Auf der Suche nach dem weißen Gold

Eine uralte Schmalspurbahn, ein über 80 Jahre alter Schrägaufzug, oben eine weitere Schmalspurbahn und eine luftige Seilbahntrasse quer über das Tal. Der Weg der Laaser Marmorblöcke von den unterirdischen Kavernen hoch oben im Berg hinab ins Tal ist einfach abenteuerlich.

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Schwere Last: Die ­Material­seilbahn ­trans­portiert immense ­Marmorblöcke ins Tal.

Text & Fotos: Ralf Scholze

Der Vinschgau ist eine faszinierende Landschaft von rauer Schönheit. Tausende Apfelbäume, die sich vor schneebedeckten Gipfeln ducken, romanische Kirchen mit uralten Fresken, malerische Ortschaften und aussichtsreiche Höhenwege, die zu herrlichen Spaziergängen einladen. Inmitten des Schachbrettmusters aus Apfel- und Marillenplantagen liegt das Dorf Laas. Sein Name ist keltischen Ursprungs, bedeutet Stein, und mit den Steinen hat es hier eine ganz besondere Bewandtnis.

Die Rede ist vom Nödersberg, Heimat eines kostbaren Schatzes, Heimat des weißen Marmors. Die Adern dieses weißen Goldes durchziehen den Berg bis in Höhen von weit über 2.000 Metern, Adern, die Millionen und Abermillionen Kubikkilometer schneeweißen Marmors enthalten.

Enormer Druck und Hitze

Vor 400 Millionen Jahren sanken Kalk­skelette von Mikroorganismen auf den Meeresgrund und bildeten gemeinsam mit Muscheln, Kalkschwämmen und Korallen gewaltige Kalkschichten. Kalkschichten ähnlich denen, die heute die berühmten Gebirgsketten der Dolomiten bilden, Gebirgsmassive wie die Sella, der Rosengarten oder der Latemar. Die gewaltigen Kalkschichten versanken mit der Zeit langsam in der Tiefe. Von oben kam ständig neues Material nachgerutscht. Ein Millimeter pro Jahr klingt zunächst recht wenig. Doch ein Millimeter pro Jahr ergibt immerhin einen stolzen Meter in 1.000 Jahren und einen ganzen Kilometer in der – nach geologischen Maßstäben – kurzen Zeitspanne von einer Million Jahren.

Man geht davon aus, dass vor 350 bis 320 Millionen Jahren die Kontinentalplatten von Gondwana und Laurussia ­kollidierten und den Riesenkontinent Pangaea bildeten. An der Nahtstelle entstand durch diese Kollisio­n das Variszische ­Gebirge. Die Schichten mit dem heutigen Laaser Marmor verschwanden in der ­Tiefe, in Tiefen von 10 bis 15 Kilometern. Unter dem unvorstellbaren Druck von 5.000 bis 7.000 Atmosphären und bei gewaltigen Temperaturen von 500 bis 660 Grad Celsius veränderte das Gestein seine Struktur. Aus weichem Kalkstein wurde harter, schneeweißer Marmor. Vor 90 Millionen Jahren wiederholte sich dann dieses Spiel. Europa und Afrika bewegten sich aufeinander zu: Die Alpen entstanden. Der Laaser Marmor verschwand ein zweites Mal in der Tiefe. Noch einmal wurde das Gestein tüchtig durchgebacken. Wegen dieses sich wiederholenden Ereignisses ist der Laaser Marmor im Gegensatz zu anderen Marmorsorten besonders frost- und witterungsbeständig.

Marmor-Rutschbahn

Noch vor 100 Jahren erfolgte der Steintransport in der Regel mittels Walzen und Ochsenkarren, wenn das Gestein über halbwegs ebenes Gelände transportiert werden konnte. Das funktioniert natürlich kaum, wenn sich die Steinbrüche wie hier in ­einer Höhe von 1.500 bis 2.200 Metern befinden. Um die riesigen Marmorblöcke ins Tal zu schaffen, musste man sich etwas Besonderes ausdenken. Zu diesem Zweck wurde im Vinschgau eine Art Rutschbahn gebaut, bestehend aus quergelegten Rundhölzern. Links und rechts der Trasse der Rutschbahn wurden kräftige Pfosten in den Boden gerammt. Mittels kräftiger, starker Hanftaue, die man jeweils gleich mehrfach um die Pfosten geschlungen ­hatte, wurden die Marmorblöcke vorsichtig ins Tal hinabgelassen. Der größte noch mit Schleifbäumen transportierte Block wog mehr als 80 Tonnen, maß 30 Kubikmeter und war 1903 für das Moltke-­Denkmal bei der Siegessäule in Berlin ­bestellt worden.

Hightech der 30er Jahre

1929 begann die Leipziger Firma Adolf Bleichert und Co. mit dem Bau der Laaser Marmorbahnstrecke, die nach nur einem Jahr eröffnet werden konnte. Die Schmalspurtrasse führt auf einer Brücke über die Etsch und dann auf einer langen Geraden bis zum Fuß des Schafspitzberges. Nach einer scharfen Kurve stehen die Wagen hinter der alten Lok parallel zum Hang des Schafspitzberges und können direkt auf den Schrägaufzug geschoben werden. Der Schrägaufzug selbst führt in direkter Gipfelfalllinie den Hang hinauf, überwindet fast 500 Höhenmeter und endet an der Bergstation der zweiten Schmalspurbahn. Von hier führen die Gleise ohne nennenswerte Steigung bis auf die Höhe des ­Valdaunbachs.

Es ist schon ein eigenartiger Ausblick, wenn man dort oben von der Trasse der Schmalspurbahn auf die andere Seite des Tals schaut. Zwischen großen, uralten Fichten über das tief eingeschnittene Tal hinweg erblickt man den Weißwasserbruch. Den Namen hat sich kein Marketingspezialist ausgedacht. Denn direkt unter dem Mundloch des unterirdischen Steinbruchs b­eginnt eine ganze Aufeinanderfolge von Wasserfällen, deren schäumendes Nass über schneeweiße Felswände stürzt. Unter den Felswänden liegen Kegel voller schneeweißen Schutts, alles Marmor.

In der Ferne hängt etwas an einem Tragseil der Materialseilbahn. So wie das Seil durchhängt, scheint die Last ­gewaltig zu sein, auch wenn sie aus der Entfernung eher wie ein winziges, glattes Stück Würfelzucker wirkt. Doch tatsächlich wiegt der lautlos über das Tal schwebende quaderförmige Marmorblock so um die 21 Tonnen. Ein einziger Kubikmeter Marmor bringt fast 2,7 Tonnen auf die Waage.

Genau für solche Kaventsmänner hatte man den Schrägaufzug der Laaser Marmorbahn ausgelegt. Bei der Standseilbahn benutzte man einen kleinen technischen Trick, um die Blöcke zu bewegen. Über eine riesige Seiltrommel im Maschinenhaus führt ein einziges Drahtseil. Die Trommel hat einen Durchmesser von sechs Metern. Und immer genau dreieinhalb Windungen des Zugseils befinden sich auf der Trommel, denn an beiden Enden des Drahtseils hängt jeweils ein Wagen des Schrägaufzuges. Auf halber Höhe dieser Standseilbahn befindet sich eine große Ausweiche, wo beide Waggons ohne Probleme aneinander vorbeifahren können. Wenn in einem Waggon tonnenschwere Marmorblöcke ins Tal „hinabgebremst“ werden, wird dabei sogar noch Strom gewonnen.

Wer Glück hat, darf oben über der Bergstation des Schrägaufzugs einen Blick in den Maschinensaal werfen. „An der Technik hat sich seit dem Bau in den 1930er ­Jahren nichts geändert“, erklärt Hubert Tscholl, der Chef des Maschinensaals, mit stolz geschwellter Brust. Er zeigt mir stolz riesige, schwere Zahnräder, Ersatzteile aus den 1930er Jahren. Noch während des Baus hatte man hoch oben auf dem Berg ein ganzes Ersatzteillager eingerichtet, Ersatzteile, von denen in den letzten Jahren kein einziges zum Einsatz kam. Auf ein paar Fotos kann man sehen, wie wenig in den letzten 80 Jahren der Zahn der Zeit an den Gleisen genagt hat. Keines von ihnen musste bisher ausgewechselt werden. „Ich staune immer wieder über die Präzision dieses technischen Weltwunders“, meint Hubert Tscholl im breiten, bedächtigen Südtiroler Dialekt. „Seit nun über 80 Jahren fahren die ­Waggons am Laaser Bremsberg auf den Millimeter so exakt, dass die Schienen an der am ­meisten beanspruchten Stelle nur minimal lädiert sind. Und das, obwohl seit 1930 täglich viele Tonnen Marmor diese Gleise im Originalzustand beansprucht haben.“

Marmor im Alltag

Den Marktplatz von Laas solle ich mir nachher noch genauer ansehen, das hat uns Hubert Tscholl noch mit auf den Weg gegeben. Der Tipp war goldrichtig: Wo gibt es schon ein Alpendorf, dessen Gehwege mit Marmor gepflastert sind? Dem liegt eine ernste Geschichte zugrunde. 1949 erhielt Laas den Auftrag zur ­Erstellung von 86.000 Marmorkreuzen für zwei amerikanische Soldatenfriedhöfe in Italien, bei Rom sowie in der Toskana. Für jedes Kreuz zahlten die Amerikaner damals 1.500 US-Dollar, und knapp 600 Arbeiter siedelten von den berühmten Marmor-Steinbrüchen in ­Carrara nach Laas um. Jedes Kreuz trug den Namen und den Todestag eines gefallenen Soldaten, und ein jedes musste aus einem einzigen Stück schneeweißen Marmors herausgeklopft werden. Um rechtzeitig fertig zu werden, wurde in drei Schichten geklopft und gehämmert. Übrig blieben pflaster­steingroße Stücke.

Mit diesem „Abfall“ pflasterte man in Laas den Marktplatz und die Gehsteige. So ist der Marmor, das weiße Gold Südtirols, auch heute noch stets sichtbarer ­Bestandteil des Alltags.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 03 / 2015

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