Dschungelfieberfreuden

Die Fußballweltmeisterschaft 2014 lenkt unseren Blick nach Brasilien. Eine gute Gelegenheit, über den Rand eines Stadions hinaus in eines der vielen Gesichter des riesigen Landes zu schauen: nach Amazonien, dem Land des mächtigen Regenwaldes.

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© IMAGO

Regentropfen – und das ­mitten im heißen Herzen Brasi­liens in der Trockenzeit! Tiefschwarze Nacht umgibt mich, es ist fünf Uhr morgens, und wir – eine Gruppe Journalisten – wollen den Sonnenaufgang auf einem 50 Meter hohen Turm über den Baumgipfeln des Regenwaldes beobachten. Also nichts wie raus aus dem Bett. Aber zuerst noch die Kerze anzünden, denn Strom gibt es hier in der Cristalino ­Jungle Lodge nur stundenweise.

Die Lodge befindet sich im Norden des Bundesstaates Mato Grosso, etwa 830 Kilometer von der Hauptstadt Cuiabá entfernt. In der „Arena Pantanal“, dem neuen Stadion, werden im Sommer während der Fußball-WM vier Gruppenspiele ausgetragen. Die Lodge liegt mitten im Regenwald, eine gute Flugstunde entfernt in der Nähe des Städtchens Alta Floresta. Und die letzte Etappe ist dann nur noch mit Geländewagen und Boot in weiteren zwei Stunden zu bewältigen. Hier, tief im Regenwald, herrschen das ganze Jahr über Temperaturen um die 30 Grad. Unterschieden wird nur zwischen Trockenzeit von Juli bis Dezember und der Regenzeit im übrigen Jahr.

Ich bin froh, den Tipps unseres kanadischen Führers Brad gefolgt zu sein und Kleidung und Ausrüstung bereits griff­bereit zu haben. So funktionieren selbst die Handgriffe im Bad im schwachen Schein der leicht flackernden Kerze tadellos. Lediglich die Kontaktlinsenträger unter uns berichten später, dass ihnen bereits am allerfrühesten Morgen höchste Fingerfertigkeit abverlangt wurde. Aber offensichtlich mit Erfolg, denn alle Journalisten finden sich pünktlich zum Frühstück ein. Da sind wir nicht allein, denn die Lodge ist unter „Birdwatchern“ bekannt und geschätzt. Und um einen Blick auf eine der besonderen Vogelarten, die hier heimisch sind, zu erhaschen, ist ihnen keine Zeit zu absonderlich. Zu erkennen sind die Vogelfreunde an gewaltigen Objektiven auf ihren Kameras. Mit diesen und mit der entsprechenden Geduld gelingt dann aber hin und wieder ein besonders schönes Foto, auch mal von einem Geparden beispielsweise …

Und was ich gehört habe, war kein Regen, sondern Kondenswasser, das von eigens geformten Blättern tropft und so auch die niedrigen Pflanzen im Dschungeldickicht erreicht. Eine der wunderbaren Strategien des ausgesprochen ausgebufften Ökosystems des Regenwaldes, von denen wir noch einige kennenlernen werden.

Nach dem Genuss von kugelrunden kleinen Käsebrötchen, „Pão de Queijo“, die noch warm sind und sich bestens mit der hausgemachten Maracuja-Marmelade kombinieren lassen, und einigen Tassen ökologisch angebauten Kaffees, der auch ohne Pad oder Kapsel ein herrlich malziges Aroma liefert, bin ich bereit. Ein wenig unsicher jedoch, was mich erwartet, denn immerhin ist es noch stockfinster, und der Regenwald um uns herum wird auch von Schlangen, Kaimanen und Skorpionen bewohnt – wie es sich gehört. Immerhin haben wir alle vor unserer Anreise in eine Lebensversicherung eingewilligt, die die Cristalino Lodge für alle Gäste ausstellt. Ein etwas ungewohnter Auftakt …

Nur als geduldeter Zaungast

Wir haben Brads Anweisungen bezüglich unserer Kleidung befolgt: lange ­Hosen, feste Schuhe, die Hosenbeine in die Socken gestopft, damit nichts und niemand versehentlich in die Hosenbeinröhre krabbeln kann. Lange Ärmel sind angeraten – und dann natürlich Sonnenschutz, sobald sich der Himmelskörper zeigt.

Wir steigen in eines der langen, schlanken Motorboote, und George, ein Einheimischer, rast mit uns im Dunkeln über den Cristalino River, an dessen Ufer die Lodge liegt. Der Himmel ist immer noch schwarz, die Natur entsteht langsam und schemenhaft vor unseren Augen. George kennt den Fluss in jedem Zustand, und da gibt es große Schwankungen. Jetzt zu Beginn der Trockenzeit sind einige der Felsen und Stromschnellen schon wieder zu sehen. Das Wasser wird in den nächsten Wochen weiter fallen und seine Tücken preisgeben. Mit der Regenzeit steigt dann der Pegel um sechs Meter und schafft hinterhältige Felsenfallen. Für George kein Problem, er kennt seinen Fluss und orientiert sich an den Bäumen am Ufer. Nach wenigen Minuten steigen wir auch schon wieder aus und marschieren im Gänsemarsch hinter Brad durch den Dschungel. Ein schmaler Pfad, der sich durch das Dickicht schlängelt und über dem die Bäume wie ein Dach zusammenwachsen. Längst ist das Leben erwacht, man hört Vogelstimmen in allen Varianten bis hin zum lauten Krächzen der Papageien und dem permanenten Zirpen von Grillen, alles unterlegt vom rhythmischen Quaken der Frösche und Kröten und von schrillen Schreien der Affen. Es ist schon mächtig etwas los – denn wir sind nicht allein unterwegs!

Nach etwa 20 Minuten erreichen wir den Turm, ein stählernes Aussichtsplateau in 50 Metern Höhe. Schwindelfrei sollte man sein, um diese atemberaubende Aussicht genießen zu können. Noch liegt der dichte grüne Blätterteppich im schummrigen Morgenlicht, dann geht es sehr schnell: Die Sonne steigt als riesiger roter Ball auf, wirft ihr helles Licht auf das grüne Dschungeldach und lässt es in den verschiedensten Schattierungen aufleuchten. Dort, wo sich der Cristalino River durch den Wald schlängelt, zieht sich ein zart hingetupftes Nebelband als Flying River entlang. Direkt unter uns entdecken wir Spider-Monkeys, ein ganzer Clan, der sich lautstark verständigt und elegant durch Baumkronen schwingt. Diese Affen haben ihren Namen von der Fähigkeit, den Schwanz ebenfalls zum Festhalten zu nutzen, und mit den langen Gliedmaßen sehen sie tatsächlich aus wie Spinnen.

Öko im Regenwald

Wir bleiben lange dort oben, weil man sich einfach nicht sattsehen kann an dieser wunderbaren Welt – die hier völlig intakt scheint.

Aber es ist eben ein Reservat, auf private Initiative hin entstanden, und das zu einer Zeit, als in Brasilien noch niemand etwas von Ökologie wissen wollte. Rund um dieses Paradies herum bei dem kleinen Städtchen Alta Floresta ist der Regenwald für Weideland bis zu 40 Prozent abgeholzt, wie wir bei unserer Anreise per Flugzeug und Geländewagen selbst sehen konnten. Denn Fleisch ist – wie in Argentinien auch – ein gewaltiger Markt in Brasilien.

Am Nachmittag haben wir dann auch Gelegenheit, mit der Gründerin dieses Naturreservats und Eigentümerin der ­Cristalino Jungle Lodge zu sprechen: Vitória da Riva war schon in den 1970er Jahren begeistert von Naturschutz und der Idee, ökologisch zu wirtschaften. Damit machte sie sich in Alta Flores­ta keine Freunde, aber der Kontakt zu Bewegungen im Ausland bestärkte die Pionierin des Ökotourismus: Sie setzte ihre Ideen unbeirrt um, und wurde dafür mehrfach international ausgezeichnet. Zunächst waren es vor allem Vogelfreunde, die schnell den wunderbaren Artenreichtum hier entdeckten. In den letzten Jahren hat es dann einen Wandel bei den Gästen gegeben. Viele kommen wegen des besonderen Naturerlebnisses, aber auch um Entspannung und angenehmen Komfort zu genießen. Diesen Brückenschlag hat man in der Lodge elegant vollzogen. Während die alten Gebäude noch ein wenig an eine Jugendherberge erinnerten, sind moderne Bungalows und seit 2013 ein neues Restaurant, eine Bibliothek und ein Versammlungsraum entstanden, alles im Sinne von Ökologie und Naturschutz. Die Zahl von 35 Gästen wird auch zukünftig nicht überschritten. Schließlich soll der Eingriff in die Natur so gering wie möglich bleiben.

Komfort darf sein

An die Eigenarten des Dschungel-Camps der gepflegten Art hat man sich schnell gewöhnt: So gibt es trotz der hohen Temperaturen um die 36 Grad keine Klimaanlage. Aber die Holzkonstruktionen der schlicht-schönen Bauten ermöglichen Lüftung durch hohe Räume und durchlässige, nur mit Mückennetzen bespannte Wände. Im Bungalow hat man vom Bett aus einen Rundumblick in den Dschungel, der bis ans Fenster heranreicht. Nachts herrscht lautes Leben da draußen: Es zirpt und trällert, untermalt von einem eher pumpenden Dauerton: Die „Gladiator Tree“-Frösche sitzen am Ufer des nahen Flusses und dokumentieren ihre Gebietsansprüche. Aber auch blutigen Kämpfen gehen sie – ihrem Namen entsprechend – nicht aus dem Weg. Und während man noch auf diese Signale lauscht, ist der Schlaf schon da – Zeitumstellung oder Hitze sind vollkommen unwichtig.

Auch daran, dass Strom nur zweimal am Tag für drei Stunden vom Generator geliefert wird, gewöhnt man sich schnell. Nur der Rückweg abends nach dem „Licht aus“ über die Waldwege zu entfernt gelegenen Bungalows ist etwas unheimlich, denn man könnte ja einer Schlange begegnen. Die sind hier ebenso heimisch wie die hübschen riesigen Schmetterlinge oder bunten Papageien. Eine einfache Taschenlampe beruhigt schon die Nerven! Für die Zukunft setzt man in der Lodge verstärkt auf Solarenergie. Erstaunlicherweise ist diese Technik in Brasilien sehr teuer – ein Hohn geradezu, denn Sonne ist in diesem Teil des Landes eine wirklich verlässliche Energiequelle!

Sieg der Angepassten

Trotz gleichbleibender Temperaturen durch das ganze Jahr verändert sich die Natur sehr stark. Der Wasserstand des Cristalino River fällt in der Trockenzeit um vier bis sechs Meter. Viele Bäume im Regenwald verlieren ihre Blätter, wenn sie auf felsigem Untergrund stehen, wo das Wasser abläuft. Erst mit der nächsten Regenzeit bilden sie ein neues Blätterdach. Die Böden des Regenwaldes sind eher nährstoffarm und verwittert wegen ihrer Millionen Jahre alten Geschichte. Die riesigen Wälder können nur aufgrund ihres perfekten Nährstoffrecyclings überleben: Tote Tiere und Pflanzen werden sofort zersetzt und dem Kreislauf wieder zugeführt. Zum Überleben ist Anpassung Voraussetzung, weil Licht und Nährstoffe unter dem dichten Dickicht Mangelware sind. Daher findet das Leben in mehreren „Etagen“ statt. Viele Pflanzen gelangen als Schlingpflanzen an das ersehnte Licht, andere sitzen als „Aufsitzerpflanzen“ (Epiphyten) oben auf großen Bäumen. Einige Baumarten verfügen über ausgreifende Stützwurzeln, die ihnen auf den kargen Böden Halt in der Breite verschaffen. Und mit denen sie zu feuchteren Regionen „wandern“ können – sie werden daher als „Walking Trees“ bezeichnet. Andere wieder sind mit 20 Meter langen Wurzeln auf der Bodenoberfläche auf der Suche nach Nahrung. Um diese Versorgungsadern vor dem Fraß der Kleinlebewesen auf dem Boden zu schützen, sind die Wurzeln häufig mit Dornen gespickt.

Ein gutes Beispiel für das Geben und Nehmen im Wunderwald des Amazonas ist der Paranussbaum. Mit etwa 50 Metern Höhe zählt er zu den Riesen im Regenwald, ist aber dennoch für den Erhalt der Art auf kleine Helfer angewiesen. 23 Samen stecken puzzleartig in der harten Schale der etwa Kokosnuss großen Frucht. Die Anordnung ist so platzsparend konzipiert, dass ein Wiedereinsortieren in eine geöffnete Frucht nicht gelingt. Vor allem aber ist die harte Schale sehr schwer zu knacken. Nur das Aguti, ein etwa 50 Zentimeter großes Nagetier, kann die begehrte Leckerei mit seinem starken Gebiss öffnen. Es frisst einen Teil, den Rest versteckt es als Vorrat und trägt so zur Ausbreitung der Paranüsse bei.

Welche Tier- oder Pflanzenart dieser ungeheuren Vielfalt einen auch immer am meisten fasziniert, die intensiven Eindrücke aus dem eigenwilligen und eigenartigen Dschungel bleiben im Kopf. Es gibt viele Gesichter dieses riesigen Landes, aber den übervollen Sternenhimmel mitten im tiefdunklen Regenwald sollte man sich als krönenden Abschluss keinesfalls entgehen lassen. Brasilien ist eine Reise wert, wahrlich nicht nur wegen der Fußball-Weltmeisterschaft. Aber die wäre doch ein guter Anlass …

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Amazonien – faszinierend ­wegen ­seiner Unberührtheit, seinen ­endlosen Regen­wäldern, seiner Arten­vielfalt mit dem Krauskopfarassari – und echter Samba-Schönheiten.
© Will Carter

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2014

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