. Wenn sie allerdings über eine Grotte wacht, die der im südfranzösischen Lourdes verdammt ähnlich sieht, dann braucht man einen netten Menschen, der einem all das erklären kann. Ulrike bei der Hake-Tönjes ist so ein Mensch. Die Gästeführerin erzählt uns die Geschichte eines Mannes, der vor gut 100 Jahren in Lourdes ein Versprechen abgab: Für den Fall, dass seine erkrankte Frau genesen sollte, wollte er in seinem Heimatort eine Kopie der ­Grotte errichten. Der Mann hat Wort gehalten. Er ließ nicht nur Steine aus Südfrankreich heranschaffen, sondern auch eine Muttergottesstatue aus Ober­ammergau, hand­geschnitzt aus bestem bayerischen Holz. Natürlich kommt kaum jemand nach Visbek, um sich diese Grotte anzuschauen. Sie ist gewissermaßen ein Schmankerl nach dem Besuch der „­Visbeker Braut“. So heißt eines der bekanntesten Großsteingräber aus der Jungsteinzeit in Niedersachsen, benannt nach einer alten Sage – ein erster Höhepunkt auf dem Pickerweg. Es gibt auch einen „Visbeker Bräutigam“, aber der liegt nicht direkt am Wegesrand. Ein weißes „P“ (später dann ein weißes „X“) auf schwarzem Grund weist uns den Weg. Gleich daneben ist oft auch eine gelbe Muschel auf blauem Grund – das Zeichen für den Jakobsweg. Denn der ­Pickerweg ist in Teilen identisch mit der Via Baltica, dem Baltisch-Westfälischen Jakobsweg, der von Usedom nach Osnabrück verläuft. In Lutten, dem nächsten Dorf, begegnet uns der Namensgeber des Jakobsweges gleich zwei Mal: als Bildnis im Fenster über dem Hauptportal und als Statue neben dem Altarraum im Inneren – der Heilige Jakobus ist Patron der ört­lichen Kirche. Und sollte jemand ein Blasenpflaster benötigen: Auch die Apotheke ist nach ihm benannt.

Schlafen im Gefängnis

Wer tatsächlich mit einem Pilgerausweis unterwegs ist, sollte im benachbarten ­Vechta unbedingt auch das ehe­­malige Zeughaus der Zitadelle ansteuern. Es beherbergt heute ein Museum und zugleich das vielleicht ungewöhnlichste Nachtlager auf der Via Baltica. Hier kann der Pilger seinen Schlafsack in einer ehemaligen Gefängniszelle entrollen – eine Erfahrung, die „das Herz laut klopfen“ lässt, so ein Eintrag im Gäs­tebuch. Hinter Vechta führt der Weg am Rande ausgedehnter Moore fast schnurgerade gen Süden. Hof- und Wegekreuze säumen die Strecke. Dann, kurz hinter Kroge, einem alten Eschdorf, beginnt der Anstieg: Der Pickerweg durchquert die Dammer Berge der Länge nach von Nordost nach Südwest. Wie immer bei erhöhter Warte hat man feine Ausblicke, zum Beispiel vom Mordkuhlenberg, der fast 142 Meter aus der Norddeutschen Tiefebene ­emporragt. Ein hölzerner Aussichtsturm garantiert eine freie Sicht auf den Dümmer, den zweitgrößten See in Niedersachsen. Hin und wieder gibt auch der Wald den Blick frei, zum Beispiel auf den Dammer Dom, der fast ein bisschen überpropor­tioniert wirkt. Und ein Bergsee erinnert an jene Zeiten, in denen sich in Damme das nördlichste Eisenerzbergwerk Deutschlands befand.

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Der "Hirschkäfer-Papst" Werner Schiller

Der Hirschkäfer-Papst

Doch das Salz in der Suppe sind wie so oft die Begegnungen mit Menschen. Sieht man zum Beispiel einen Mann, der sich über einen Baumstumpf beugt, dann handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Werner Schiller. Der 69-Jährige ist der „Hirschkäfer-Papst“ – viel mehr Respekt geht im katholischen Damme nicht. Vor allem im Juni und Juli ist Schiller viel unterwegs, denn dann lässt sich der Hirschkäfer am besten beobachten. Der „Lucanus cervus“, so die korrekte wissenschaftliche Bezeichnung, ist der größte Käfer Europas. Und deutschlandweit stark gefährdet. Hier, im Süden des Oldenburger Münsterlandes, lebt noch eine der größten Populationen. Denn hier findet er, was er braucht: sonnige Waldrandlagen, lockere Böden und vor allem alte Baumstümpfe, mit Vorliebe Eichen. Darin legt das Weibchen seine Eier ab. Hirschkäfer brauchen Totholz, um zu leben. Deshalb haben Schiller und seine Mitstreiter auch eine Reihe von Meilern angelegt, zum Beispiel im Bexaddetal auf einer Streuobstwiese und auch direkt am Pickerweg. Das Bexaddetal gehört zu den schönsten Abschnitten. Dann lichtet sich der Wald – vor uns liegen weite ehemalige Moorflächen, die früher nur im Sommer trockenen Fußes durchquert werden konnten. Langsam nähern wir uns einem historischen Schlachtfeld: Kalkriese. Einiges spricht dafür, dass hier, am Fuße des Wiehengebirges, vor gut 2.000 Jahren die legendäre Varusschlacht getobt hat, bei der drei römische Legionen unter Varus von einem germanischen Heer unter Arminius vernichtend geschlagen wurden. Vieles von dem, was Archäologen bei Grabungen zu Tage gefördert haben, ist in einem Museum zu sehen. Nach Osnabrück, der letzten Station auf dem Pickerweg, sind es nun nur noch rund 20 Kilometer. Und nach Santiago de Compostela noch knapp 2.700.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 03 / 2017

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