Barfußwandern im Trend: Unten ohne in Egestorf

Immer mehr Wanderer ziehen ohne ihre Schuhe los, denn sie wissen: Barfußlaufen macht Spaß und ist gut für die Gesundheit. Besonders schön ist es auf extra angelegten Barfußpfaden oder in Barfußparks, die derzeit überall aus dem Boden sprießen – ­beispielsweise im niedersächsischen Egestorf.

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Ungewohnt angenehm: Eine Wanderung ohne Schuhe tut der Gesundheit so richtig gut.
© Malte Schwarzer

Text: Inga Dora Meyer

Zeigt her eure Füße“ – so beginnt ein bekanntes deutsches Kinderlied. Die Jüngsten folgen dieser Aufforderung fast jeden Tag – sie laufen barfuß herum, springen und hüpfen über Gras, Steine und Asphalt. Sie bewegen sich ganz natürlich ohne ihre Schuhe fort. Warum auch nicht?! Als Menschen sind wir alle dazu geboren, barfuß zu gehen. Barfußlaufen ist genetisch in uns verankert. Instinktiv wissen wir, wie wir unsere Füße auf den Boden zu setzen haben. Für diesen Bewegungsablauf sind der Fuß, das Bein, die Muskulatur, die Gelenke, der ganze Körper gemacht. Das harmonische Zusammenspiel ist die Folge einer Entwicklung, die mehrere Millionen Jahre andauerte. Schuhe waren dabei von der Natur nicht vorgesehen. Im Erwachsenenalter läuft man jedoch nur noch sehr selten ohne festes Schuhwerk herum. Doch das Barfußwandern erlebt eine Renaissance. Immer mehr Leute schätzen die vielen Vorteile des Barfußgehens, sogar ganze Wanderungen werden mittlerweile „unten ohne“ absolviert.

Vorteile des Barfußwanderns

Wer wieder einmal bewusst ohne Schuhe eine Strecke zurücklegt, weiß, wozu der Körper in der Lage ist. Man spürt den Tastsinn der Fußsohlen und den besseren Halt. Unsere eigenen Zehen sind im Gelände so griffig, dass sie jedes Profil überbieten. Man bewegt sich sanfter, leichtfüßiger und deutlich vorsichtiger vorwärts. Die Füße werden viel später müde, weil sie sich bewegen können und nicht in ein starres Korsett gezwängt werden. Wenn keine Fuß- oder Gelenkschäden bestehen, gibt es kaum Einwände gegen das Barfußlaufen in geeignetem Gelände. Beginnen können Sie beispielsweise in Ihren eigenen vier Wänden. Hier ist es für die meisten ohnehin bereits normal. Im Winter genügen rutschfeste Socken. Soweit die Temperaturen es erlauben, können Sie auch Spielplatz und Garten zum „Barfußterrain“ erklären. Im Alltag können Sie ebenfalls kurze Wegstrecken barfuß ablaufen, so zum Beispiel den Gang zum Spielplatz, zum Briefkasten oder zur Eisdiele um die Ecke. Auch beim Sport lässt sich vielfach ohne Schuhe trainieren. Beim Judo, Karate, Beachvolleyball sowie verschiedenen Turn- und Gymnastikdisziplinen wird sowieso auf festes Schuhwerk verzichtet.

Tipps für erste Barfußversuche

Zuerst ist es vielleicht ungewohnt, ohne Schuhe über Rasen oder einen Parkweg zu laufen. Erwachsene brauchen nach jahrelanger Unterforderung der Füße oft eine Phase der Gewöhnung. Steigern Sie Ihr Barfußpensum daher langsam. Die Füße selbst gewöhnen sich schnell an die neue Umgebung und finden ihre natürliche Stellung wieder. Suchen Sie sich einen Weg mit einem abwechslungsreichen Belag. Am besten sind für den Anfang Gras, Sand oder Erde sowie weiche, naturbelassene Wald- und Feldwege. Die erste Barfußwanderung sollte anfangs nicht mehr als zwei Stunden dauern. Legen Sie ausreichend Pausen ein. Auf die Geschwindigkeit kommt es hierbei nicht an. Im eigenen Interesse sollten Sie den Blick immer etwas auf den Boden richten, damit Sie nicht auf spitze Steine oder piksende Zweige treten. Ein paar Notfallschuhe sollten Sie jedoch dabei haben, falls der Weg Ihnen doch zu unangenehm wird. Das Gefühl nach der ersten Barfußwanderung ist toll: Die Füße sind warm, kribbeln etwas und fühlen sich richtig gut an. Der wohltuende Effekt der Massage zeigt sich noch Stunden nach der Tour.

Barfußpfade und Barfußparks

Sie haben keinen passenden Barfußweg in der Nähe? Kein Problem, dann suchen Sie sich einen extra angelegten Barfußpfad oder besuchen Sie einen Barfußpark. In den vergangenen Jahren wurden in Deutschland und einigen Nachbarländern eine Vielzahl dieser Barfußstrecken angelegt. Das sind meist Rundwege von einem bis fünf Kilometern Länge. Unterschiedliche Materialien, Untergründe und Erlebnisstationen laden zum Fühlen und Entdecken ein. In dem Heideort Egestorf in Niedersachsen gibt es einen solchen 14 Hektar großen Park mit einem liebevoll gestalteten, abwechslungsreichen Parcours. „Unten ohne“ kommen Besucher an rund 60 verschiede­nen Sinnes- und Erlebnisstationen vorbei, darunter Riech- und Fühlkästen, Baumtelefon, Balancierbalken, Spielstationen, Kneippbecken, Kräutergarten und vielem mehr. Die 2,7 Kilometer lange Strecke führt durch Wälder, Weiden und Flüsse der Lüneburger Heide und bietet Wellness pur für die Füße. Besonders das Waten durch echten Schlick aus dem Wattenmeer, weichen Torf, nassen Lehm oder über blaue Glasscherben bereitet viel Vergnügen. Kinder lassen es sich nicht nehmen und waten oft quietschvergnügt mehrere Male durch die Schlammbäder. Becken mit frischem Quellwasser fördern zudem die Vitalität, ganz nach den Regeln Sebastian Kneipps.

Gesunde Naturarznei für jedermann

Dieser empfahl bereits im 19. Jahrhundert das Wassertreten und das Laufen auf Moorböden zur Stärkung des Immun- und Abwehrsystems. Die heutige, moderne Medizin gibt dem Wissenschaftler recht. Barfußlaufen ist gut für die Gesundheit. Und als gesunde Naturarznei ist es kostenlos für jedermann erhältlich. Barfußgehen – vor allem in der freien Natur – regt das Herz-Kreislauf-System an und fördert damit die Durchblutung des Körpers. Wie das funktioniert? Bei jedem Schritt barfuß über weichen Sand, kühles Moos, raue Kieselsteine oder durch feuchtes Gras werden die Hautsinne für Berührung und Druck sowie zahlreiche Nervenpunkte angeregt und die Fußsohlen massiert. Auf angelegten Barfußwegen, wie im Barfußpark Egestorf, werden alle Rezeptoren der unteren Gliedmaßen aktiviert, denn die unterschiedlichen Erlebnisstationen bringen die Füße auf verschiedene Art und Weise auf Trab. Auch der Lage- und Bewegungssinn, der dem Nervensystem die exakte Stellung und Bewegung aller Körperteile, ja selbst des äußersten Zehengliedes meldet, werden stimuliert. Durch diese Wahrnehmungen wird die Bewegung des ganzen Körpers auf den Ablauf des Gehens eingestimmt. Gegen einen schmerzenden ­Rücken oder in Mitleidenschaft gezogene Bandscheiben kann das Barfußgehen einen entscheidenden Beitrag leis­ten. Der Grund dafür? Beobachten Sie einmal kleine Kinder, wenn sie laufen lernen. Dann werden Sie feststellen, dass diese auf den Zehenspitzen tippeln sowie über den Vorfuß laufen und nicht wie die Erwachsenen über die Ferse. Das ist eine natürliche Art der Fortbewegung, die Sie, wenn Sie barfuß gehen, ebenfalls einnehmen werden. Probieren Sie es aus: Gehen Sie barfuß eine Strecke von etwa 100 Metern auf einem harten Untergrund, und zwar genauso, wie Sie es auch mit Schuhen tun würden. Was fällt auf? Das Laufen über die Ferse fühlt sich hart und stumpf, für viele sogar schmerzhaft an. Beim sogenannten natürlichen Ballen- oder Vorfußgang hingegen wird das Körpergewicht bei jedem Schritt durch das vorhandene Dämpfungssystem des Fußes abgefedert. Nach einer Weile werden Sie beim Barfußgehen automatisch und instinktiv so laufen, wie die Natur es für uns Menschen vorgesehen hat. Durch diese Gangart ist ein nahezu erschütterungsfreier Bewegungsablauf möglich, der Stöße dämpft und Unebenheiten ausgleicht.

Therapie für die Füße

Doch das Barfußlaufen kann noch mehr. Das wussten schon die alten Ägypter und Chinesen. Zur Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten entwickelten sie bereits vor Jahrtausenden die Fußreflexzonen­therapie. Dabei wird ein Organ oder Körperteil als krank oder gefährdet „gemeldet“, wenn die entsprechenden Akupunkturpunkte auf der Fußsohle – manchmal erst auf Druck – weh­tun. Die Zehen spiegeln dabei Kopf und Hals, der Mittelfuß den Brustraum, Knöchel und Fersen den Bauch sowie das Becken wider. Daher kann sogar eine stressbedingte Anspannung, zum Beispiel Kopf- oder Nackenschmerzen, durch eine Fußmassage abgebaut werden. Planen Sie am Ende des Arbeitstags einen „Feierabend für die Füße“ ein. Das kann ein kleiner Barfußspaziergang im Garten, in einem Park, auf einem natürlichen Wald- oder Wiesenweg oder (wenn in der Nähe vorhanden) auf einem Barfußpfad sein. Und jetzt raus aus den Schuhen und ab in die Natur!

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© Malte Schwarzer

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 03 / 2014

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