Der Mann - der Mythos

Extrembergsteiger, Autor von über 80 Büchern, Museums­kurator, Politiker – eine Ikone: wanderlust trifft Reinhold Messner in seiner Heimat Südtirol in seinem neuesten ­Museum auf dem Kronplatz im Pustertal.

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Von der Gondel aus fällt der Blick auf die Almen des Pustertals.

Text: Franziska Peschel

Die Jahre sind Reinhold Messner anzusehen. Ein markantes Gesicht, geformt durch ein Leben voller Herausforderungen. Von Lebensfreude, Selbstsicherheit und Gelassenheit sprechen seine eisblauen Augen, um die sich Lachfältchen gebildet haben. Für seine 72 Jahre strahlt der Mädchenschwarm der Nachkriegsgeneration eine erstaunliche Attraktivität aus. Gelassenheit und fast stoische Ruhe umgeben ihn. Kaum setzt er sich, spricht ihn eine Frau an. Ein Hauch jugendlich schüchterner Verlegenheit huscht über das Gesicht der immerhin gut 60 Jahre alten Frau, als sie vorsichtig nach einem gemeinsamen Foto fragt – für Messner sicher nicht die erste Anfrage dieser Art. Nach einem halben Jahrhundert voller Vorträge, Lesungen und Fototermine sollte man meinen, er sei es leid. Doch immer noch macht es ihm sichtlich Freude. Er setzt sein charismatisches Lächeln auf, legt freundschaftlich einen Arm um die Verehrerin und bittet Umstehende, mit der Handykamera der Frau ein Foto zu machen. Zum Abschied grüßt er freundlich. Er setzt sich an einen der langen Holztische in der Stube der Corones-Hütte, bestellt mit knappen Worten einen Cappuccino bei der jungen Kellnerin. Ein paar Sätze über das Wetter werden ausgetauscht. Man kennt ihn hier. In der gemütlichen Hütte ist er ein gern gesehener Gast. Nur 500 Meter entfernt liegt das MMM Corones, eine der sechs Stationen des sternförmig angeordneten „Messner­MountainMuseum“.

Im Einklang mit dem Berg

Mit dem Corones, dem Kronplatz im Pustertal, hat Reinhold Messner sich für seine Gedenkstätte einen der am stärksten vom Tourismus eroberten Gipfel der Dolomiten ausgesucht – und das mit Bedacht: „Mein Ziel ist es, einen Ruhepol zu schaffen, abseits von der Hektik, dem Lärm und der Aggressivität.“ Doch ein zweiter Aspekt macht die Lage auf dem Kronplatz einzigartig. Durch die bodentiefen Fenster des futuristisch anmutenden Museumsgebäudes öffnet sich das ganze Panorama der Dolomiten. Von hier aus blickt Messner auf seine Heimatberge: die heute nebelverhangenen Geislerspitzen – Geborgenheit der Heimat und zugleich Mahnmal für die Gewalt der Natur. Denn daneben ragt der Berg in die Höhe, an dem er die schwierigste Kletterpassage seines Lebens gemeistert hat – nicht im Himalaya, nicht am Montblanc, sondern daheim in Südtirol, am Mittelpfeiler des Heiligkreuzkofel: „Ich dachte, entweder du kletterst jetzt weiter oder du stirbst.“ Ein bodentiefes Gemälde des Alpenmalers Edward Theodore Compton ziert die Wand neben dem Panoramafenster. Die kleine Tafel neben dem Bild verrät: Abgebildet ist dasselbe Motiv, das durch die Fensterscheibe zu sehen ist. „Ich stehle die Berge und bringe sie nach drinnen“, erklärt Messner schmunzelnd. Die Ausstellung zeigt Gemälde und Modelle der Alpenkuppen und beherbergt die weltweit größte Sammlung an Bergsteigerreliquien. Messner nennt sie „Heilige Reliquien“, unter ihnen der erste Felshaken, der jemals benutzt wurde, der Mauerhaken von Emil Sigmonde. Wir schreiben das Jahr 1880. Von den frühesten Anfängen bis zur heutigen Zeit stellt das MMM Corones die Entwicklung des Bergsteigens anhand ausgewählter Werkzeuge dar. Die Botschaft, die daraus hervorgeht: Beim Alpinismus geht es nicht um Technik, nicht um Wettkampf. „Für mich ist Alpinismus eine kulturelle Angelegenheit. Es geht um die Beziehung zwischen Mensch und Berg“, erläutert Messner seine Anschauung, und genau diese Beziehung will er mit dem Museum in Szene setzen.

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wanderlust-Autorin Franziska Peschel erkundet gemeinsam mit Reinhold Messner das MMM Corones.

Die Idole des Meisters

Ein Geräusch hallt von den nackten Betonwänden des Museums wider. Etwas ist umgefallen. Sofort horcht Reinhold Messner auf, unterbricht seine Erklärungen. Es ist der einzige Moment, in dem er sich aus seiner stoischen Ruhe bringen lässt. Es wird klar, die Ausstellungsstücke im MMM sind für ihn Heiligtümer. Mit jedem einzelnen verbindet ihn eine besondere Beziehung. Seine Sammlung umfasst die Steigeisen seiner Compagnons, die Hämmer seiner Vorbilder. Denn auch ein Reinhold Messner schwärmt für seine Idole. Gern erzählt er Geschichten über Paul Preuß, „der gescheit’ste Bergsteiger aller Zeiten“. Sein liebstes Stück der Ausstellung, betont er, ist der Preußhammer, der auch den Grundstein für das Museum gelegt hat. Die damals schon über 80 Jahre alte Lebensgefährtin von „Pauli“ schenkte ihm den Hammer, erinnert sich Messner, unter der Bedingung, ihn entweder einem vielversprechenden jungen Bergsteiger weiterzugeben oder in einem Museum auszustellen. „So hatte ich die Verpflichtung, dieses Museum zu eröffnen“, schließt Messner die Erzählung. Paul Preuß verfasste 1911 eine damals als Schlüsselarbeit gehandelte Abhandlung über künstliche Hilfsmittel beim Bergsteigen, in der er erklärt, man dürfe keinen Haken schlagen. Wenn man nicht klettern kann, soll man nicht klettern. „Aber er hatte immer einen Hammer dabei“, ergänzt Messner die Anekdote lachend. Doch Spaß beiseite: „Wenn man all die Hilfsmittel einsetzt, die heute möglich sind, so braucht’s das Bergsteigen nicht mehr. Dann können wir auch mit dem ­Helikopter auf den Berg fliegen.“ So lautet einer der Schriftzüge an den kahlen Betonwänden „Messners ABC“, darunter: „No artificial oxygen, no drugs, no bolts, no communication“. Mit diesen Regeln tritt er als einer der größten Verfechter des traditionellen Alpinismus in die Fußstapfen von Giovanni Batista ­Vinatzer. „Jeder Bergsteiger braucht eine Heimat, eine Verwurzelung, einen Lehrer“, erläutert Messner seine Beziehung zu dem Südtiroler Bergsteiger, der ebenfalls seinen Platz in der Ausstellung gefunden hat. „Ich habe mich an ihm orientiert, als ich ein Bub war.“

Das MMM Corones ist das letzte der sechs Museen und das erste in Südtirol, das dem Berg die Hauptrolle verleiht. „Mein Projekt ist damit fertig“, erklärt Reinhold Messner bestimmt. Doch wie rund sein Werk auch sein mag, zur Ruhe setzen mag er sich nicht so recht. Neben der Weiterführung des Museums ist nun ein markierter Wanderweg in Planung. Durch das Herz der Dolomiten soll er führen und zwei seiner Museen sowie ­einige der heiligen Orte Südtirols wie die Heiligkreuz-Hütte verbinden. Die drei- bis fünftägige Tour soll eine Art Wallfahrtsroute werden.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2017

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