Die Bibliothek der Natur: Spurenlesen im Winter

Wer sich bei einer Winterwanderung von Tierspuren leiten lässt, erreicht vermutlich keinen Gipfel. Dafür kann er wunderbare Geschichten lesen, welche die Natur geschrieben hat.

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Wer hat hier wohl seine ­Spuren hinterlassen? Auf Fährtensuche nach dem ersten Schnee am Hochschwab in den ­österreichischen Alpen.
© Dagmar Steigenberger

Text: Dagmar Steigenberger

Es war dringend an der Zeit, lesen zu lernen. Ein wildes Zeichenchaos auf der Schneedecke lenkte uns von unserem Kurs ab, als wir an einem hochwinterlichen Sonnentag eine Wanderung durch den Bayerischen Wald unternahmen: zierliche Pfotenabdrücke neben wuchtigen Pranken, dazwischen tiefe Löcher wie von Stelzenbeinen. Und kreuz und quer eine hauchfeine Schleifspur, die alle paar Zentimeter von zwei winzigen Händchen begleitet wurde.

Hier stand eine Geschichte geschrieben, zweifellos. Doch wer waren die Protagonisten? Und was war die Handlung? Ein ­Übersetzer musste her! Die Suche führt uns bis nach Niederösterreich. Martin Fürst ist dort einer, der die Sprache der Natur versteht. Er unterrichtet die Schüler der Wildnisschule „­Nawisho“, die er vor vier Jahren gemeinsam mit Freundin ­Claudia Hornik gegründet hat. Das Klassenzimmer von Nawisho liegt an einem Hang zwischen knorrigen Eichenbäumen am Rande der Ortschaft ­Gloggnitz. Wer hierher kommt, kann ­Bogenbauen, Geschichtenerzählen, Feuer­machen, Kräuterkunde oder eben ­Spurenlesen lernen.

Es ist Mitte Februar, die Verhältnisse sind ideal: „Gerade so viel Schnee, dass man die Spuren gut erkennt und trotzdem mühelos weiterkommt“, freut sich Martin Fürst, der mit seinem zerzausten Bart, dem braunen Wuschelkopf und der zerrissenen Jeans gar nicht wie ein strenger Lehrer wirkt. Seine Schüler muss er ohnehin nicht zum Fleiß anhalten. Die Begeisterung für das Fach „Spurenlesen“, das an diesem Wochenende auf dem Lehrplan steht, hat längst alle angesteckt.

Mit der Nase tief über dem Boden pirschen die Schüler zwischen den Baumstämmen ­hindurch. Ein verzückter Ruf lässt alle zusammenströmen. „Wie nackte Menschen­füße in Miniatur“, stellt eine Schülerin überrascht fest, nachdem sie die Abdrücke begutachtet hat. „Welches Tier könnte das sein?“ Fürst antwortet nicht. Er lächelt nur spitz­bübisch und wiederholt die Frage für alle. Eine ­eifrige Diskussion beginnt. Manche blättern im Bestimmungsbuch und vergleichen die Zeichnungen mit der Realität – Spicken ist hier ausdrücklich erlaubt. Nach einiger Zeit präsentieren die Schüler das Ergebnis: „Ein Eichhörnchen, stimmt’s?“ Der Lehrer nickt zufrieden und erhöht die Schwierigkeit.

Einem Mord auf der Spur

In feinen Wellenlinien zieht sich eine Spur durch den Schnee. Eine Schlange im ­Winter? Ungläubiges Kopfschütteln. Es ist Mitte Februar, die wechselwarmen Tiere haben sich längst irgendwo verkrochen und verharren reglos, bis es wärmer wird. Ein Schüler streicht mit seinen Fingern an der Vertiefung entlang. An einer Stelle ist der Schnee aufgebrochen. „Die Spur ist hohl, das ist wie ein Tunnel!“ Aufgeregt bohren nun mehrere Finger Löcher in die Tunnelwand. An seinem Ende liegt auf einem verwitterten Baumstumpf die ­Schale einer Haselnuss. Winzige Zähnchen haben Kerbspuren darauf hinterlassen. „Ein Nager, vielleicht eine Maus“, überlegt eine Schülerin und zückt das Lehrbuch, in dem sie ihre Vermutung bestätigt findet. Doch damit beginnt die Geschichte erst. Denn inzwischen haben wir die Pfotenabdrücke eines Marders identifiziert, der ebenfalls am Baumstumpf vorbeigekommen sein muss. Von der Maus fehlt ab dem Zusammentreffen jede Spur. „Boah, wir entlarven gerade einen Mord“, scherzt ein Mitschüler. Tatsächlich entwickelt die ­Gruppe immer mehr detektivischen Spürsinn, je mehr sie sich von den Zeichen leiten lässt.

Doch nicht immer ist die Schrift der Natur zweifelsfrei zu entschlüsseln. Ein großer Abdruck mit breiter Fläche und gut sichtbaren Krallen verleitet zum Beispiel schnell dazu, einen Bären in der Nähe zu wähnen. War da nicht vor kurzem die Meldung, die Beutegreifer wie Wolf, Luchs und Bär seien wieder auf dem Rückmarsch in die Alpen? Als sich herausstellt, dass es „nur“ ein Dachs gewesen ist, gibt es skeptisches Stirnrunzeln. „Ein Dachs mit so großen Füßen?“ Anstatt zu antworten, empfiehlt Lehrer Martin Fürst eine kleine Übung: „Macht mal einen frischen Fußabdruck in den Schnee und merkt euch die Stelle. Morgen macht ihr einen zweiten Abdruck daneben und vergleicht die beiden miteinander.“

Denn was bei der menschlichen Sprache durch Präteritum und Plusquamperfekt ausgedrückt wird, zeigt sich in der Natur im allmählichen Zerfall einer Spur. Natürlich haben Sonne und Wind ein Wörtchen mitzureden, wie schnell ein Pfotenabdruck der Vergangenheit angehört. Spuren verformen sich mit der Zeit bis zur Unkenntlichkeit, was einen passionierten Fährtenleser wie Martin Fürst aber nicht vom Lesen abhält.

Keine Spur zu winzig

Ein Büschel Haare an einer schuppigen Baumrinde, die abgeschälte Borke einer Fichte oder etwas Kot (Losung genannt) auf einer Steinplatte: Jedes winzige ­Detail nimmt Fürst wahr und zieht daraus Rückschlüsse auf die Geschichte, von der die Natur an diesem Ort erzählt. An der ­Platzierung der Urinspur eines Fuchses beispielsweise lässt sich sogar ­erkennen, ob es sich um einen Rüden oder eine Fähe handelte.

Schmökern im Winterwald

An einem sonnigen Winternachmittag, nur ein paar Wochen später, öffnet sich für mich dann das Buch der Natur erneut. Deutliche Pfotenabdrücke führen schnurgerade in Richtung Wald – zweifellos ein Fuchs. Zwar hatte Fürst darauf hingewiesen, dass man den Tieren nicht zu weit folgen sollte, um sie nicht zu stören. Doch die Neugierde treibt mich wenigstens ein paar Meter hinein ins Revier des vierbeinigen Jägers.

Ein nimmersatter Hase hatte hier und dort die jungen Triebe der Buchen abgeknabbert und dabei ganz unbekümmert seine Abdrücke wie auch seine Losung in Form von strohigen Kügelchen hinterlassen. Dem Fuchs muss das Wasser im Maul zusammengelaufen sein, als er die fette Mahlzeit witterte! Vom Forstweg aus, wo der Schnee festgetreten ist, verfolgt der schlaue Rüde daher die Spur seines Opfers. Nichts entgeht ihm – auch nicht die Bewegung des winzigen Mauswiesels, das die Lichtung überqueren will. Der Fuchs lauert. Pirscht sich näher an sein Opfer heran. Dann schnappt er zu. Den Hasen hat er diesmal nicht erwischt, aber das Mauswiesel war trotzdem besser als gar nichts.

Nicht dass wir jenes Ereignis miterlebt hätten. Wir haben es nur gelesen in dem dicken Geschichtenbuch, das die Natur immer wieder neu schreibt.

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Indizien am Wegesrand: Eine Wolfslosung zieht die ganze Aufmerksamkeit des Fotografen auf sich.
© Peter Sürth

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2013

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