Dodauer Forst: Eine Eiche als Heiratsvermittlerin

Im Dodauer Forst bei Eutin hütet eine alte ­Eiche Liebesbriefe und Partnergesuche aus aller Welt. Jeder darf sie lesen – in dem toten Briefkasten ist das Postgeheimnis aufgehoben.

Text & Fotos: Beate Wand

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Über eine Leiter werfen Partnersuchende ihre Sendungen in das Astloch des sagen­umwobenen Baums.
© Beate Wand

Horst, stolzer Cabrio-Besitzer mit graugrünen Augen und kurzem, vollem Haar, sucht die Liebe seines Lebens! Allerdings kein Modepüppchen. Natürlich, ehrlich, zärtlich, treu sollte sie sein. So steht es auf einem der abgegriffenen, etwas feuchten Zettel. Die Rinde hat sie schon leicht bräunlich verfärbt. Etwas Erde setzt sich beim Herausfingern aus der Höhle im Baumstamm unter die Fingernägel. Eine Leiter mit acht Sprossen und komfortablem Handlauf führt zu dem Astloch hinauf, das als toter Briefkasten für Liebende und Heiratswillige aus der ganzen Welt fungiert. Über 500 Jahre soll die sogenannte Bräutigamseiche mit eigener Adresse schon im Dodauer Forst bei Eutin wurzeln – eine der ältesten Eichen im Naturpark Holsteinische Schweiz. Ihr fünf Meter umfassender Stamm ragt etwa 25 Meter auf. In luftigem Abstand umringt von einem schützenden Holzzaun, der die ausladende Krone unterstreicht. So hütet der ehrwürdige Baum inmitten eines weiten, runden Platzes in dem lichten Laubwald seit jeher so manches Liebesgeflüster. Auch wenn das Postgeheimnis in solch einem öffentlichen Briefkasten natürlich nicht gilt.

Liebes-Brauchtum bei Vollmond

Der Sage nach befreite in diesem Wald einst ein Christenmädchen einen an einen Baum gefesselten keltischen Fürstensohn. Zum Dank soll der Gerettete die Eiche gepflanzt haben. Geht ein Mädchen bei Vollmondschein schweigend und ohne zu lachen dreimal um den Baum, pflegt sie wahrscheinlich einen folgenschweren Brauch: Wenn sie dabei an ihren Geliebten denkt, so wird sie noch innerhalb eines Jahres heiraten.

Wie sie erhoffen sich viele Menschen Glück vom Baum der ­Liebenden. Sogar aus China, Afrika und Südamerika ­landete schon Post in der Bräutigamseiche. Nach hoffnungsvollem ­Vorbild: Die Tochter des Dodauer Oberforstmeisters tauschte heimlich ­Liebesbotschaften mit dem Schokoladenfabrikanten Schütte-­Felsche über das Astloch aus. Ihr Vater war gegen die Liaison und hatte ihr den Kontakt verboten. Als der Förster einsah, dass die Liebe der beiden stärker als sein Widerstand war, stimmte er der Hochzeit zu. Also gaben sich das Fräulein und der Schokoladenfabrikant am 2. Juni 1891 unter der Eiche offiziell das Jawort. Diese Vermählung gab der Bräutigamseiche ihren Namen.

Mundpropaganda verbreitete die Kupplungskraft des Baumes, und immer mehr Menschen schrieben die Eiche an. 1927 wurde eine Leiter angestellt. Seither wirft ein Postbote die Briefe ins Astloch. Bis zu 40 Sendungen sollen der Bräutigams­eiche pro Woche in den Stamm flattern. Angeblich hat sie so schon über hundert Ehen angebahnt. Sogar einen Briefträger hat es erwischt: Nach einem Fernsehbericht in den 1990er ­Jahren schrieb ihn eine Saarländerin an, und die beiden ­haben geheiratet!

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Post für eine Eiche: Menschen aus aller Welt schicken ihre Liebesgesuche an den 500 Jahre alten Baum.
© Beate Wand

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 05 / 2013

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