Bentheimer Landschafe: GPS auf vier Beinen

Bentheimer Landschafe pflegen die Orchideenwesen an den Hängen des Teutoburger Waldes. Für die Natur könnte man sie als lebende Rasenmäher auf Wanderschaft bezeichnen.

Text & Fotos: Beate Wand

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Schäfer Schienke, Esel Eckhart und 400 Bentheimer Landschafe: Auf den Orchideenwiesen im Teutoburger Wald verhindern sie, dass Büsche die Wiesen überwuchern.
© Beate Wand

Er streift seine Westfälinge über. Die braunen Ledergamaschen reichen ihm bis zu den Oberschenkeln. Mit einem energischen „Nahein, bleib Pelle – blaheib!“ befiehlt der Schäfer den beiden Hunden, liegen zu bleiben, während er dem Esel Ledertaschen und seine grüne Lodenpellerine an den Lastensattel schnallt. Er schreitet zur Herde und nimmt den mobilen Zaun aus orangefarbenen Maschen zur Seite. Dahinter drängeln sich ihm über 400 Schafe unruhig entgegen. Dann setzt sich der Tross gemächlich in Gang. Vorneweg: Jürgen Schienke, ein Mann mit selten gewordenem Beruf. Auch die Bentheimer Landschafe, die dem Wanderschäfer brav folgen, sind rar: Die Haustier­rasse mit ausgeprägtem Herdentrieb ist vom Aussterben bedroht. Ebenso wie die Altdeutschen Hütehunde Wolke und Pelle, die die wolligen Vierbeiner im Zaum halten. Wolke ist Pelles Mama. Der Esel heißt bei Schienke einfach Esel, manche nennen ihn auch Eckhart. Im sich nicht auflösen wollenden Dunst über dem Kamm des Teutoburger Waldes schreiten sie durch das feuchte Gras.

Schäfer als Orchideenschützer

Am Ende einer an drei Seiten von Wald und Wallhecke umsäumten Wiese löst sich die Ordnung auf. Die Tiere mit den schwarzen Augenmasken verteilen sich und nehmen ihre Arbeit auf: fressen. Man könnte auch sagen: pflegen. Denn dafür hat die Arbeitsgemeinschaft für Naturschutz Tecklenburger Land (ANTL) sie und ihren Schäfer eingestellt. Dem Osning-Sandsteinrücken des Teuto­burger Waldes ist südlich ein Höhenzug aus Kalkstein vor­gelagert. Auf den kalkigen Böden entstanden durch frühere Schafbeweidung Kalkhalbtrockenrasen mit botanischen Besonderheiten wie Orchideen und Enziangewächsen. Mit der Zeit wurde es immer weniger lukrativ, Schafe grasen zu lassen. Büsche und Bäume überwucherten die Flächen. Die seltenen Pflanzen drohten aus ihrem nordwestlichsten Verbreitungsgebiet zwischen Brochterbeck und Lienen zu verschwinden. Um die artenreiche Flora der Orchideenwiesen zu erhalten, trug die ANTL deswegen einem Wander­schäfer auf, eine Herde Bentheimer Landschafe aufzu­bauen. Diese genügsamen Wiederkäuer sollten überall dort, wo es für maschinelle Mäher zu steil, zu empfindlich und zu nass ist, sowie auf den zahlreichen Obstwiesen das Gras „mähen“.

Anfangs waren es wenige Tiere. Jürgen Schienke musste ihnen auf einer Koppel zuerst die Spielregeln beibringen und den ausgeprägten Herdentrieb dieser Rasse wecken. Denn nur der hält sie beim Weiterziehen zusammen. Schließlich liegen die kleinflächigen Magerrasen weit auseinander. Doch „Besser weit geschritten als Not gelitten“ besagt schon eine alte Schäferweisheit, wie Jürgen Schienke feixend kundtut.

„Grrrmpf – Rrrpf – Hrrrmpf“, tönt es über die Wiese. Inzwischen ist die Herde auf über 400 Tiere angewachsen. Kaum zu glauben, auf welchen Geräuschpegel die gierige Menge das bloße Ausrupfen von Gras treiben kann. Des Schäfers Kunst: Er hat zu steuern, was, wann, wo und wie viel gefressen wird – und seine Schafe muss er dabei natürlich auch noch sattkriegen. Miteinander, lautet dabei das oberste Credo. Er darf seine Tiere nicht schmachten lassen, sonst spielt die Herde am nächsten Getreide­feld verrückt und macht, was sie will. Laufen die Blökenden eine Weile, werden sie hungrig und drücken an die Seiten, wo sie fressen wollen. Dann sind die Altdeutschen Hütehunde gefordert: Druck machen, ohne die Schafe zu verletzen. „Wir sind ein Team und funktionieren nur, wenn alle mitmachen“, beschreibt der Wanderschäfer, nach welcher Taktik er arbeitet.

Echte „Orien-Tiere“

Schafe sind triebgesteuert. Ansonsten gelten sie gemeinhin als dumm. Doch mancher Wanderer könnte neidisch auf das phänomenale Orientierungsvermögen der wolligen Vierbeiner werden: Eines Tages nahm Schienke die Böcke aus der Herde, packte sie auf seinen Anhänger und fuhr sie zum zehn Kilometer entfernten Stall auf seinem Kotten. Am nächsten Morgen bemerkte er, dass das Gatter nicht richtig geschlossen war – und die Böcke waren ausgebüchst. Er fuhr zurück zur Herde und – alle Böcke waren schon da! Ist der Wanderschäfer sich auf neuen Strecken des richtigen Weges einmal nicht ganz sicher, genügt ein Blick zurück –

seine Schafe wissen ihn!

Das Grasrupf-Geräusch ebbt allmählich zu einem feinen Zupfen ab, das wie westfälischer Landregen klingt. Jedes Futter macht ein anderes Geräusch, behauptet der Wanderschäfer. „Möhöhöööh – Böh-Böh – Bähi-Bähi“, tönt es über die Wiese. Die vierbeinigen Rasenmäher folgen einem exakten Biorhythmus. Sie wollen sich bis Mittag sattfressen, dann etwa zwei Stunden ausruhen. Hinsetzen und wiederkäuen. Jürgen Schienke hütet und lehnt sich dabei gegen seine Schäferschippe, die früher als Lanze gegen große, wilde Tiere eingesetzt wurde. Sie sieht aus wie ein knorriger Wanderstock, nur ist unten eine kleine Schippe mit einem Haken. Mit dem fängt er die Schafe ein. Die Schippe benutzt er, um Disteln auszustechen, Schafkot zu betrachten oder bei der Hundeausbildung mit Erde zu werfen. Wolke wehrt die Grenze. Sie läuft hinter der Wallhecke auf und ab. Das wäre natürlich nicht nötig, aber der Hütetrieb des „virtuellen Schafzauns“ ist einfach zu stark. „Sie würde am liebsten alle Schafe über­einanderstapeln“, kommentiert Schienke ein wenig stolz. Urplötzlich stampft das ein oder andere Schaf auch mal auf. Auch, um den neuen Hund zu testen.

Notebook zum Nachweis der Tiere, Begleitschein für jedes Exemplar, Elektrochips – eigentlich müsste Schienkes Esel noch ein paar Aktenordner durch die Gegend schleppen. Solche Formalitäten entromantisieren schnell das Bild des Wanderschäfer-­Daseins in der heutigen Zeit. Der sich manchmal in einer Grauzone am Rande zur Illegalität bewegt, wenn er eine Wohnsiedlung als Schaftrift nutzen muss. „Die Menschen machen vorne ein Foto und rufen hinten das Ordnungsamt. Wegen der Küttel“, beschreibt Schienke die Problematik. Tod und Krankheit verdrängt unsere Hochglanzwelt am liebsten, im Leben des Wanderschäfers gehören sie zum Alltag. Auf die Frage, ob er mit seinem Job lieber früher gelebt hätte, antwortet er ruhig und besonnen, wie es seine Art ist: „Nein, ich bin kein Nostalgiker, sondern Traditionalist.“ Einer, der wie seine Schafe genügsam ist: Es macht ihn glücklich, wenn abends all seine Schafe satt und zufrieden sind.

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Rarität: Ein ausgeprägter Herdentrieb zeichnet die vom Aussterben bedrohte Rasse der Bentheimer Landschafe aus.
© Beate Wand

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 04 / 2013

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