Der Wolf: Ein Großräuber kehrt zurück

Moderne GPS-Technik macht die Spuren von über 1.000 Kilometer langen Wolfs-Wanderungen sichtbar. Solche Strecken legt der Heimkehrer zurück, weil zwischen den wiederbesiedelten Arealen noch riesige Lücken klaffen.

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Wieder da: Etwa 20 Wolfsrudel leben zurzeit in Deutschland. Das Bundesamt für Naturschutz schätzt, dass es Platz für gut 400 Rudel gibt – vorwiegend in den Mittelgebirgen und Alpen.

Text: Beate Wand

Ein so ausdauernder Winter wie der vergangene kommt Markus Bathen bestimmt entgegen, könnte man meinen. Wegen der Spuren im Schnee. Doch der Spurensucher verneint. „Schnee muss schon eine bestimmte ­Beschaffenheit haben, damit er die Pfoten gut abbildet“, erläutert der Wolfsexperte des NABU (Naturschutzbund Deutschland, www.nabu.de). Wenn es am Tag taut und nachts friert, ist die Fährte unsauber. In zu tiefem Schnee verliert sich der Abdruck – Hirsch und Wolf sind dann nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Bei dem überwiegend sandigen Untergrund in „seinem“ Wolfsrevier, den Lausitzer Heiden zwischen Cottbus und Görlitz, sieht der Leiter des NABU-Projekts „Willkommen Wolf“ in der Feuchte von Frühjahr und Herbst die besten Voraussetzungen für die Spurensuche.

Der dem Wolf auf der Spur ist

An der Erlichthofsiedlung, einem Museumsdorf am Ortsrand von Rietschen, starten öffentliche Wolfsexkursionen. Wirklich einen wilden Wolf zu Gesicht zu bekommen ist allerdings sehr, sehr unwahrscheinlich. „Von den Hunderten, die schon teilgenommen haben, haben vielleicht zwei bis drei Gruppen einen Wolf gesehen“, schätzt Markus Bathen. Wölfe sind vorsichtig, wittern früh und weichen aus. Sie meiden Menschen im Normalfall. Auf Spuren zu stoßen ist schon wahrscheinlicher. Wolfskot ist gänzlich wetterunabhängig. Diese indirekten Hinweise liefern Informationen und lassen auf Geschehnisse schließen. „Gerade das finden die Teilnehmer der Wolfswanderungen spannend“, beobachtet der Fährtenleser immer wieder. Es geht darum, im Hellen eine Art ­Tagebuch der Nacht lesen zu lernen. Dabei steht nicht nur der Wolf im Mittelpunkt. Auch, was die Nebenfiguren so getrieben haben, ist interessant zu sehen: „Ah, da ist der Fuchs aus dem Wald getreten, dem Wasserlauf gefolgt, dort hat er getrunken, und dann hat er eine Rehfährte getroffen.“ Wolfsforscher werten ebenfalls vorwiegend Spuren, Kot, Risse und Bilder aus Fotofallen aus.

Einst am weitesten auf der Welt verbreitet, rotteten unsere Vorfahren den Jäger an der Spitze der Nahrungskette vor etwa 150 Jahren aus. Treibjagden, Wolfsgruben, Fangeisen an Bäumen und vergiftete Köder machten Isegrim den Garaus. Vorübergehend. 1996 tauchte der Wolf erstmals wieder auf. Am Truppenübungsplatz Oberlausitz in der Muskauer Heide. Zugewandert aus Polen. Seit ein Paar dort im Jahr 2000 vier Welpen zur Welt brachte und aufzog, gilt Canis lupus als heimgekehrt. Paragrafen ebneten ihm diesen Weg: Seit der Wiedervereinigung 1990 schützt das Bundesnaturschutzgesetz Wölfe auch in den neuen Bundesländern – in den 42 Jahren zuvor waren mindestens 28 wildlebende Einwanderer aus dem Osten erschossen worden. Zudem fordert die 1992 EU-weit in Kraft getretene Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie von den Mitgliedstaaten, Schutzgebiete für gefährdete Lebensräume und Arten wie auch den Wolf auszuweisen. Meist mussten über bestehende Schutzzonen hinaus zusätzlich Gebiete eingerichtet werden, um die Auflagen zu erfüllen. So entstanden neue Rückzugsräume für bedrohte Tiere und Pflanzen.

Der Prozess läuft

Inzwischen fühlen sich 13 Wolfsfamilien und -paare im sächsischen und brandenburgischen Teil der Lausitz wohl. 2009 bekam das erste Paar außerhalb der Lausitz Nachwuchs – seither hat sich das Rudel auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow in Sachsen-Anhalt einquartiert. Insgesamt besiedeln nun wieder 20 Rudel und vier Einzeltiere deutsche Territorien. „Wir sind mitten im Prozess“, kommentiert Markus Bathen die hohe Dynamik des Rückkehrers Wolf. Genetische Untersuchungen von Kot- und Haarproben wiesen nach, dass ein Wolf im Fichtelgebirge, das Rudel auf dem Truppenübungsplatz Munster-Nord in der Lüneburger Heide und sogar ein Wolf in Dänemark von den Lausitzer Tieren abstamm(t)en. Die weiteste beobachtete Wanderung unternahm ein GPS-besenderter Rüde: Er legte in zwei Monaten 1.550 Kilometer bis nach Weißruss­land zurück. Im geschlechtsreifen Alter verlässt jeder Wolf sein Rudel, um ein Territorium für die eigene Familie zu suchen. Da zwischen den Wolfsgebieten noch weite wolfsfreie Flächen liegen, erfordert das Überleben solch einen Mega-Marathon.

Der Wolf am Schafspelz

Neid auf Ausdauer und Geschick des ebenbürtigen oder gar überlegenen Jagdkonkurrenten, Verehrung als Beschützer und übernatürliches Wesen, Angst vor dem übermächtigen Bild einer Bestie: So veränderten sich die menschlichen Gefühle gegenüber dem Großraubtier im Laufe der Geschichte. Rotkäppchen & Co. lehrten uns das Fürchten vor dem angeblichen Menschenfresser. Daraus resultiert das – neben dem Straßenverkehr – zweite große Hindernis für den Rückkehrer: mangelnde Akzeptanz. Im Westerwald, im Wendland und auch in der Lausitz sind bereits illegal Wölfe geschossen worden. Jäger befürchten, dass er ihr Wild vertreibt, Schäfer bangen um ihre Herden und die Bevölkerung um ihre Kinder. Ja, Schafe passen als Huftiere in sein Beuteschema. So müssen in Wolfsgebieten bestimmte Elektrozäune oder Herdenschutzhunde die Weidetiere abschirmen, damit das Land eventuell auftretende Schäden finanziell ausgleicht. 60 Prozent der Kosten für solche Schutzmaßnahmen können Schaf- und Ziegenhalter sich bezuschussen lassen. Verlässliche Aussagen darüber, inwiefern anwesende Wölfe das Verhalten von Jagdwild beeinflussen, erfordern noch längerfristige Studien und Beobachtungen. Ein erfolgreiches Wolfsmanagement muss die Interessen der verschiedenen Gruppen berücksichtigen, um ein möglichst konfliktfreies Miteinander von Menschen und Wölfen zu ermöglichen.

Bitte in Ruhe lassen!

Die extrem seltenen Fälle, in denen Wölfe irgendwo auf der Welt Menschen angegriffen haben, wurden fast ausschließlich durch Tollwut oder Gewöhnung verursacht. Deutschland und auch die angrenzenden Staaten gelten seit über fünf Jahren als tollwutfrei, gejagtes Wild wird fortlaufend stichprobenartig untersucht. Wer einen Wolf anfüttert, um ihn zu streicheln oder zu fotografieren, gefährdet ihn! Die Wildtiere verlieren dann ihre natürliche Scheu vor dem Menschen, werden möglicherweise dreist, aufdringlich und bedrohlich. Das könnte ihr Todesurteil sein. Seit etwa 15 Jahren leben nun wieder Wölfe in Deutschland. Bislang ist kein einziger Fall bekannt, wo sich ein Wolf den Menschen gegenüber aggressiv verhalten hätte. Die zwölf Lausitz-Rudel leben in einer von rund 225.000 Menschen und 15.000 Schafen bevölkerten Kulturlandschaft. Wolfskenner Markus Bathen resümiert: „Die Leute hier sammeln Pilze, die Kinder spielen im Wald – das Leben geht auch mit dem Wolf ganz normal weiter.“

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Familientiere: Wölfe ­leben im Rudel mit ­Vater, Mutter und ­Welpen. Mit etwa zwei Jahren bricht der Nachwuchs auf, um selbst eine Familie zu gründen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 03 / 2013

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