Der Kölner Melatenfriedhof: Natur & Kultur auf der Millionenallee

Schauspiel-Legende Willy Millowitsch, Bankier Iwan Herstatt oder die Klosterfrau mit dem Melissengeist – sie und viele andere trifft man bei einem Spaziergang auf Melaten, dem ältesten Friedhof Kölns. Die Vielfalt der Grabstätten auf der sogenannten Millionenallee lässt tief blicken, und das nicht nur in die kölsche Seele.

neuer_name
Prachtboulevard: Die Hauptachse des Melatenfriedhofs nennen die Kölner liebevoll „Millionenallee“. © Friederike Brauneck

Text: Friederike Brauneck

Kann ein Gang über einen Friedhof ein Sonntagsvergnügen sein? Ja, wenn es sich dabei um einen historischen wie den von Melaten in Köln handelt. Das findet auch Wolfgang Stöcker, promovierter Kunsthistoriker, der deshalb hier Führungen veranstaltet. Er ist zwar kein Kölner, aber immerhin vor den Toren der Stadt in Bergisch Gladbach geboren und längst ein „gefühlter“ Kölner. Und als solcher kann er die kölsche Seele enthüllen, von Gruft und Grabmal über Geschichte und Kunstgeschichte die Verbindung ins Rheinische und nach Deutschland generell schaffen.

Wer in Köln etwas auf sich hielt, der liegt „auf Melaten“. Dieser Friedhof befindet sich im Westen der Stadt, im angesehenen Wohnviertel Lindenthal. Nicht immer war Melaten vor den Toren der Stadt eine „gute“ Adresse. Denn im Mittelalter beerdigte man nur auf dem Kirchhof – die Nähe zu Gotteshaus und Altar verhieß das erhoffte Himmelreich. Wer ganz sicher sein wollte, suchte ein Plätzchen an der Kirchenwand, weil das vom Dach ­herabrinnende Regenwasser einen zusätzlichen Reinigungseffekt versprach.

Weiter weg wurde weniger aufwendig beerdigt: im Leinentuch, meist gerade einen Meter unter der Erde, alles recht chaotisch und unhygienisch. Nicht selten sorgten Unwetter oder Tiere dafür, dass die ewige Ruhe nicht dauerte und so manches Relikt der Verstorbenen wieder ans Tageslicht trat. Von den Verunreinigungen benachbarter Trinkwasserbrunnen ganz zu schweigen.

Napoleon sorgt für Ordnung

Das sollte ein Ende haben, als die Franzosen 1794 in Köln das Regiment übernahmen. 1804 erklärte Napoleon mit seinem „Décret sur les sépultures“, dass die Toten nicht mehr in der Stadt zu beerdigen seien. Ferdinand Franz Wallraff, Kölner Universalgelehrter und von Stöcker als Kulturpapst seiner Zeit bezeichnet, schlug das heutige Melaten außerhalb der Stadt vor. Immerhin konnte man prachtvolle Leichenzüge vom Westtor über die Aachener, damals noch Antorfer Straße, zum Friedhof zelebrieren. Und es existierte bereits eine kleine Kapelle der Heiligen Maria Magdalena aus dem 13. Jahrhundert. Dennoch behagte den Kölnern dieser Ort nicht. Immerhin war hier im Mittelalter ein Leprosorium angesiedelt gewesen, eine Enklave für Aussätzige. Außerdem befand sich dort der Rabenstein, eine Hinrichtungsstätte. Wie sollte man seine letzte Ruhe finden, wo die armen Seelen noch herumspukten?!

Aber die Zeit drängte, mit Abwarten war es nicht mehr getan. 1810 wurde Melaten als katholischer Friedhof geweiht und die Kirchhöfe in der Stadt geschlossen. Die Kölner bewiesen sich einmal mehr als „geistig elastisch“, wie Kunsthistoriker Stöcker es nennt, und sahen nun einfach das Schöne dieses von Wallraff nach französischem Vorbild auch als Erholungsstätte und öffentliche Grünanlage geplanten Ortes. Der Friedhof avancierte schließlich zur besten Lage für die ewige Ruhe. Nur der Name „Melaten“ erinnert noch an die Vorgeschichte: Er ist aus dem Französischen abgeleitet: von „malade“ (krank).

Ab 1826 wurde er nach Plänen des klassizistischen Gartenarchitekten Maximilian Friedrich Weyhe aufwendig gestaltet: die breiten Hauptwege als Platanenalleen, die schmaleren Seiten­wege von Linden, Rosenstöcken und Lebensbäumen gesäumt. Diese mit Licht und Schatten spielenden dunkelgrünen Säulen, die sich über dem Besucher wie ein hoher Dom zusammenschließen, liefern mit ihrem würzigen Duft ein bisschen Toskana-Feeling. Für über 40 Vogelarten, Fledermäuse und Füchse ist Melaten längst ureigenster Lebensraum. 1980 wurde der 435.000 Quadratmeter große Friedhof unter Denkmalschutz gestellt – und damit ein Stück Stadt- und Gesellschaftsgeschichte gesichert.

Diese wird besonders offensichtlich auf der knapp einen halben Kilometer langen Hauptachse, von den Kölnern liebevoll „Millionenallee“ genannt. Hier sind die teuersten und vornehmsten Plätze. Angesichts dieses wie ein ­Prachtboulevard angelegten Weges, flankiert von alten Bäumen, üppiger Schmuckbepflanzung und monumentalen Grabmalen, geht die Verbindung zu Jenseits und Verlust verloren. Hier präsentieren sich große Kölner Familien über den Tod hinaus. Häufig im gotischen oder neugotischen Baustil. Oder wie Wolfgang Stöcker schmunzelnd erklärt: Jeder wollte plötzlich ein Stückchen Dom haben. Denn als Köln 1815 preußisch wird, soll es nach über 600 Jahren mit dem Dombau weitergehen. Aus Berlin wird der große Architekt Schinkel geschickt, und der plädiert für die Fertigstellung der Kathedrale. 1823 beauftragt er ­seinen Schüler Ernst Friedrich Zwirner mit dieser Mammutauf­gabe. Der hat erst einmal 20 Jahre mit Aufräumarbeiten zu kämpfen, denn inzwischen wachsen Bäume auf der vernachlässigten Baustelle, und zwei neue Kirchen sind im geplanten Dom entstanden. In dieser Zeit entdecken die Kölner die Gotik und spielen noch einmal Mittelalter, erklärt Kunsthistoriker Stöcker. Das spiegelt sich auf vielen Gräbern wider: schlanke, fein gegliederte Bau­werke, die ein Stück vom geliebten Dom sein könnten.

Schaulaufen auf der Millionenallee

Mit Beginn der Industrialisierung ab 1850 bricht der Ausflug in Romantik und Mittelalter wieder ab. Der symbolische Sensenmann hatte ausgedient. Neben Gotik und Katholizismus zieren unchristliche Obelisken und Tempel die Gräber. Die Verdrängung des Todes beginnt. Thanatos, der griechische Totengott, übernimmt und verleiht der Seele Flügel für ihre Reise ins Reich der Unsterblichen. Ägyptische Löwenfiguren bewachen die Gruften, römische Tränenvasen sind die Symbole der Trauer. Ab 1900 dominiert der ­angesagte Jugendstil, manchmal auch als schlichter Reformstil, einer strengen ­Mischung von Jugendstil und Art Deco. Auf der Millionenallee quer über Melaten lassen sich Kunstgeschichte und Bestattungstraditionen auf das Prächtigste verfolgen. Die modernste Form ist europaweit einzigartig: eine Grabstätte, bei der der Zugang zur Gruft mit einer Glasplatte abgedeckt ist. Damit ist der seltene Blick in die unterirdischen (und noch leeren) Grabnischen samt reich verziertem Altar gestattet – wenn man sich vor den Toten ein wenig verneigt.

Wandert man über Melaten, findet man etliche Namen, die über die Stadtgrenzen hinaus bekannt sind. Natürlich sollte man der Familie Millowitsch einen Besuch abstatten. Die Architekten Wilhelm Riphahn und Oswald Mathias Ungers sowie der Maler Anton Räderscheid waren Freunde und haben sich bereits zu Lebzeiten benachbarte Liegeplätze ausgesucht. Besonders Rip­hahn erfährt momentan sehr viel Aufmerksamkeit: Seine kastenförmige Nachkriegsarchitektur wie die Oper spaltet die Kölner Öffentlichkeit bis heute in zwei Lager.

Aber die Millionenallee ist nicht den oberen Zehntausend vorbehalten. Hin und wieder wird ein Plätzchen frei, einfach weil die Rechte an einer Grabstelle auslaufen. Auch auf dem Wege der ­Patenschaft kommt manch einer an überraschend prominenter ­Stelle zu liegen. So zum Beispiel in einer historischen Kapelle direkt an der Adlersäule, die an Preußens Gloria und seine Kriegsopfer erinnert. Hier liegt die Zigeuner-Königin Sophie Czory, deren Familie das verfallene Gebäude aufkaufte, restaurierte und die Verstorbene 1996 in einer der pompösesten Beisetzungen auf Melaten zu Grabe trug. Köln ist eben immer wieder für eine Überraschung gut. Und die Idee der Patenschaften über historisch erhaltenswerte Gräber wird inzwischen in vielen Städten als „Kölner Modell“ praktiziert. So spiegelt ein Friedhof wie dieser den ganzen Querschnitt einer Stadt wieder – vom tragischen Einzelschicksal über skurrile Mitteilungen als letzter, geschickt verpackter Seitenhieb auf den Verblichenen bis hin zu Stein gewordenen Zeitzeugen. Ein Sonntagsspaziergang an einem solchen Ort hat daher nichts Erschreckendes, son­dern eher Erhellendes.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2012

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat

Events

Zur Zeit liegen keine Events vor …