Die Entdeckung der Langsamkeit

Das Glück liegt in der Wiese, weiß ein Sprichwort – und vor mir liegt ein Wochenende im Grünen: Wandern in den Ardennen, im Süden Belgiens. Den Laptop habe ich zu Hause am Schreibtisch gelassen, die Internetverbindung gekappt und das Smartphone ganz unten in den Rucksack gesteckt.

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Die Seele schweben lassen: stille Abendstimmung im Hohen Venn in Ostbelgien
© N. Glattauer, www. wandermagazin.de

Text: Barbara Buchholz

Meine Schuhe rascheln durch das rotbraune Laub von Eichen und Buchen. Vögel zwitschern und die Sonne glitzert auf dem Wasser der Semois. Diese fließt gemächlich dahin, mindestens so entspannt wie ich. Hinter mir liegt Bouillon, eines der schönsten Städtchen der Ardennen, weit im Süden der Wallonie in der Provinz Luxemburg und nahe der Grenze zu Frankreich. Die Tour, die ich mir ausgesucht habe, führt entlang der Semois zu dem Ort Corbion und in einem Bogen durch den Wald zurück nach Bouillon. Aber erst einmal erklimme ich einen felsigen Pfad steil hinauf zum Aussichtspunkt Pic du Diable. Die Kraxelei wird belohnt: Oben verschnaufe ich auf einer Felsplatte und lasse den Blick über die Flusswindungen der Semois, über Auenwiesen und Baumwipfel schweifen. In Bouillon habe ich mich mit knusprigem Brot, würzigem Käse und dem berühmten Ardenner Schinken versorgt – und mache Picknick für Schwindelfreie.

Auf meiner Wanderung habe ich bisher kaum Menschen getroffen. Auch als ich nach der Rast dem Weg weiter bergauf folge, bin ich für mich. Ich höre meine gedämpften Schritte auf dem Waldboden, es raschelt und knackt ab und zu im Unterholz, mal schreit ein Vogel. Sonnenstrahlen fallen durch die Baumkronen und tupfen Lichtflecken auf die grünen Mooskissen. Ich atme die frische Luft, sie riecht würzig. Meine Augen suchen die Wegmarkierungen an Baumstämmen, meine Gedanken schweifen einfach so umher. Immer mal wieder bieten sich Ausblicke ins grüne Tal auf den sich schlängelnden Fluss.

Kreuzzug-Geschichte schnuppern

Ich musste nicht weit fahren, um hier anzukommen. Schließlich gehören die Ardennen wie die Eifel zum Rheinischen Schiefergebirge und beginnen gleich an der deutsch-belgischen Grenze mit dem Hohen Venn. Und doch ist der Alltag irgendwo hinter den Bergkuppen geblieben. Dass die Leute in der Wallonie Französisch sprechen, gibt mir außerdem das Gefühl, ganz woanders zu sein.

Dann zeigt mir ein Holzschild die Abzweigung nach Corbion. Dort, habe ich gelesen, gibt es eine Tabakmanufaktur mit angeschlossenem Museum; im Tal der Semois wurde nämlich schon im 19. Jahrhundert Tabak angebaut. Heute kultivieren nur noch wenige Bauern hier die Blätterpflanze. Einer davon ist Vincent Manil, der in Corbion Zigarren und Zigarillos herstellt. Ich verzichte allerdings auf Rauchwaren und den Abstecher ins Dorf und folge stattdessen dem Wanderweg, der jetzt zur Abwechslung bergab führt.

Mein Ziel Bouillon rückt näher – aber vorher geht es doch noch einmal ordentlich hinauf. Zwischen knorrigen Bäumen stapfe ich bergan zum Aussichtspunkt „La Ramonette“. Dort setze ich mich ins Gras und blicke auf die Festung, die Ritter Gottfried von Bouillon einst verkaufte, um sich den Kreuzzug nach Jerusalem leisten zu können. Unterhalb der Burg schmiegt sich das Städtchen in eine Schleife der Semois.

Ein schmaler Bergpfad führt mich zurück nach Bouillon. Auf der Terrasse eines der Cafés an der Place Saint Arnould trinke ich ein Godefroy, das nach dem Kreuzritter benannte örtliche Bier. Später steige ich ein letztes Mal für diesen Tag einen Hang hinauf: zum Hotelrestaurant La Ferronnière. In der ehemaligen Fabrikantenvilla erwartet mich ein herrliches Abendessen – aber vorher genieße ich beim Apéritif im Salon den Blick auf die illuminierte Burg.

Wie in einer Zen-Landschaft

Ich habe Bergwälder, Ausblicke vom Felsen und steile Pfade hinter mir gelassen. Knapp 150 Kilometer nordöstlich von Bouillon wandere ich jetzt durchs Hohe Venn. Es liegt in der belgischen Provinz Lüttich. Der Himmel spannt sich über eine schier endlose Ebene, die sparsam garniert ist mit Büschen und krüppeligen Bäumen. Hier und da ragt ein grotesk verrenkter kahler Stamm empor. Am Horizont ziehen sich Fichtenwälder wie dunkle Schatten entlang. Eine regelrechte Zen-Landschaft, denke ich, während ich meinen Schritten auf den Holzbohlen lausche. Mal schnurgerade, mal sanft gewunden ziehen sich Stege durch den Teppich aus lila Heidekraut und grünbraunen Gräsern, über die ein leichter Wind streicht.

Das Hohe Venn erstreckt sich auf etwa 4.500 Hektar zwischen Eupen im Norden, Monschau im Osten, Spa im Westen und Malmedy im Süden, ein Teil gehört zum deutsch-belgischen Naturpark Hohes Venn-Eifel. Es ist eines der größten zusammenhängenden Hochmoore in Europa. Hier wachsen Pfeifengras, Moosbeere, Torfmoose, Sonnentau und Siebenstern. Die Holzstege schützen dieses empfindliche Ökosystem – und Wanderer sinken nicht im Moor ein. Über meine soliden Trekkingschuhe bin ich trotzdem froh, denn wo keine Stege liegen, knatschen meine Sohlen schon mal durch Morast.

Eingebettet zwischen Moos, Gräsern, zierlichen Birken und Erlen gurgelt und gluckert der Polleur-Bach, nach dem dieser Teil des Venns benannt ist. Ich folge ihm ein Stück und bin überrascht, dass die Landschaft schon wieder ganz anders als eben aussieht: mehr Bäume, weniger Weite. Dann klafft an einer Stelle ein breiter Riss im Boden. Unter Gras und Heidekraut kommt dunkelbrauner Grund zum Vorschein, durchzogen von Wurzeln: ein alter Torfstich, erklärt eine Infotafel. Ein Stück weiter ragt neben einem schmalen, hohen Grenzstein ein verwittertes Kreuz aus dem Boden. Die schaurig-traurige Geschichte dazu lasse ich mir später erzählen: Das Kreuz der Verlobten soll an zwei junge Liebende erinnern, die im Januar 1871 unterwegs waren, um ihre Hochzeitspapiere zu holen. Sie verliefen sich im verschneiten und einsamen Venn und erfroren.

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„Das Glück liegt in einer saftigen wallonischen Wiese“ – denkt sich mutmaßlich diese zufriedene Kuh.
© N. Glattauer, www. wandermagazin.de

Das Glück? Liegt im Grünen!

Glücklicherweise sitze ich inzwischen im Gasthaus Baraque Michel auf einer Holzbank, lasse mir Kaninchen an Pflaumensauce sowie das hauseigene Bier schmecken und mein Wanderwochenende Revue passieren. „Das Glück liegt in der Wiese“, habe ich mal gehört. Ich würde ergänzen: ebenso in den Wäldern, Flüssen, Felsen und Mooren der belgischen Ardennen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 06 / 2015

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